Als wäre die Autoindustrie nicht schon genug mit Zöllen, Rohstoffpreisen und Softwarekomplexität beschäftigt, kommt ausgerechnet ein Bauteil zurück auf die Risiko-Landkarte, das lange als Standardware galt: Speicherchips. Konkret geht es um DRAM (Dynamic Random Access Memory) – also Arbeitsspeicher, der in modernen Fahrzeugarchitekturen längst zur Ausführung zentraler Funktionen unerlässlich ist: Cockpit/Infotainment, zentrale Rechner, Fahrerassistenz bis hin zu teilautonomen Features funktionieren nicht ohne die Halbleiter.
Auf der Wolfe Research "Auto, Auto Tech and Semiconductor Conference" Anfang 2026 ging eine Frage nach möglichen Engpässen in der DRAM-Versorgung direkt an die Ford-Finanzchefin Sherry House – die Expertin betonte, dass Ford aktuell zwar ausreichend versorgt sei, aber einen Preisdruck spüre. Ford sieht also ein kommendes Kostenproblem: Wenn Speicher teurer wird, landet das in Kalkulationen – und damit mittelbar in Ausstattungspaketen, Margen und am Ende oft auch im Preis.
KI-Speicher nimmt Automarkt in die Zange
Diesmal konkurriert das Auto bei der Chip-Versorgung nicht primär mit Smartphones oder Laptops – sondern mit KI-Rechenzentren. Moderne KI-Beschleuniger arbeiten mit HBM (High-Bandwidth Memory), einer besonders schnellen und für die Chiphersteller auch margenstarken DRAM-Variante. Dafür verlagern die Chip-Hersteller ihre Produktions-Kapazitäten – und genau das kann die Versorgung mit "normalem" DRAM für andere Branchen verknappen.
Der US-Finanzdienstleister S&P Global beschreibt: Weil Fertigungslinien auf HBM umschwenken, zieht das Angebot an konventionellem DRAM an – mit entsprechendem Preisdruck. Das Fachmagazin IEEE Spectrum (IEEE: Institute of Electrical and Electronics Engineers) liefert den technischen Hintergrund: HBM ist aufwendig (3D-Stacking, TSVs, Packaging nahe am GPU/Accelerator) und bindet Ressourcen – das macht den Ausbau langsam und den Markt nervös. Und die Nervosität ist längst messbar: Laut Wall Street Journal, das sich auf Analyse-Ergebnisse des Marktforschers Counterpoint Research bezieht, sollen DRAM-Preise seit Ende des Vorjahres um 80 bis 90 Prozent gestiegen sein – getrieben durch KI-Nachfrage.
Abgrenzung zum Chipmangel 2021
Der große Chipmangel 2020/2021 war vor allem eine Breitenkrise: Viele Komponenten (MCUs, Analogchips, Power-Management) fehlten gleichzeitig, ausgelöst durch Pandemie-Schocks, Logistik, falsch prognostizierte Nachfrage und die Abhängigkeit von wenigen Herstellern. Die Folge waren massive Produktionsausfälle. Dieses Mal drohen eher ein Preisschock und eine Priorisierung – so sieht es jedenfalls Ford. S&P Automotive Insights ordnet das ein: Der erwartete DRAM-Mangel sei voraussichtlich nicht so dramatisch wie 2021, könne aber disruptiver sein und länger anhalten als einzelne Zwischenfälle der jüngeren Zeit, weil der Kapazitätsausbau Jahre dauert.
Dass Speicher plötzlich so kritisch wird, liegt auch an der Elektronik-Eskalation im Fahrzeug: große Infotainment-Landschaften, permanentes Sensor-Processing, datenhungrige Assistenzfunktionen, OTA-Updates, zunehmend zentrale Rechner statt vieler kleiner Steuergeräte. Micron verweist in diesem Zusammenhang unter Berufung auf S&P Global Mobility auf eine Zahl, die zeigt, wohin die Reise geht: 2026 liegt der durchschnittliche Speicherbedarf pro Auto bei rund 278 GB RAM+NAND (NAND: Not AND – Flash-Speicher), im High-End-Bereich sogar in Richtung Terabyte. Zum Vergleich: 2023 betrug der durchschnittliche Speicherbedarf noch etwa 90 GB.

Aufgrund von rasant fortschreitender Digitalisierung steigt der Speicherbedarf in Autos massiv an. Aber auch KI-Rechenzentren sind enorm speicherhungrig, was die begehrten Speicherchips teuer macht.
Je höher der Speicherbedarf, desto größer die Angriffsfläche für Preisschwankungen. Wenn DRAM knapp und teuer wird, haben Hersteller im Kern drei Stellhebel:
- Preise anheben (direkt oder indirekt über Pakete/Listenpreise)
- Ausstattungen umbauen (z. B. Features bündeln, Chipspezifikationen vereinheitlichen, Varianten reduzieren)
- Lieferzeiten strecken (wenn bestimmte Module/Domain-Controller nicht rechtzeitig verfügbar sind)
Welche Option zieht, hängt davon ab, wie stark der Preisdruck tatsächlich durchschlägt. S&P/Visible Alpha erwartet für konventionelles DRAM 2026 teils deutliche ASP-Sprünge (Average Selling Price – durchschnittlicher Verkaufspreis) – eine Warnung, dass es nicht nur um Preissteigerungen in Höhe von ein paar Prozent gehen könnte.

Harte Konkurrenz: Die Autoindustrie ist als Speicherchip-Käufer mächtig - die KI-Industrie ist allerdings viel mächtiger.
Was Hersteller jetzt tun: weniger Varianten, mehr Standards, mehr Verträge. Schließlich frisst der KI-Ausbau Chips oft jahrelang im Voraus. Das Wall Street Journal betont, dass große Player ihre KI-Speicherbedarfe teils weit in die Zukunft absichern – was den Rest des Markts zusätzlich unter Druck setzt.
Für Autobauer heißt das ganz pragmatisch: Wer nicht langfristig bindet, muss die kurzfristig bestimmten aktuellen Preise zahlen – und können gehörig schwanken.





