Bei Ferrari wehren sie sich immer lange gegen Automobile Trends. Ein SUV von Ferrari – nie. Dann kam er aber in Form des Purosangue doch. Hybridantriebe – sind ebenfalls bereits eingeführt und von der Kundschaft akzeptiert. Und jetzt steht der erste rein elektrisch angetriebene Ferrari bereit. Der heißt Luce wie Licht. Und auch bei diesem Ferrari gilt: Alle entscheidenden Komponenten fertigen die Italiener selbst. Von den Elektromotoren bis zum Akku wird auch für die neue Baureihe jedes Element in Maranello produziert.
Und der Luce ist ein mächtiges Statement, nicht nur wegen seines Antriebs. Er streckt sich auf stattliche 5,03 Meter und überragt damit alle anderen Modelle des Hauses. Die Breite beträgt knapp zwei Meter, die Höhe liegt bei 1,54 Meter. Mit einem Radstand von 2.961 Millimetern bleibt er etwas unter dem Purosangue.
Karosserie und Design
Und wie lässt sich der Luce formal einordnen? Hm, irgendwo als Mix zwischen Limousine und Shooting Brake. Entworfen wurde er von Sir Jony Ive und Marc Newson vom Kreativkollektiv LoveFrom. Damit stammt das Design nicht aus Italien, sondern aus Kalifornien, wobei Ferrari-Designchef Flavio Manzoni natürlich immer ein Auge auf die Entwicklung geworfen hat. Herausgekommen ist dabei ein Ferrari, der völlig anders aussieht, als alles was man von den Italienern bislang gekannt hat.
Die extrem aerodynamisch gestaltete Karosserie soll den besten cW-Wert liefern, den je ein Serien-Ferrari aufgefahren hat. Alle Oberflächen des Viertürers wurden glatt, stufenlos und ununterbrochen angelegt, um den Luftstrom zu optimieren und Verwirbelungen zu minimieren. Alle Linien sind fließend angelegt. Die Front- und Heckleuchten sind transparent und Teil der primären Oberflächen. Im ausgeschalteten Zustand sind sie so quasi nicht zu sehen. Aktive Aerogitter regulieren den Luftstrom zu den Kühlern. Die vier Türen öffnen gegenläufig.
Das Interieur
Der Innenraum, der Dank des Entfalls eines Mitteltunnels für einen Ferrari außergewöhnlich viel Platz bieten soll, lässt sich wahlweise als Vier- oder Fünfsitzer konfigurieren. Das Cockpit setzt auf ein Dreispeichenlenkrad mit wenigen Bedienelementen. Darunter auch im E-Ferrari das Manettino. Die Displays vor dem Fahrer und mittig an der Armaturentafel erinnern an iPhones, stammen aber von Samsung. Gorilla Glas sorgt für Schutz, Aluminium zusammen mit Leder für den edlen Look. Einen detaillierten Einblick ins Cockpit konnten wir bereits vorab nehmen. Weitere Displays stehen den Fondpassagieren zur Verfügung. Alle Sitze lassen sich individuell elektrisch verstellen – die Bedienung gestaltet sich intuitiv und einfach. Die Vordersitze sind beheizbar und optional mit einer Massagefunktion erhältlich.
Für den guten Sound an Bord sorgt ein 3.000 Watt-Audiosystem mit 21 Lautsprechern. Die liefern auch den künstlich generierten Verbrenner-Sound, den der Antrieb eben nicht mehr erzeugen kann. Gesteuert wird der, wie auch viele andere Funktionen, vom zentralen Fahrdynamiksystem. Aber dazu später mehr.
Elektroantrieb mit vier Motoren
Für den Luca hat Ferrari eine komplett neue und komplett eigenständige Plattform entwickelt. Wo sonst aufgeladene Sechs- und Achtzylinder oder sogar V12-Saugmotoren regieren bestimmt hier 800-Volt-Technologie die Performance. Im Luce setzen die Italiener auf vier E-Maschinen – eine je Rad – die es zusammen auf eine Systemleistung von 772 kW bringen. Nach alter Währung sind das 1.050 PS. Das maximale Drehmoment liegt bei 990 Nm. Die E-Motoren an der Vorderachse steuern zusammen 210 kW und 280 Nm bei, die hinteren Pendants kommen auf zusammen 620 kW und 710 Nm. Damit liegt der Luce in Sachen Leistung schon mal im richtigen Korridor.
Energie für den Antrieb liefert eine brutto 122 kWh große Batterie, die als strukturelles Element im Boden und unter den Rücksitzen sitzt und Reichweiten von bis zu 530 Kilometer nach WLTP ermöglichen soll. Kein Sensationswert, aber ebenfalls auf Augenhöhe der Verbrenner-Ferraris. Nachgeladen werden kann mit bis zu 350 kW-Ladeleistung. So sollen in 20 Minuten etwa 70 kWh gebunkert werden. Für den kleinen Hunger ist ein 22-kW-On-Board-Lader verbaut. Die Pouchzellen stammen vom koreanischen Batteriespezialisten SK.
Trotz eines Gewichts von 2.260 Kilogramm (nur knapp 230 Kilogramm mehr als der Purosangue leer) spurtet der Luce mit seinem Allradantrieb in 2,5 Sekunden von null auf 100 km/h. 200 km/h werden nach 6,8 Sekunden erreicht. Und wer glaubt, Ferrari würde den Luce in Sachen Höchstgeschwindigkeit mit Rücksicht auf den E-Antrieb drosseln – pah – satte 310 km/h sollen möglich sein. Auch in diesem Punkt ist der Luce also ganz Ferrari. Wenn es nicht volle Power sein muss, lässt sich die Antriebsleistung auch in Stufen mit 320 und 460 kW fixieren. Die Höchstgeschwindigkeit ist dann allerdings auf 260 km/h reglementiert.
Chassis, Sound und Fahrdynamik
Das Chassis kombiniert Hohlgussteile, Strangpressprofile und Aluminium, während an der Karosserie Strangpressprofile und Aluminiumblech zum Einsatz kommen. Beim Fahrwerk des Luce setzt Ferrari auf aktiv gesteuerte Federelemente. Bei höheren Tempi wird die Karosserie automatisch um 10 Millimeter abgesenkt. Eine Allradlenkung fördert die Agilität. Eine zentrale Recheneinheit steuert in Echtzeit Traktion, Rekuperation, Lenkwinkel, Federung und Drehmomentverteilung an jedem Rad. Das Soundmodul ergänzt basierend direkt auf an den Achsen und den Motoren aufgenommener Geräusche jeweils den passenden Klangteppich. Über das e-Manettino sind fünf verschiedene Grundeinstellungen für die Dynamikregelung möglich. Hinter dem Begriff Torque Shift Engagement steht im Luce ein System, das die Drehmomentabgabe und Motorbremswirkung progressiv beeinflusst und so das Dynamikgefühl der Passagiere weiter anschärft.
Der begleitende Sound wird sowohl über ein externes Verstärkersystem, das natürliche Klangwellen erzeugt, als auch über ein internes System mit hoher Detailtreue und Klangqualität abgegeben. Der Innenraumsound ist dabei auch außerhalb des Fahrzeugs wahrnehmbar. Ferrari verspricht einen authentischen Ferrari-Sound.
In den Radläufen stecken mächtige Leichtmetallfelgen, die in zwei Designs zur Wahl stehen. Vorn in der Dimension 23 Zoll mit 265/35er-Reifen. Hinten werden sogar 24-Zöller mit 315/30er-Pneus montiert. Dahinter sorgen Carbon-Keramik-Stopper im Pizza-Format (390 mm vorn und 372 mm hinten) für standesgemäße Verzögerungswerte. Die Gewichtsverteilung wird mit 47 zu 53 Prozent angegeben.
Als Elektromodell beherrscht der Luce aber auch ganz banale Dinge wie eine Batterie- und Kabinen-Vorkonditionierung, auch per App. Beim Thema Nutzwerk punktet auch das Kofferraumvolumen von beachtlichen 597 Litern. Und natürlich sorgt auch im Luce eine ganze Armada an Assistenzsystemen für zusätzliche Sicherheit.
Preise für den neuen Luce nennt Ferrari nicht. Der ist aber bei der Ferrari-Klientel sowieso eher zweitrangig. Kolportiert werden rund 500.000 Euro. In jedem Fall enthalten, sind wie bei jedem anderen neuen Ferrari auch, sieben Jahre Wartung. Zu haben sein wird der Luce in den Farben Azzurro la Plata, Giallo Luce, Rosso Dino, Bianco Artico und Rosso Fiammante.
