Bergrennen Saint-Ursanne – Les Rangiers 2022 - Berg-Europameisterschaft - Schweiz Dino Eisele
Bergrennen Saint-Ursanne – Les Rangiers 2022 - Berg-Europameisterschaft - Schweiz
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Bergrennen Saint-Ursanne: Der wildeste Pass

Bergrennen Saint-Ursanne – Les Rangiers Motorsport in seiner radikalsten Form

Einmal pro Jahr verwandelt sich das idyllische Mittelalterstädtchen Saint-Ursanne in eine Hochburg des Bergrennsports. Tief im Schweizer Jura verborgen liegt dort der Startpunkt einer der verehrtesten, aber auch gefürchtetsten Strecken der Szene. Zu Besuch am geschichtsträchtigen Col des Rangiers.

Entspannt plätschert der Fluss Doubs unterhalb der bunt angestrichenen Altstadt vor sich hin. Radfahrer und Wanderer genießen an seinem Ufer das Wochenende und sonnen sich in den immer mal wieder durchbrechenden Lichtstrahlen. Plötzlich erschallen erst ein dumpfes Brummen aus der Ferne, dann ein gequältes Quietschen. Ein kurzes Brüllen und mehrfaches Knattern später kehrt im Tal wieder Ruhe ein – wenn auch nur für wenige Sekunden.

Seit dem Jahr 1955 bringt die Bergrennszene Motorsport in seiner extremsten Form in das sonst beschauliche Städtchen Saint-Ursanne. Los ging die Hatz hoch zum Col des Rangiers zwar bereits 1926 im nahe gelegenen Develier. Wirklich bekannt wurde sie aber mit dem Wechsel auf die 5,18 Kilometer lange Schneise mit ihren drei Charakter-Passagen. Der Start liegt im von schroffen Mauern eingerahmten, dörflichen Teil, wo sich die Autos zunächst an Scheunen, modernen Einfamilienhäusern und einer kleinen, aus der Zeit gefallenen Tankstelle vorbeischlängeln.

Anschließend schießen die Renner unter einem Aquädukt und einer Autobahnbrücke hindurch dem Wald entgegen – der wahrscheinlich größten Mutprobe des Jahres. Der deutsche Prototypen-Pilot Alexander Hin schwärmt über die nicht enden wollenden Highspeed-Kurven: "Es ist die adrenalinreichste Strecke. Wenn man dort mit über 180 km/h Höchstgeschwindigkeit fährt, ist es ein absoluter Wahnsinn." Als krönender Abschluss fungieren drei Serpentinen. Obwohl die Autos hier fast in Zeitlupe schleichen, haben es auch diese Haarnadelkurven in sich. Wer die Konzentration verliert, verliert schnell die Kontrolle über sein Fahrzeug. Wer es wieder einfangen kann, atmet im Ziel doppelt durch.

Wettstreit zwischen Sicherheit und Limit

Über mehr als 125 Jahre hinweg sind Bergrennen die ultimative Kombination aus Risiko und Belohnung. Kein anderer Ort beweist das derart eindrucksvoll wie Saint-Ursanne mit seiner erbarmungslosen Pass-Straße. Zwar verhindern die für die Läufe der Europameisterschaft vorgeschriebenen Doppelleitplanken meist den Sturz in die Tiefe, doch häufig drohen nur eine Handbreit entfernt unnachgiebige Bäume, Felsbrocken und Pfosten. Besonders bei den für den Sommer typischen intensiven Regenschauern wird die Bahn zu einer furchterregenden Grenzerfahrung, wenn sich kleine Bäche teils überraschend über den Asphalt ergießen.

Im Jahr 2010 starb mit dem Franzosen Lionel Régal bei solchen Bedingungen eine Szene-Legende in Saint-Ursanne, als sein Formel-Rennwagen von der nassen Strecke abkam und mit einem Baum kollidierte. Bereits sein Vater Marc Régal war bei einem Bergrennen ums Leben gekommen. Der Sport erlebt regelmäßig solche Tragödien – ist davon jedoch keinesfalls abgestumpft. Jeder Teilnehmer ist sich der ultimativen Konsequenzen bewusst, manche Fahrer verzichten sogar trotz des stetigen Nachbesserns der Organisatoren auf den Schweizer Lauf der Berg-EM.

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Regen gehört zur Folklore des traditionsreichen Bergrennens. Schon Joakim Bonnier, Jim Clark und Jo Siffert kämpften sich auf nasser Fahrbahn nach oben.

Breitensport mit Profi-Rechnungen

Wer angesichts dieser Umstände nun eine Truppe exzentrischer Hasardeure im Paddock erwartet, wird sehr schnell enttäuscht werden. Beim Gang durch den Vorstart-Bereich wird sofort klar: Bergrennen sind klassischer Breitensport für völlig normale Leute. Selbst bei den gesamtsiegfähigen, über 500 PS starken Prototypen sucht man werksunterstützte Projekte vergeblich. Und nur vereinzelte Fahrer wie Christian Merli aus dem Trentino kommen der Vorstellung eines Profis zumindest nahe – auch wenn man es dem Italiener nicht anmerkt.

Der Schwarzwälder Alexander Hin, der parallel zu einem Programm in der Deutschen Berg-Meisterschaft im Team von Merli antritt, erklärt: "Er ist völlig ehrlich und hält keine Informationen zurück. Es kann auch vorkommen, dass man ihn am Freitag in einer Bar trifft. Der Christian ist kein Kind von Traurigkeit." Hin gehört im normalen Leben ein Hausbau-Unternehmen. Das automobile Bergsteigen betreibt er ausschließlich als kostspieliges Hobby. Über die Jahre fand er in seiner Familie und im Bekanntenkreis nicht nur Unterstützer, sondern mittlerweile von ihm inspirierte Konkurrenten.

Wie aufwendig das ungewöhnliche Hobby sein kann, weiß der Schweizer Reto Meisel zu bezeugen, der in seinem Mercedes SLK 340 zu den Publikumslieblingen gehört. Nur die Rohkarosse, die Türgriffe und der Stern auf der Haube sind an dem Berg-Monster original, der Rest des Projekts ist ein waschechter Eigenbau. Zusammen mit dem Motor, einem 610 PS starken V8 der Marke Judd, bringt der Allrad-Mercedes 795 Kilogramm auf die Waage. "Unsere Rennen sind wie Dragster-Sport: Für ein paar Sekunden wird ein Riesenaufwand betrieben. Da darf man den Sinn und die Details nicht hinterfragen. Die Passion und die Begeisterung sind speziell", resümiert der Autohaus-Besitzer aus der Grenzregion zu Deutschland.

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Reto Meisels Mercedes SLK 340 gehört auch dank des Funkenflugs zu den Fanlieblingen. Der Eigenbau kostete etwa so viel wie ein GT3-Kundenrenner für die Nordschleife.

Rückkehr und unerwarteter Rekord

Deswegen ist Reto Meisel nicht überrascht, dass trotz der weiter schwierigen Umstände so viele nach zwei Jahren Unterbrechung ins Jura zurückgekehrt sind. Darunter ist auch Vanessa Zenklusen, die einzige Frau im diesjährigen Feld. Die Subaru fahrende Schweizerin antwortet auf die sicher nicht zum ersten Mal gestellte Frage nach fehlenden Konkurrentinnen schmunzelnd: "Wir haben uns schon darüber unterhalten und überlegt, ob viele vielleicht schwanger geworden sind." Mit ernsterer Stimme ergänzt sie dann: "In den letzten zwei Jahren war wegen Corona Pause, da lief gar nichts. Eine etwas breiter aufgestellte Szene wäre schon schön, aber mit den Männern komme ich genauso klar."

Über einen Funktionärsjobs am Streckenrand lernte sie den Sport erst von außen kennen. Schnell wurde ihr aber klar: "Mir reicht es, ich baue mir selbst ein Auto auf." Ihr Versprechen an sich selbst machte sie dann über mehrere Etappen wahr. "2016 ging es mit einem Straßenfahrzeug bei mir los. Dann bin ich von einem Fünftürer auf ein Coupé gewechselt, das noch rechtsgelenkt war. Anschließend habe ich dieses Chassis gekauft und alles neu aufgebaut. 2020 wurde das Auto zum Linkslenker, dazu ist der Motor neu." Die sympathische Hallauerin wusste die Pause also zu nutzen.

Ebenfalls ungeduldig wird zweifelsohne Christian Merli auf das Comeback gewartet haben. Bei der vorher letzten Ausgabe im Jahr 2019 duellierte er sich mit seinem Landsmann Simone Faggioli um den Streckenrekord – und unterlag knapp. Trotz der Abwesenheit seines geschätzten Rivalen war das diesjährige Ziel die Revanche. Obwohl der Regen am Trainingssamstag die Abstimmung massiv erschwerte, knallte der Italiener im letzten der zwei Läufe – auch zur eigenen Überraschung – mit 1.39,201 Minuten die neue Bestzeit hin. Zur Feier des historischen Tages stieß der Sieger mit seinem Team an und signierte noch lange nach der Rückkehr ins Paddock Poster. Bereits mit der Dämmerung kehrte aber schon die altbekannte Ruhe in die mittelalterlichen Gassen zurück.

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