IndyCar-Interview: Indy-500-Sieger Simon Pagenaud Motorsport Images

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Interview Indy-500-Sieger Simon Pagenaud

IndyCar-Star Simon Pagenaud im Interview „Grosjean und ich sind sehr unterschiedlich“

Der Franzose Simon Pagenaud gewann als letzter Europäer das legendäre 500-Meilen-Rennen von Indianapolis. Im Gespräch mit auto motor und sport erklärt der 38-Jährige die Kunst hinter der wilden Ovalfahrt, warum der Formel-1-Boom keine Gefahr ist und weshalb Romain Grosjean seine Tipps nicht braucht.

In Europa hält sich hartnäckig das Klischee, dass Oval-Rennen nur simples "Im-Kreis-fahren" sind. Was entgegnen Sie als Sieger des prestigeträchtigsten Oval-Laufs der Welt?

Pagenaud: Als ich nach Amerika kam, habe ich davon geträumt, die IndyCar-Meisterschaft und das Indy 500 zu gewinnen. Als Europäer war mir natürlich klar, dass ohne Oval-Erfahrung ein langer Weg vor mir liegt. Über die Jahre habe ich jedoch gelernt, den Sport dort zu lieben. Vor allem der Indianapolis Motor Speedway liegt mir, da meine konstante und reflektierte Fahrweise hier besonders zur Geltung kommt. Das Indy 500 vereint alle Dinge, die ich am Motorsport liebe. Bereits das Qualifying hier ist ein echtes Spektakel, und auch wenn es nur vier Kurven sind: Es ist niemals einfach, hier zu fahren.

Viele Oval-Anfänger hadern in den ersten Jahren mit der eigenwilligen Disziplin, aber verstehen mit fortlaufender Zeit die Faszination dahinter. Wie war Ihr Lernprozess?

Pagenaud: Ich bin es langsam und schrittweise angegangen. Meine allererste Priorität war simpel: Schlage ja nicht in die Mauer ein und bringe das Auto heil zurück! Denn: Ohne Auto kann man nicht weiter testen. So habe ich das nötige Vertrauen in mich und die Fahrzeuge gefunden und gelernt, wie man ein Setup für Ovale entwickelt. Die nächste Lernstufe war dann das Verstehen der Art und Weise, wie man gegeneinander fährt. Erst 2018, also ein Jahr vor meinem Indy-500-Sieg, habe ich das Level erreicht, das es braucht, um ganz oben mitzufahren. Es ist wirklich wie Schachspielen: Man muss wissen, wo, wie und wann man Angriffe wagt. Ganz wichtig ist, dass man dabei nie in Panik verfällt.

IndyCar-Interview: Indy-500-Sieger Simon Pagenaud
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Im Jahr 2019 gewann Simon Pagenaud mit dem Team Penske das Indy 500. Zur Feier des denkwürdigen Tages gab es einen herzhaften Schluck aus der traditionellen Milchflasche.

Sie waren als Gast beim Großen Preis von Miami und erlebten den aktuellen US-Boom der Formel 1 hautnah. Wie sehen Sie die stark gewachsene Formel-Konkurrenz?

Pagenaud: Es war ein großartiges Erlebnis und ich habe sehr viele alte Freunde aus meiner Zeit in Europa getroffen. Zum Beispiel traf ich Frédéric Vasseur, der damals mein erster Teamchef war. Ich bin ein großer Fan der Formel-1-Szene und habe mir fasziniert die Technik angeschaut. Als Beobachter war es ebenfalls spannend zu sehen, wie die Formel 1 ihre Events aufzieht. Aus der sportlichen Sicht denke ich aber, dass die IndyCar das bessere Produkt hat.

Sind Sie als Technik-Enthusiast manchmal neidisch auf die F1-Autos?

Pagenaud: Hier muss man differenzieren. In der Formel 1, aber auch in der Prototypen-Szene, liegt ein großer Fokus auf der Entwicklung von Technik. Aufgrund der großen Geheimhaltung ahnen viele nicht einmal, wie fortschrittlich die Autos mittlerweile geworden sind. In der IndyCar steht hingegen das sportliche Produkt im Mittelpunkt. Die 33 Autos beim Indy 500 sind bis auf Details quasi gleich. Hier machen die Fahrer und die Teams im Rennen den Unterschied. Es gibt auch viel mehr strategische Möglichkeiten als in der Formel 1.

Könnte die Formel 1 sogar etwas von der IndyCar lernen?

Pagenaud: Beide Serien sind zu unterschiedlich und verfolgen andere Ansätze. Meines Erachtens stehen sie auch nicht in einem direkten Wettbewerb zueinander. Es wäre ein Fehler, wenn die Formel 1 sich zu stark von ihrer faszinierenden Technik wegbewegt.

IndyCar-Interview: Indy-500-Sieger Simon Pagenaud
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Die IndyCar-Meisterschaft gilt als die am härtesten umkämpfe Formel-Serie der Welt. Besonders auf Ovalen wie dem Indianapolis Motor Speedway entscheiden häufig Hundertstel.

Die Qualifikation zum Indy 500 hat eindrucksvoll gezeigt, wie eng der Wettbewerb in der IndyCar geworden ist. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Pagenaud: Mit drei Streckentypen – Ovale, Rundstrecken und Stadtkurse – haben wir den diversesten Kalender aller Formel-Serien. Hier kommt es sowohl bei den Fahrern als auch bei den Ingenieuren auf unterschiedliche Fähigkeiten an. Mittlerweile ist das Niveau so hoch, dass selbst kleinste Details, die vor sechs Jahren vielleicht noch hinten rüber fielen, aufwändig analysiert werden. Alle Komponenten müssen zusammenkommen, damit man Erfolg hat. Deswegen gibt es so viele unterschiedliche Sieger: Man kann nicht jedes Wochenende alles korrekt machen. Siegesserien eines Fahrers sind unmöglich geworden.

In den letzten Jahren fuhren Sie für das legendäre Team Penske. Im Winter sind Sie zu den amtierenden Indy-500-Siegern von Meyer Shank Racing gewechselt, die trotz des letztjährigen Erfolgs noch als Underdogs gelten. Wie groß war die Umstellung?

Pagenaud: Tatsächlich ziemlich groß! In der Winterpause haben wir viel arbeiten müssen, um das Team auf die Saison vorzubereiten. Da die Mannschaft im Vergleich zum Team Penske deutlich kleiner ist, braucht es nicht nur eine gute Disziplin, sondern auch eine effiziente Kommunikation. Nach einer kleinen Anlaufzeit ist das Team mittlerweile zusammengewachsen.

Als IndyCar-Meister und Sieger des Indy 500 haben Sie Ihre zwei großen Träume erfüllt. Warum haben Sie trotzdem nochmal eine so große Herausforderung angenommen?

Pagenaud: Ich vergleiche es gerne mit dem Wechsel von Michael Schumacher zu Ferrari oder von Lewis Hamilton zu Mercedes– auch wenn die Tragweite bei mir natürlich eine ganz andere ist. Es reizt mich sehr, ein aufstrebendes Team zu unterstützen und mit meiner Erfahrung bei der Detailsuche zu helfen. Das Potenzial ist da, aber es wird noch etwas dauern, bis wir überall um den Sieg mitkämpfen können.

IndyCar-Interview: Indy-500-Sieger Simon Pagenaud
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Neben der IndyCar ist Simon Pagenaud auch in der Sportwagenszene aktiv. Ende Januar siegte er mit Meyer Shank Racing und Hondas Sportmarke Acura bei den 24 Stunden von Daytona. Eine Rückkehr nach Le Mans ist sein nächstes großes Ziel.

Könnten Sie sich vorstellen, zukünftig auf die Management-Seite zu wechseln?

Pagenaud: Ich war schon immer an Themen wie der Performance-Analyse interessiert und will unbedingt dem Sport erhalten bleiben. Wenn Meyer Shank Racing mir einen Job auf der anderen Seite der Boxenmauer anbieten würde, wäre ich sofort interessiert.

Werden Sie auch in das LMDh-Projekt von Meyer Shank Racing und Honda involviert sein?

Pagenaud: Ich will unbedingt nach Le Mans zurückkehren und hatte in diesem Jahr bereits Gespräche dazu. Aber leider fahren wir parallel mit der IndyCar auf der Road America. Der Traum eines Siegs in Le Mans bleibt trotzdem bestehen, und wenn Meyer Shank Racing und Honda mit mir dort hinreisen wollen, werde ich es gerne tun.

Zurück zum amerikanischen Teil der "Triple Crown": Wie verlief Ihr Qualifying?

Pagenaud: Ich hatte in der Qualifikation etwas Pech mit meinem zugelosten Zeitfenster und musste als 30. Starter bei sehr warmen Temperaturen die vier Runden fahren. Mit Platz 16 bin ich aber dennoch zufrieden, da ich im Vergleich zu den anderen Fahrern in diesem Zeitraum eine bessere Performance hatte. Ohne den Regenschauer wäre vielleicht sogar eine Chance auf das Top-12-Qualifying am Sonntag drin gewesen. Nachdem ich letztes Jahr auf dem 26. Rang starten musste, will ich mich aber nicht beschweren. Mit dieser Ausgangsposition und dem gezeigten Speed können wir arbeiten.

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Die 106. Ausgabe des Indy 500 findet am 29. Mai statt. In Deutschland zeigt Sky das wilde Vollgasspektakel.

Durch einheitliche Chassis und recht ähnliche Motoren von Chevrolet und Honda liegen die Autos im Mittelfeld nahe beieinander. Wie kann man sich im Rennen trotzdem nach vorne arbeiten?

Pagenaud: Als Team hat man verschiedene Downforce-Einstellungen zur Auswahl, um sich von der Konkurrenz zu unterscheiden. Das Ziel ist es, einen guten Mittelweg aus Top-Speed und Geschwindigkeit in den Kurven zu finden. Durch diverse Variablen wie beispielsweise die Strecken- und Lufttemperatur ist es sehr herausfordernd. Darüber hinaus kann man über die Mechanik in die Fahrzeug-Balance eingreifen und die Übersetzung anpassen.

Wie kann man im Rennen auf veränderte Bedingungen reagieren?

Pagenaud: Bei den Stopps lassen sich der Front- und der Heckflügel verstellen. Zusätzlich gibt es ein Tool namens "Weight Jacker", über das die Gewichtsverteilung im Auto verschoben wird. Wie in anderen Serien spielt auch der Reifendruck eine große Rolle. Wegen der Ovalkurven sind die äußeren rechten Reifen viel stärker aufgepumpt, was zur gewollten Asymmetrie beiträgt.

Helfen Sie Ihrem Landsmann Romain Grosjean mit Tipps bei seinem Indy-500-Debüt?

Pagenaud: Ich habe mit ihm während der Qualifikationstage gesprochen und ihm einige Tipps gegeben. Aber ganz ehrlich? Romain weiß, was er tut. Er und ich sind sehr unterschiedliche Fahrer. Seine Mentalität und sein Wille, Risiken einzugehen, sind von Beginn an höher als bei mir.

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