Professor Dr. Jürgen Mittag, Deutsche Sporthochschule Köln DSHS-Pressestelle

Interview mit Sportswashing-Experte Jürgen Mittag

Interview mit Sportpolitik-Experte Jürgen Mittag „Bloße Bekundungen reichen heute nicht mehr aus“

Mit Olympia in China und der Fußball-WM in Katar stehen 2022 zwei umstrittene Groß-Events an. Beide Länder nutzten schon früh Rennen, um sich als Sportnationen zu inszenieren. Wir haben mit dem Sportpolitik-Experten Jürgen Mittag über die Rolle des Motorsports in der Sportwelt gesprochen.     

Die Sportwelt hat sich in den letzten drei Jahrzehnten massiv verändert. Frei nach dem olympischen Motto "Schneller, höher, weiter" werden ihre Events immer extremer und kostspieliger. Sind wir noch mitten in dieser Spirale, oder ist ein Ende absehbar?

Mittag: Die Inszenierung und die Eventisierung des Sports haben zuletzt noch mal deutlich an Dynamik dazugewonnen. Sportgroßveranstaltungen sind seit den 1980er-Jahren zu herausragenden medialen Ereignissen geworden, was auch auf die Veränderungen im Mediensystem zurückzuführen ist. Beim Aufkommen von privaten Sendern und bei deren Konkurrenzkampf mit öffentlichen Medienanstalten hat der Sport eine wesentliche Rolle gespielt. Dabei kam es zu einer deutlichen Ausweitung der Kosten für Medienrechte.

Man muss sich das immer wieder vergegenwärtigen: Sportveranstaltungen sind ein Programminhalt, über den nicht nur berichtet wird, sondern für den auch erhebliche Summen bezahlt werden. Bei kulturellen, politischen oder anderen sozialen Events wird im Regelfall kein oder weitaus weniger Geld für Medienrechte gezahlt. Die erheblichen Summen, die zuletzt in den Sport geflossen sind, haben ihn auf vielen Ebenen verändert – zum Beispiel im Hinblick auf die Gehälter der Sportlerinnen und Sportler, aber auch auf die Rahmenbedingungen wie immer ausführlichere Umfeldberichte mit neuen Formaten und Sendern.

Ob diese Entwicklung dauerhaft so weitergeht, bleibt eine ambivalente Frage: Gerade während der Pandemie hat es deutliche Warnsignale gegeben, dass das Maß an Kommerzialisierung an Grenzen stößt, die zur Abwendung vom Sport führen können. Trotz alledem erfreut sich der Sport in den Medien heute immer noch anhaltender Beliebtheit und erzielt weiterhin die höchsten Quoten.

Wie sind der Motorsport und die Formel 1 innerhalb der Sportwelt einzuordnen?

Mittag: Die Formel 1 war eine der Wegbereiterinnen der jüngsten kommerziellen Veränderungen. Während der klassische olympische Sport lange das Ideal des Amateurismus hochgehalten und auf lukrative Geldquellen verzichtet hat, positionierte sich die Formel 1 vor allem unter der Ägide von Ecclestone, der die Medienrechte der Formel 1 geschickt verhandelte, am anderen Ende. Dies hatte Auswirkungen sowohl auf Teams und Fahrer als auch auf die Strecken.

Die olympische Bewegung hat sich erst in der Ära Samaranch vom Amateurgedanken endgültig verabschiedet und der Pionierarbeit der Formel 1 angenähert. Deswegen hatte der Motorsport früher gewissermaßen eine exotische und kommerzielle Sonderstellung, obwohl Sportlichkeit, Wettbewerb und Ideale wie Fairness und Teamfähigkeit gemeinsame Nenner waren. Mittlerweile ist es zu einer Annäherung beider Seiten gekommen, die sich zum Beispiel in der Anerkennung der FIA durch das Internationale Olympische Komitee und der Kooperation im E-Sport widerspiegelt.

Zuletzt betraten etliche Länder die Sportbühne, die nicht als klassische Ausrichter bekannt waren. Viele davon sind wegen fehlender demokratischer Standards umstritten. Auch hier ist die Formel 1 mit ihrem Kalenderumbau ab den 2000er-Jahren Vorreiterin. Was waren die Gründe?

Mittag: Bis zum Ende der 1990er-Jahre haben Sportgroßereignisse im Wesentlichen in den – im Regelfall demokratisch geprägten – OECD-Staaten der westlichen Welt stattgefunden, wo der Sport und seine Stätten historisch verankert sind. Im Zuge des Wirtschaftswachstums, der Liberalisierungstendenzen und der dynamischen Entwicklung der "emerging Countries" – vor allem von Brasilien, China, Indien, Russland und Südafrika, aber auch der Türkei – bewarben sich seit den 2000er-Jahren neue, finanziell gut gepolsterte, politisch jedoch nur begrenzt demokratisch ausgerichtete Staaten um sportliche Großveranstaltungen.

Dies geschah zu einer Zeit, in der solche Events im Westen an Grenzen gestoßen sind, da die öffentliche Bereitschaft für die hohen finanziellen Ausgaben immer geringer wurde. Viele Sportverbände entschieden sich deswegen, die Veranstaltungen in diese Schwellenländer zu vergeben. Diese Entwicklung kann man bis zur Gegenwart verfolgen. Mit den Olympischen Spielen in Peking und der WM in Katar markiert das Jahr 2022 einen vorläufigen Kulminationspunkt dieser Entwicklung.

Lando Norris - McLaren - GP Russland 2021 - Sotschi
Wilhelm
Olympia trifft auf Formel 1 – die Königsklasse fährt seit dem Jahr 2014 in Sotschi.

Die darauffolgenden Olympischen Spiele und die übernächste Fußball-Weltmeisterschaft finden wieder in vermeintlich klassischen Sportländern statt. Fand also ein Umdenken statt?

Mittag: Die internationalen Sportverbände haben in den letzten Jahren erkannt, dass das Wachstum ihrer Großveranstaltungen an seine Grenzen gestoßen ist. Es ist wichtiger geworden, dass die neuen Sportstätten auch nach den Events weiterhin genutzt werden und die Nachhaltigkeit mitbedacht wird. Zugleich beginnt man angesichts anhaltender öffentlicher Proteste, die eigene Vergabepolitik verstärkt an politisch-kritischen Rahmenbedingungen und an Menschenrechtsstandards auszurichten.

Kritiker sagen, dass die Formel 1 mit neuen Rennen in Katar und Saudi-Arabien genau das Gegenteil mache. Stichwort Sportswashing: also das Aufbessern des nationalen Images durch Sportveranstaltungen.

Mittag: Auch hier ist das Bild ambivalent: Auf der einen Seite bietet man autoritären Regimen mit entsprechenden Austragungsorten für Formel-1-Rennen eine Bühne zur Selbstdarstellung nach außen und auch zur Machtsicherung im Inneren. Auf der anderen Seite ist die Sportwelt im Zuge anhaltender Globalisierungsprozesse nicht mehr nur eine westliche. Deswegen gibt es auch zahlreiche Stimmen, die in einem immer umfassenderen Rennkalender fordern, einen Kontrapunkt zu den westlichen Ausrichtern zu setzen.

Dem Sportswashing werden auch dadurch gewisse Grenzen gesetzt, dass mit entsprechenden Austragungsorten auch immer ein Kulturaustausch einhergeht, bei dem die Sensibilität für die politisch-gesellschaftlichen Rahmenbedingungen gestärkt wird. Das Bewusstsein der Menschen für das Umfeld bei Sportveranstaltungen war noch nie so groß wie in der Gegenwart.

Zuletzt wurde viel über einen Boykott von Olympia diskutiert. Sollten Rennsport-Fans über einen Boykott von Saudi-Arabien und Co. nachdenken?

Mittag: Bei den Diskussionen handelt es sich vor allem um politische Boykotte, die wir schon im letzten Jahrzehnt verstärkt beobachten konnten – zum Beispiel bei der Fußball-EM in der Ukraine und Polen 2012, als westliche Staats- und Regierungschefs  zwar nach Polen reisten, aber wegen der inhaftierten Oppositionsführerin Julia Timoschenko sich weigerten, der Ukraine ihre Aufwartung zu machen. Die damit verbundene Symbolik hatte durchaus einen gewissen Erfolg und wurde zu einer Alternative zum Boykott durch Athletinnen und Athleten.

Für die Formel 1 ist dies aber nur schwer zu adaptieren, da hier Staaten beziehungsweise staatliche Repräsentanten eine weitaus geringere Rolle spielen. Stattdessen stehen eher Teams und Unternehmen im Blickfeld des Motorsports. Es stellt sich deshalb die Frage, inwieweit die Verantwortung an anderer Stelle anzusetzen wäre. Zum Beispiel könnten die entsprechenden Teams zumindest ihre Werbeaktivitäten vor Ort eingrenzen oder kritischer ausrichten. Eine zentrale Verantwortung sehe ich auch bei den Sponsoren, da über sie Einfluss auf die Sportveranstaltungen genommen werden kann. Dass Fans sich zurückziehen, hat bislang nicht funktioniert.

Max Verstappen - Red Bull - Formel 1 - GP Saudi-Arabien - Jeddah - Freitag - 3.12.2021
xpb
Der Grand Prix von Saudi-Arabien gilt als Musterbeispiel für das Thema Sportswashing.

Dem Motorsport hängt der Ruf nach, eine veraltete Männer-Welt zu sein. In den letzten Jahren gab es aber immer mehr Initiativen, die ihn weiblicher, diverser und nachhaltiger machen wollen. Was würde ihr Scheitern bedeuten?

Mittag: Die Gesellschaft unterliegt durch Einflüsse wie Digitalisierung und soziale Medien, aber auch durch eine immer stärkere Individualisierung und Pluralisierung, einem anhaltenden Wandel. Vieles, was heute Standard ist, wurde in den 1970er-, 1980er- und 1990er-Jahren nicht für möglich gehalten. Dies wirkt sich auch auf den Sport aus, der die Veränderungen – als Spiegel der Gesellschaft – nachvollziehen und zumindest zu einem Teil auch abbilden muss.

Wenn Sportarten wie der Motorsport nicht darauf reagieren, weckt dies Kritik. Das Ausmaß an Veränderungen und Anpassungen ist aber umstritten – in der Gesellschaft wie im Sport. Deswegen müssen auch im Sport gesellschaftliche Positionen und Werte verhandelt beziehungsweise neu ausgehandelt werden. Dabei ist es wichtig, dass die Akteure im Sport selbst tätig werden. Bei Themen wie politischer Verantwortung reichen bloße rhetorische Bekundungen heute nicht mehr aus.

Die Formel E und die Extreme E behaupten, dass sie als Elektro-Serien selbst zur Verbesserung beitragen würden. Was soll man davon halten?

Mittag: Beide Serien sind der Ausdruck eines gewandelten Bewusstseins, mit dem die Ausrichter zeigen wollen, dass man nicht nur den Veränderungen hinterherläuft, sondern sich an die Spitze von Entwicklungen setzen kann. Das passt zum angestrebten Bild der neuen gesellschaftlichen Verantwortung des Sports, bei dem auch Fragen von Umwelt und Klima eine große Rolle spielen. Der Motorsport ist hier Teil eines längerfristigen Reform- und Diskussionsprozesses, dem er sich nicht verschließen kann und der uns – mit offenem Ausgang – über die nächsten Jahre begleiten wird.     

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