Kaum eine Serie ist dermaßen brutal zu ihren Rookies wie die IndyCar. Denn die traditionsreiche US-Meisterschaft nimmt ihre Neulinge gleich auf mehreren Ebenen durch die Mangel. Es beginnt mit den über 700 PS starken Rennwagen ohne Servolenkung. Zusätzlich zum Stiernacken, den man aus der Formel 1 kennt, benötigen IndyCar-Racer auch reichlich Bizeps. Außerdem zeigt sich das Cockpit durch den Aeroscreen häufig stickig.
Weiter geht es beim wilden Streckenmix. Schon die Variation bei den Rund- und Stadtkursen weicht von dem, was man in Europa kennt, stark ab. Während die Formel 1 größtenteils auf frisch bezogenen Asphaltbändern gleitet, wird Mick Schumacher noch echte Buckelpisten vorfinden. Ausnahmen sind hier die (meisten) Ovale – das größte Alleinstellungsmerkmal im Vergleich der Top-Formelserien.
Ihre Vielfalt präsentiert sich ebenfalls riesig. Das kleinste Oval in Phoenix misst eine Meile (1,609 Kilometer), das größte in der Form des ikonischen Indianapolis Motor Speedway 2,5 Meilen (4,023 Kilometer). Auch die Steilkurven unterscheiden sich. Die größte Neigung weist das Betonrund von Nashville mit 14 Grad auf. Indy hat hingegen 9,2 Grad. Kleine Abweichungen können bereits große Auswirkungen haben. Für das Indy 500 gibt es etwa ein eigenes Low-Downforce-Aero-Paket.

Mick Schumacher hatte sichtlich Spaß bei seiner ersten IndyCar-Ausfahrt. Nun beginnt der anspruchsvolle Serienalltag.
Obligatorischer Oval-Führerschein
Dass auch die Konkurrenz als finale Hürde keine Lust auf Welpenschutz hat, erklärt sich von selbst. Dauer-Dominator Álex Palou (Ganassi), Oval-Superspezialist Josef Newgarden (Penske) oder auch Quali-Rekordhalter Will Power (Andretti) sind Meister ihres Fachs. Um sich mit ihnen zu messen, braucht es erst einmal das grundlegende Handwerk. Damit Mick Schumacher es schnell erlernt, hat ihm sein Team RLL ein intensives Programm zusammengestellt.
Nachdem der 26-Jährige Mitte Oktober anfängliche Erfahrungen auf dem Rundkurs von Indianapolis gesammelt hat, folgt nun im Februar ein intensives Dreierpack. Den Anfang macht direkt die größte Herausforderung: Am 4. Februar sammelt Schumacher erste Oval-Meilen in Homestead-Miami. Kurz danach absolviert er den klassischen Sebring-Test der Szene (09./10.02.). Die verkürzte Variante des rustikalen Flugplatzkurses simuliert Stadtstrecken-Profile.
Eine Woche später geht Schumacher auf das Oval von Phoenix. Dort wird es am 17. und 18. Februar erstmals ernst für den Deutschen. Die Serien-Offiziellen unterziehen ihn einer Art Oval-Führerscheinprüfung. Zum einen braucht der Ex-F1-Pilot das Go für sein Oval-Debütrennen in Arizona am 7. März. Zum anderen darf er so ohne Bedenken das legendärste aller Ovale beim Indianapolis Motor Speedway Open Test am 28. und 29. April befahren. Dieser ist die Generalprobe für den "Month of May".

Ende April dreht der dann 27-Jährige seine ersten Oval-Runden auf dem ikonischen Indianapolis Motor Speedway.
Alles oder nichts in Indy
RLL-Präsident Jay Frye entkräftete gegenüber dem US-Magazin Racer Sorgen einer möglichen Überforderung: "Schon vor Miami wird er Zeit im Simulator verbringen können. Außerdem sind die Tests so ausgelegt, dass er genau auf die ersten zwei Läufe – den Stadtkurs von St. Petersburg und Phoenix – vorbereitet wird." Das in Florida gelegene St. Petersburg eröffnet am 1. März die Saison.
Bereits den Jahresstart verbringt Schumacher in Indianapolis. Rahal Letterman Lanigan postete am 6. Januar eine Sitzprobe des Deutschen, der darin mit den Mechanikern Feinheiten bespricht.
Unter Jay Fryes Führung sucht RLL parallel nach einem Oval-Mentor für den Neuzugang sowie seine Kollegen Graham Rahal und Louis Foster. Ähnlich wie die Legenden Rick Mears bei Penske und Dario Franchitti bei Ganassi soll ein erfahrener Pilot unterstützen und durch sportliche Krisen führen. Besonders während der Indy-500-Qualifikationen kriselte es zuletzt stark bei Rahal Letterman Lanigan. Diese Abwärtsspirale soll Schumacher erspart bleiben.
Trotzdem ist sein Start beim Klassiker alles andere als gesichert. Europäische Fans erinnern sich speziell an Fernando Alonsos katastrophales Scheitern 2019. Noch ist nicht sicher, ob über 33 Autos – die Hürde für ein K.o.-Fahren – erreicht werden. Die Anzeichen verdichten sich jedoch. Wenn der Masterplan des Teams aufgeht, sollte diese klassische Rookie-Falle schnell umgangen sein.







