TALLADEGA, AL - AUGUST 1, 1982: Geoff Bodine (No. 50) and Talladega 500 winner Darrell Waltrip pace the field on August 1, 1982 at the Talladega Speedway in Talladega, Alabama. (Photo by ISC Archives/CQ-Roll Call Group via Getty Images) ISC Archives/CQ-Roll Call Group via Getty Images

Mysteriöser NASCAR-Fahrer wieder aufgetaucht

Mysteriöser NASCAR-Fahrer wieder aufgetaucht Er trickste sich ins Feld und verschwand spurlos

Im Jahr 1982 startete L.W. Wright bei einem der größten NASCAR-Rennen des Jahres. Niemand in der Szene hatte je von ihm gehört, niemand wusste, wohin der mysteriöse Gaststarter danach verschwand. Das ist die Geschichte des Mannes aus Tennessee, der 40 Jahre lang erfolgreich untergetaucht war.

Das größte Rätsel der NASCAR-Geschichte schien nicht lösbar zu sein. Seit vier Jahrzehnten suchten Fans, Journalisten und sogar ein Privatdetektiv vergeblich nach L.W. Wright. Jedoch war nie jemand in der Lage, eine Spur des Fahrers zu finden, der 1982 beim Winston 500 in Talladega (Alabama) startete, aber nach nur 13 Runden von der Rennleitung aus dem Verkehr gezogen wurde. Obwohl die irren Umstände seines Debüts zum Mythos beitrugen, fasziniert allen voran die Art, wie er in die höchste Klasse der Stockcar-Organisation kam: mit gefälschten Angaben und Country-Stars als vermeintlichen Sponsoren.

Bereits die Vorgeschichte liest sich wie ein Krimi. Kurz vor dem Rennen kontaktierte ein Mann namens William Dunaway eine Zeitung in Nashville (Tennessee) und bewarb eine Story, die kaum amerikanischer hätte sein können. Ein Lokalmatador wolle am 2. Mai 1982 beim 500-Meilen-Rennen auf dem ultraschnellen Superspeedway von Talladega antreten. Das Auto stamme von der Stockcar-Größe Sterling Marlin. Country-Sänger T.G. Sheppard würde unter anderem als Sponsor auftreten. Dank seiner Erfahrung in der zweiten NASCAR-Liga wäre der 33-Jährige ein perfekter Botschafter für die Hauptstadt der Country-Musik. Das Team höre passenderweise auf den Namen "Music City Racing".

TALLADEGA, AL - MAY 2, 1982: Cale Yarborough (No. 11) keeps in front of an oncoming barrage of cars in the Winston 500 on May 2, 1982 at the Talladega Speedway in Talladega, Alabama. (Photo by ISC Archives/CQ-Roll Call Group via Getty Images)
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Die Rennen auf dem Talladega Superspeedway gehören zu den prestigeträchtigsten Läufen des Kalenders. L.W. Wright nahm 1982 beim "Spring Race" Anfang Mai teil.

Starterlaubnis trotz Lügen

Obwohl sich der genannte Sänger bereits am Tag nach der Veröffentlichung meldete und verlauten ließ, "nie von diesem Typen gehört zu haben", liefen die Vorbereitungen für das Erstliga-Debüt im südlichen Nachbarstaat unbeirrt weiter. Wright tat die Verwirrung öffentlich als unglückliches Missverständnis ab und überredete laut Berichten eine lokale Agentur, ihm Geld für ein Auto und Equipment vorzustrecken. Mit diesem wurde er beim Rennfahrer Marlin vorstellig, der ihm einen Chevrolet Monte Carlo verkaufte – für 17.000 Dollar in Cash und einen Scheck in Höhe von 2.700 Dollar.

Um am Rennen teilnehmen zu dürfen, hatte Wright im Vorfeld eine Lizenz beim Rennverband NASCAR angefragt. Denn auch die Angabe zu den bisherigen Rennstarts entsprach nicht der Realität. Die Organisatoren waren erwartbar skeptisch, aber akzeptierten für eine Aufwandsentschädigung von 115 Dollar seinen Antrag – auch weil sich Wright wohl sonst in das Geschehen hätte klagen können. Eine zusätzliche Teilnahmegebühr in Höhe von 100 Dollar strich das Highspeed-Oval ein. Der redselige Südstaatler hatte sich somit erfolgreich in die Reihen von NASCAR-Ikonen wie Dale Earnhardt, Richard Petty und Cale Yarborough gemogelt. Der Legende nach soll Earnhardt dem fragwürdigen Rookie vor seinem Debüt sogar Tipps gegeben haben.

NASCAR - Talladega - 1982 - L.W. Wright - Chevy Monte Carlo
NASCAR
Das Cup-Debüt von Wright dauerte nur 13 Runden. Bilder sind deshalb rar. Links ist sein schwarz-goldener Chevrolet Monte Carlo zu sehen.

Mangels Speed disqualifiziert

Dass Wright hinsichtlich seiner Biografie ähnlich kreativ wie bei der Finanzierung gewesen ist, war zwar schon vor der ersten Runde klar. Doch das ganze Ausmaß zeigte sich erst während des Rennwochenendes in Alabama. Sterling Marlin, der seinen neuen Geschäftspartner an der Strecke eng im Auge behielt, erklärte ESPN im Jahr 2019: "Wright hat Fragen gestellt, die jeder echte Rennfahrer hätte beantworten können." Trotz seiner fehlenden Erfahrung und trotz eines Unfalls im Training schaffte Wright jedoch das Wunder: Er qualifizierte sich auf Rang 36 für eines der prestigeträchtigsten Rennen im NASCAR-Kalender.

Der 500-Meilen-Klassiker zeigte Wright schließlich deutlich die Grenzen auf. Nach nur 13 Runden beorderte ihn die Rennleitung ins Fahrerlager zurück: Er konnte die Minimal-Geschwindigkeit von 180 mph (rund 290 km/h) nicht halten. Wright wurde nach seinem ersten und einzigen Cup-Lauf auf Platz 39 von 40 gewertet und fuhr damit 1.545 Dollar Preisgeld ein. Wenig später verschwand er komplett von der Bildfläche. Nur die Schecks, die laut seiner diversen Geschäftspartner der Reihe nach platzten, erinnerten an den wohl kuriosesten Gaststart der NASCAR-Historie.

Originaler Rennanzug als Beleg

Mit dem Beginn des Internet-Zeitalters wandelte sich die Geschichte rundum Wright und Music City Racing dann von einer Insider-Geschichte zum populären Mythos. Unzählige Berichte und Videos dokumentieren mittlerweile die Ereignisse. Einige versuchten, den Fall neu zu rekonstruieren. Oft wird dabei auf Dokumente hingewiesen, die zeigen, dass Wright an der Qualifikation für das nächste Rennen auf dem Nashville Fairgrounds Speedway scheiterte. Doch niemand will ihn dort gesehen haben. Seine Nachbarn erklärten hingegen, er hätte in der Nacht nach Talladega seine Taschen gepackt und sei danach für immer verschwunden. Eine Annahme, die mit jedem Jahr wahrscheinlicher wurde.

Während Ermittlungsbehörden, Detektive und Co. nach und nach aufgaben, gibt es einen Mann, den die Geschichte nie losgelassen hat: Journalist und NASCAR-Historiker Rick Houston. Der Autor verbrachte zuletzt ein ganzes Jahr damit, das Phantom von Talladega aufzustöbern, und wurde nun auf spektakuläre Weise fündig. Über verschiedene Quellen baute er zunächst einen Kontakt auf und wurde schließlich auf Hollywood-reife Weise an den geheimen Aufenthaltsort von Wright gebracht. Als Beweis für seine wahre Identität legte dieser Houston seinen Rennanzug vom 2. Mai 1982 vor.

NASCAR Larry Wright 40 Jahre nach dem Rennen in Talladega
The Scene Vault Podcast
Der Journalist und NASCAR-Historiker Rick Houston spürte Larry (aka L.W.) Wright 40 Jahre später auf. Als Beweis legte dieser seinen damaligen Rennanzug vor.

Eine völlig verklärte Geschichte?

Wenig überraschend erinnert sich Larry Wright im exakt 40 Jahre später veröffentlichten Interview etwas anders an sein Debüt in Amerikas größter Motorsport-Liga. Der 73-Jährige bestreitet nicht nur, dass seine Schecks geplatzt sind. Er erklärt in den bisher veröffentlichten Podcast-Ausschnitten zudem, dass er durch seine Arbeit als Konstrukteur von Tour-Bussen wirklich Country-Stars kannte. Sein erstes Aufeinandertreffen mit dem 2,66-Meilen-Oval beschreibt er anschließend so: "Ich schaute rüber zu meinem Bruder und sagte: Gott, sei mir gnädig."

Wrights späten Schritt an die Öffentlichkeit erklärt der Historiker Houston mit dem schlechten Gesundheitszustand seines Interviewpartners. Er wollte unbedingt seine Perspektive auf die Geschehnisse präsentieren, bevor es womöglich zu spät gewesen wäre. Der Mann mit dem typisch breiten Südstaaten-Slang erzählte ihm über zwei Stunden hinweg die Geschichte seines Lebens. Houston klärt aktuell, was mit dem Material geschehen wird. Er träumt von einem Kinofilm oder einer großen TV-Serie. Obwohl das erste große Rätsel über den Verbleib von L.W. Wight gelöst ist, bleiben so weiter etliche Fragen zum Phantom von Talladega offen.

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