Rallye-Dakar-Sieger Nasser Al-Attiyah (Toyota) Toyota

Nasser Al-Attiyah im Interview: Offroad boomt

Rallye-Dakar-Sieger Nasser Al-Attiyah im Interview „Extreme E muss sich technisch weiterentwickeln“

Anfang des Jahres gewann der 51-jährige Katarer Nasser Al-Attiyah seine vierte Rallye Dakar. Im Interview mit auto motor und sport spricht der Toyota-Werksfahrer über den aktuellen Boom der Offroad-Szene, die Zukunft von E-Antrieben und die Faszination Nordschleife.

Wir erwischen Sie gerade kurz nach den Tests für Ihr Heim-Event in Katar. Müssen Sie als Lokalmatador trotzdem noch üben?

Al-Attiyah: Klar, jeder Test ist wichtig für uns! (lacht) Im Vergleich zu den bisherigen Veranstaltungen in diesem Jahr ist die Oberfläche hier nicht so sandig, darauf mussten wir unseren Toyota GR DKR Hilux T1+ abstimmen.

Die Offroad-Szene erlebt momentan einen ordentlichen Boom. Ein Grund dafür ist die neu geschaffene World Rally-Raid Championship mit dem Höhepunkt der Rallye Dakar. Ist die Szene so gut wie nie zuvor aufgestellt?

Al-Attiyah: Das kann man so sagen. Mit der neuen Meisterschaft bleibt die Begeisterung auch nach der Rallye Dakar hoch, die große Teilnehmerzahl beim zweiten Lauf in Abu Dhabi bestätigte zuletzt den Aufwärtstrend. Das treibt auch uns an, noch besser zu werden, denn unser Auto ist noch jung und braucht weitere Entwicklung. Auf diesem Weg können wir uns früh auf die nächste Rallye Dakar vorbereiten.

Mit zwei Veranstaltungen ist der Mittlere Osten das Rückgrat der neuen Meisterschaft. Hilft dies bei der Entwicklung des Motorsports in Ihrer Heimat?

Al-Attiyah: Diese Region hat ideale Landschaften für unseren Sport, dementsprechend ist das Timing für die neue Meisterschaft perfekt. Dank der Rallye Dakar in Saudi-Arabien und weiteren Events, die nicht zur Serie gehören, wird hier viel über das gesamte Jahr hinweg geboten.

Rallye-Dakar-Sieger Nasser Al-Attiyah (Toyota)
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König der Wüste: Nasser Al-Attiyah gewann in diesem Jahr seine vierte Rallye Dakar. Auch bei der eingangs erwähnten Qatar International Baja 2022 ging der 51-Jährige als Sieger hervor.

Seit Ihrem vierten Dakar-Sieg ist etwas Zeit ins Land gegangen. Konnten Sie schon in Ruhe über die Ereignisse nachdenken?

Al-Attiyah: Nach zwei zweiten Plätzen in den Jahren 2020 und 2021 war es eine Erleichterung. Ich habe die Rallye Dakar jetzt zweimal mit Toyota gewonnen, davor zweimal mit unterschiedlichen Herstellern. Mich macht es besonders glücklich, den Sieg mit dem neuen Hilux eingefahren zu haben. Das zeigt, wie wohl ich mich in der Toyota-Familie fühle.

Stichwort Hersteller: Mit Audi hat ein großer neuer Rivale die Bühne betreten. Wie schätzen Sie die Leistung der Deutschen bisher ein?

Al-Attiyah: Audi hat sehr viel Gewicht in das neue Projekt gelegt und ein mutiges Konzept für die Autos gewählt. Mit dem Sieg bei der Abu Dhabi Desert Challenge haben sie schon bewiesen, dass noch viel Potential in ihnen steckt.

In den letzten Jahren mehrte sich die Kritik, dass die moderne Rallye Dakar etwas ihren Marathon-Charakter verloren habe. In diesem Jahr spielte die Navigation wieder eine größere, herausforderndere Rolle. Ist die "alte" Dakar wieder zurück?

Al-Attiyah: Als ich zum ersten Mal angetreten bin, waren die Abstände in den Top 10 ziemlich groß. Mit der neuen Technik der letzten Jahre wurde der Sport dann aber immer schneller und enger. Zuletzt entschieden Minuten-Abstände über Top-Ergebnisse. Natürlich haben auch langsamere, anspruchsvollere Routen ihren Reiz, aber das macht das Leben insbesondere für die Privaten schwerer, da sie länger unterwegs sind und nicht so viel Vorerfahrung wie die großen Werksteams sammeln können. In meinen Augen machen die Organisatoren also einen guten Job hinsichtlich der Balance.

Rallye-Dakar-Sieger Nasser Al-Attiyah (Toyota)
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Sprung in ein goldenes Zeitalter: Neue Werke und Veranstaltungsreihen wie die Rallye-Raid-Weltmeisterschaft geben dem Offroad-Sport ein noch tieferes Profil.

Vermissen Sie trotzdem manchmal die Dakar in ihrer ursprünglichen Form?

Al-Attiyah: Die frühere Version in Afrika war schon toll, und auch die Ausgaben in Südamerika haben mir gut gefallen. Aber um ehrlich zu sein: Heutzutage fahren wir auf einem ganz anderen Level und profitieren von dem professionellen Umfeld. Außerdem habe ich eine kurze Anreise. (lacht)

Mit dem Franzosen Mathieu Baumel setzen Sie schon seit vielen Jahren auf denselben Navigator. Wie wichtig ist eine so lange Beziehung im Offroad-Sport?

Al-Attiyah: Mathieu und ich fahren sehr viel miteinander – nicht nur Cross-Country, sondern auch Rallye-Events. Diese enge Zusammenarbeit bringt sehr viel Erfahrung mit sich und liefert die Basis für den Erfolg. Wir haben Spaß an unserer Arbeit und würden uns nie in die Haare bekommen. Wenn mal etwas schiefläuft, setzen wir beide sofort alles daran, die Probleme zu lösen. Daraus wurde eine echte Freundschaft – anders könnten wir es auch gar nicht 300 Tage pro Jahr miteinander aushalten. (lacht)

Als Mitglied der Toyota-Motorsportfamilie verfolgen Sie sicher gespannt die neue WRC-Saison. Ihr Eindruck bisher?

Al-Attiyah: Ich bin sehr von den neuen Autos angetan, und jeder in unserer Szene träumt davon, sie zu fahren. Toyota hat mal wieder bewiesen, dass man ein Händchen für gute Neuentwicklungen hat.

Können Sie sich vorstellen, bald mit einem Hybrid-System durch die Wüste zu jagen?

Al-Attiyah: Warum nicht! Der Motorsport sollte nah an der Entwicklung auf der Straße dranbleiben und sich offen gegenüber umweltfreundlicher Technik zeigen.

Rallye-Dakar-Sieger Nasser Al-Attiyah (Toyota)
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Treues Duo: Al-Attiyah und sein französischer Navigator Mathieu Baumel arbeiten schon seit vielen Jahren zusammen.

Im Rahmen der Extreme-E-Serie konnten Sie erste Erfahrungen mit vollelektrischen Offroad-Rennern sammeln.

Al-Attiyah: Es ist spannend, ein Gefühl dafür zu bekommen und Erfahrungen mit diesem Antrieb zu sammeln. In der Zukunft muss sich die Serie auf der technischen Seite aber weiterentwickeln, aktuell liegt der Fokus noch auf dem Entertainment.

Ihr Kollege Sébastien Ogier bereitet sich im Moment auf einen Auftritt bei den 24 Stunden von Le Mans vor. Wären mehr Rundstrecken-Rennen auch für Sie interessant?

Al-Attiyah: Ich liebe jede Art von Motorsport, also unbedingt. Aktuell evaluiere ich einen eventuellen Auftritt mit einem Toyota GR Supra GT4 bei den 24 Stunden auf dem Nürburgring. Ich liebe dieses Rennen und für mich wäre es wie ein Geschenk, zum dritten Mal daran teilzunehmen.

Woher kommt die Leidenschaft für den Motorsport?

Al-Attiyah: Als ich 19 war, hat mich ein Freund gebeten, ihn als Co-Pilot bei einer lokalen Rallye zu unterstützen. Direkt danach wollte ich selbst hinter das Steuer und war sofort begeistert. Unsere Disziplin ist so herausfordernd und verlangt so viel von einem ab. Ich bin sehr dankbar, meine Leidenschaft zum Beruf gemacht zu haben.

Sebastien Loeb (FRA), Team X44 Carlos Sainz (ESP), Acciona  Sainz XE Team Nasser Al-Attiyah (QAT), Abt Cupra XE
Motorsport Images
Schnelle Renn-Senioren: Sébastien Loeb, Carlos Sainz und Nasser Al-Attiyah tauschen sich im Rahmen der Extreme E aus.

Mit 51 Jahren gehören Sie mittlerweile zu den Elder Statesmen des Rallye-Sports. Wie man an Sébastien Loeb oder Carlos Sainz Sr. sehen kann, ist das aber keinesfalls ein Nachteil, oder?

Al-Attiyah: Da stimme ich natürlich zu. In meinen ersten Jahren war ich noch der typische Jungspund mit vielen Fehlern, mit der Zeit wurde ich dann erfahrener und ruhiger. Genau das ist das Siegesrezept für Veranstaltungen wie die Rallye Dakar. Während man bei kurzen Rallyes von einem jugendlichen Leichtsinn profitieren kann, überwiegt bei uns ganz klar die Erfahrung. Deswegen gibt es so gut wie nie Sieger, die jünger als 30 sind.

Nebenberuflich sind Sie begeisterter Sportschütze und gewannen 2012 eine Bronze-Medaille bei den Olympischen Spielen von London. Haben Sie schon Pläne für Paris?

Al-Attiyah: In der Vorbereitung auf Tokio habe ich mich nicht gut genug gefühlt und auf die Teilnahme verzichtet. Aber nach sechs Teilnahmen mit vier Finalauftritten brennt das Feuer immer noch in mir und ich fühle mich aktuell wieder gestärkt. Wie im Motorsport gilt: Ich will die Erfahrung auf dem Weg nach Paris zu meinem Vorteil machen.

Gibt es Schnittmengen zwischen Sportschützen und Motorsportlern?

Al-Attiyah: Bei beiden Sportarten dreht sich alles um die Präzision. Durch das abwechselnde Training habe ich mehr Kraft und Ausdauer, vielleicht ist das ja mein Erfolgsgeheimnis.

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