Der allererste IndyCar-Sonntag begann für Mick Schumacher etwas verwirrend. "Hier ist alles sehr anders. Die Autos warten vor dem Start in der Pitlane, wo sie von einer Traube an Menschen umgeben sind. Ich wusste erst nichts mit mir anzufangen. Es hat etwas gebraucht, bis ich meinen Wagen und die Crew gefunden habe. Trotzdem kam ich zu früh an und hatte mehr Wartezeit, als ursprünglich gedacht." In der Formel 1 war das Programm noch klar durchgetaktet.
Der kleine Kulturschock war für den Deutschen aber schnell überstanden: "Wenn ich meinen Helm aufsetze und in meiner Rakete angeschnallt werde, kommt der Moment, wenn alles um mich herum, aber auch in mir verstummt. Dann bekomme ich das Gefühl, dass ich bereit bin, alles zu riskieren." Bekanntermaßen sollte Schumachers Debüt auf dem Stadtkurs von St. Petersburg (Florida) nicht mal eine Runde dauern – das missratene Duell zweier Hinterbänkler riss ihn ins Verderben.
Für Schumacher war es ein herber Rückschlag. Zwar gibt es diese Saison noch zwei weitere Rookies. Die kennen aber vieles von der Szene schon aus der IndyCar-Nachwuchsserie NXT. Der sowieso schon riesige Erfahrungsrückstand vergrößerte sich im Vergleich um hundert weitere Rennrunden. "Jedes Wochenende geht es darum, so viel wie möglich zu lernen. Für mich sind sehr viele Dinge komplett neu."
Unbeeindruckt von äußerem Stress
Die größte Neuerung folgte direkt eine Woche später: Mick Schumacher bestritt sein erstes Oval-Rennen auf dem anspruchsvollen, eine Meile umfassenden Phoenix Raceway. Zu dem damit verbundenen Druck hat er eine klare Meinung. "Druck war immer Teil meiner Karriere. Für mich fühlte es sich sogar stets so an, als ob ich mit wachsendem Stress noch besser fahre."
Kritiker hätten ihn dabei kalt gelassen: "Es gibt Leute da draußen, die mir extra Druck auferlegen wollen. Aber am Ende des Tages werden sie nie die Menge erreichen, die ich mir bereits selbst auferlege." Deswegen sind die Ambitionen für das US-Abenteuer klar festgelegt. Mick will vorne mitfahren. "Das wird allerdings Zeit brauchen. Die Fahrer hier treten seit vielen, vielen Jahren in der IndyCar an. So kennen sie die Strecken, das Auto-Format und oft ihre Teams quasi auswendig."
Zumindest im Qualifying meinte es Arizona gut mit seinem deutschen Gast. "Vorher hatte ich überschaubare Erwartungen. Weil ich als Erster in das Einzelzeitfahren gestartet bin, meinte jeder, dass sich die Strecke zu stark anschließend verbessern würde. Aber wir hielten uns oben, und ich konnte neben meinem Teamkollegen Graham Rahal die zweite Startreihe komplettieren. Gegensätzlich zu der schwierigen Teamhistorie auf kurzen Ovalen hat RLL bewiesen, dass es mit neuen Personen in Schlüsselpositionen nach vorne geht."

Beim Start des Phoenix-Laufs lag Mick Schumacher noch außen in der zweiten Startreihe. Dann fielen die Gegner über ihn her.
"Wahnsinniges" Oval-Debüt
Der Lauf selbst zeigte Mick schnell auf, warum die Spezialdisziplin gleichzeitig geliebt und gehasst wird. "Das erste Rennen war einfach nur wahnsinnig. Ich wollte für alles offen und bereit sein. Doch auf das, was mich erwartete, war ich nicht vorbereitet." Besonders die Hektik habe ihn beeindruckt. "Von links und rechts kamen die Gegner vorbeigeflogen. Erst als ich meinen Modus gefunden hatte, wurde es ein bisschen besser. Trotzdem gibt es gleich mehrere Punkte, die wir verbessern können."
Sein Fahrercoach Ryan Briscoe hatte nach dem 18. Endrang wohlwollende Worte. Er versprach Schumacher, dass er dank der gemachten Erfahrung nächstes Mal deutlich besser sein kann. Das nächste kompakte Oval wird der World Wide Technology Raceway nahe St. Louis am 7. Juni sein. Dazwischen liegt die krasseste aller Oval-Erfahrungen: Am 24. Mai steht die 110. Ausgabe des Indy 500 an.
"Ich sehe mich jetzt bereit dafür. Dank des Teams und meines Umfelds wollen wir etwas erreichen." Insgesamt fühle sich Mick Schumacher immer wohler in seinem Dallara-Honda. Mittlerweile würden viele Prozesse zur Gewohnheit werden. "So muss ich nicht mehr viel darüber nachdenken, wodurch der Fokus zu dem wandern kann, was das Auto schneller macht." Das dritte Rennen auf dem Stadtkurs von Arlington (Texas) klammerte das YouTube-Video hingegen aus. Wer will es Mick bei einem Lauf, den er selbst als "dumm gelaufen" resümierte (Endrang 22), verübeln?
Kleines Schicksalsrennen
Am kommenden Sonntag (29. März) steht mit dem Barber Motorsports Park nun die erste echte Rundstrecke des Jahres an. Die grüne Berg-und-Tal-Bahn im Herzen Alabamas gilt als nahe an der europäischen Schule und sollte Schumacher deutlich vertrauter vorkommen. Nico Hülkenberg und Fernando Alonso hatten Barber nach ihren IndyCar-Tests dort gelobt, allerdings auch die hohe körperliche Belastung hervorgehoben. Mick selbst freute sich in der Pressemitteilung auf diese Herausforderung.
"Ich habe viele gute Dinge über Barber gehört. Wir freuen uns alle darauf, dorthin zu reisne, besonders ich, weil ich gespannt bin zu sehen, wie sich ein IndyCar auf einer richtigen Rundstrecke fährt. Die Vorbereitung bestand hauptsächlich darin, Rennaufnahmen zu analysieren und sich Videos anzusehen, um genau zu verstehen, wie die Strecke ist und was mich erwartet. Es gibt jedoch keine bessere Vorbereitung, als tatsächlich auf die Bahn zu gehen und zu fahren. Man sagt, dass vor allem die Hände am meisten leiden werden, wegen der möglichen Blasenbildung."
Die grundsätzliche physische Belastung der Serie kann Schumacher bestätigen, aber so manche Horrorgeschichte nicht. "Ich fand, dass das Fahren eines IndyCar körperlich anstrengend war, aber nicht ganz so extrem, wie alle gesagt haben. Deshalb habe ich mich ziemlich gut gefühlt." Die Hoffnung ist jetzt groß, dass das – auf dem Papier – bekanntere Terrain einen Wendepunkt ermöglicht. So könnte Mick mit Rückenwind zum legendären Stadtkurs in Long Beach (19. April) und kurz darauf zum ersten Indy-500-Vortest reisen.





