Bei seiner Presserunde am Rande der Bahrain-Testfahrten hat Max Verstappen kein gutes Haar an den neuen Formel-1-Autos gelassen. Eigentlich hatten die Verantwortlichen die Piloten gebeten, erst einmal ein paar Rennen abzuwarten, bevor sie sich ein endgültiges Urteil bilden. Doch für Verstappen ist jetzt schon klar: Diese Autos haben mit der Formel 1, wie wir sie bisher gekannt haben, nicht mehr viel zu tun.
"Es macht nicht viel Spaß, diese Autos zu fahren", gab der Red-Bull-Pilot zu Protokoll. "Ich weiß, wie viel Arbeit da drinsteckt, deshalb ist es nicht schön, so etwas sagen zu müssen. Aber ich will realistisch sein: Das Gefühl für einen Fahrer ist nicht sehr Formel-1-like. Es fühlt sich mehr an wie Formel E auf Steroiden."
Auch andere Fahrer hatten schon kritisiert, dass das Energie-Management mit diesen Autos zum entscheidenden Faktor wird. Wer schnell sein will, muss ständig rekuperieren. Weil die Elektro-Power aber immer nur für kurze Schübe reicht, muss viel Lift-and-Coast betrieben werden – selbst in der Qualifikation. Das ständige Lupfen ist für Verstappen ein echter Stimmungskiller.

Den Look der Autos findet Verstappen gut. Das Fahren macht aber weniger Spaß.
Verstappen vor Formel-1-Absprung?
"Als Rennfahrer will man natürlich immer Vollgas geben. Das geht aber momentan nicht", kritisierte der Niederländer. "Alles, was man als Fahrer macht, hat massive Auswirkungen auf das Energie-Management. Für mich ist das nicht die Formel 1. Dann sollte man lieber Formel E fahren, die ja eigentlich für die Themen Energie, Effizienz und Management steht. Die Freude beim Fahren ist aktuell nicht besonders hoch."
Die Fans von Verstappen müssen sogar befürchten, dass der beste Rennfahrer der aktuellen Generation über kurz oder lang das Weite sucht. Nach eigener Aussage spielt es dabei auch keine Rolle, ob Red Bull in der neuen Hybrid-Ära erfolgreich ist.
"Es macht keinen Unterschied, ob wir ein Siegerauto haben", stellte Verstappen klar. Ein Treuebekenntnis zur Königsklasse wollte der Pilot nicht abgeben. "Zu diesem Zeitpunkt meiner Karriere muss es auch Spaß machen. Natürlich suche ich außerhalb der Formel 1 Dinge, an denen ich mich erfreuen kann. Ich weiß aber auch, dass wir mit diesem Reglement jetzt eine Weile feststecken."
Neue Formel 1 ist "Anti-Racing"
Viel Positives gibt es nicht, was der 28-Jährige über die neuen Autos sagen kann. "Mir gefällt unsere neue Lackierung. Die Autos sehen von den Proportionen her generell gut aus. Das ist nicht das Problem. Es ist alles andere, das für mich eher Anti-Racing ist."
Vor allem Formel-1-Boss Stefano Domenicali wird diese Worte nicht gerne hören. Im F1-Hauptquartier steckt man viel Hoffnung in die Technik-Revolution, die Nachhaltigkeit mit einem hohen Action-Faktor verbinden sollte. Verstappen ist sich der Auswirkung seiner Worte bewusst. Trotzdem hält der Vierfach-Champion mit seiner persönlichen Meinung nicht hinterm Berg.
"Ich weiß, dass viele Leute nicht begeistert sind, wenn ich das jetzt sage. Aber ich sage immer, was ich denke. Und warum sollte ich nicht meine Meinung dazu äußern, was ich über mein Rennauto denke. Ich habe das Reglement nicht geschrieben. Wenn es dabei nicht um Politik gegangen wäre, würden die Regeln ganz anders aussehen."

Hamilton und Verstappen äußerten Kritik an den neuen Autos.
Rückschritt zu alten Autos
Es gehe Verstappen auch nicht um die generelle Pace der Autos: "Es ist mir egal, ob ich auf der Geraden 350 oder 300 km/h erreiche. Ich möchte einfach nur normales Rennfahren, so wie es sein sollte. Ohne darüber nachzudenken, was passiert, wenn ich etwas länger auf der Bremse stehe oder weniger bremse. Oder ob ich einen Gang höher oder niedriger fahre. Das hat so einen großen Einfluss momentan."
Neben dem Energie-Management gibt es noch weitere Gründe dafür, dass es Verstappen aktuell weniger Spaß macht als früher: "Mit diesen Reifen und diesen Autos spüren wir relativ wenig Grip. Das ist ein großer Rückschritt verglichen mit dem, was wir zuletzt hatten."

Im GT3-Auto kann Verstappen noch richtig Gas geben.
24h-Nürburgring-Start so gut wie fix
Vielleicht könnte ja ein Ausflug auf die Nordschleife das Rennfieber in Verstappen wieder entfachen. Nachdem die NLS nun bei einem Vorbereitungsrennen die Terminüberschneidung mit der Formel 1 gelöst hat, scheint der Weg frei zu sein für eine Teilnahme am 24-Stunden-Rennen in der Eifel.
"Ich würde das gerne machen. Wir arbeiten daran, dass es klappt", bekräftigte der prominente Gaststarter. "Es ist toll, dass die Organisatoren das Datum geändert haben. Ich brauche mindestens ein Rennen zur Vorbereitung. Wenn man ein Auto fährt, mit dem man noch nie auf der Nordschleife unterwegs war, dann ist das einfach notwendig – auch um die ganzen Abläufe zu üben. Normalerweise mache ich ja zum Beispiel keinen Fahrertausch beim Boxenstopp. Auf diese kleinen Dinge möchte ich mich gut vorbereiten."
Vielleicht ist die Nordschleife ein guter Ort, um die Rennleidenschaft ungezügelt auszuleben – was in der Formel 1 nicht möglich zu sein scheint. In der Presserunde kam das Glitzern in Verstappens Augen wenigstens für einen kurzen Moment wieder zurück.












