Aus den Steilkurven von Indianapolis in die Eisbahn von Cortina – wie kam es dazu?
Simona de Silvestro: Mein Traum begann vor über 15 Jahren. Das Zuschauen bei den Spielen hat mich immer inspiriert. Denn trotz meiner vielen Erlebnisse im Rennsport haben sie nochmal eine ganz spezielle Wirkung auf mich. Wie cool wäre es, dort anzutreten?! Vor zehn Jahren habe ich mir dann echte Gedanken gemacht, um den Traum Realität werden zu lassen. Beim Blick durch die Sportartenliste stach das Bobfahren heraus. Diesen Plan bin ich nun vor drei Jahren richtig angegangen. Da ich schon Mitte 30 war, wurde es Zeit.
Welche Auswirkung hatte das auf den Fahrerinnen-Job?
De Silvestro: Anfangs lief es noch parallel zum Motorsport, beispielsweise unterstützte ich Porsche in der Formel E. Nur in der Saison vor den Spielen wechselte die Konzentration voll auf die athletische Vorbereitung.
Was unterscheidet die körperlichen Trainings?
De Silvestro: Das Bob-Training verlangte eine größere Umstellung. Im Rennsport geht es viel um Ausdauer, das Bobfahren erfordert aber durch das Anschieben Schnellkraft. Eigentlich hatte ich also den "falschen" Sport vor dem Olympia-Projekt gemacht. In der Folge stiegen die Gewichte und wurden die Wiederholungen weniger. Selbst das Laufen ist alles andere als selbsterklärend, es gibt eine eigene Technikschule dafür. Unter uns Umsteigern sind Leichtathleten hier im Vorteil. Gleichzeitig muss man dann ja noch die 160 Kilogramm des Monobobs schieben.
Haben Sie sich für die Entscheidung mal verflucht?
De Silvestro: Ich hatte noch nie so viele Schmerzen wie in diesem Training! Zusätzlich steigt wegen der Intensität die Verletzungsgefahr. Vor zwei Jahren riss mir beim Anschieben die Wade – das hat mir die Augen geöffnet. Meine größte Verletzung bisher im Bobsport war ebenfalls vor zwei Jahren ein Bruch des Schlüsselbeins. Nur ein kleiner Fahrfehler und wir sind gelegen! Das hat mir etwas Zeit während meiner ersten richtigen Rennsaison gekostet.

Zu Beginn des Olympia-Projekts unterstützte De Silvestro noch das Porsche-Formel-E-Projekt.
Klingt ein Stück weit gefährlicher als Rennsport?
De Silvestro: Etwas! Der Motorsport wird immer Risiken behalten, macht bezüglich Sicherheit aber riesige Fortschritte. Beim Bobsport könnte es im Vergleich noch besser werden, da sollten auch neue Perspektiven wie von mir helfen. Er wird nie ohne Risiko sein und man trifft auf Bahnen, die einen nervös machen. Beide Sportarten eint das Bewusstsein für die Gefahr genauso wie die Liebe für den Sport sowie das Adrenalin.
Wer das Rennfahren verspätet lernen will, kann eigene Schulen besuchen.
De Silvestro: Auch der Bobsport hat Fahrschulen, die einem die Basics beibringen! Zu Beginn läuft man mit einem Trainer die Piste hinunter. Dann gleitet man tatsächlich schon samt zahlreicher Tipps im Kopf etwa ab der Hälfte durch die Bahn. Keine Auslaufzonen, kein Fahrlehrer hinter einem.
Wie viel kann man falschmachen?
De Silvestro: Der Lenkeinsatz hängt von den Bahnen ab. Man muss aber den Bob überall wirklich fahren – kann nirgends einfach nur herunterrasen. Die Kunst ist es, sehr schmale Druckpunkte der Kurven beim Lenken zu treffen. Hierbei zieht der Pilot an den Seilen der jeweiligen Seite. Während man im Rennauto zum Scheitelpunkt fährt und dann wieder die Lenkung öffnet, muss der Bobfahrer immer weiter einlenken. Man kann es sich wie eine Haarnadel vorstellen, die sich stetig verengt.
Stichwort Steilkurven! Für Sie als Indy-Pilotin sicher gar kein Problem?
De Silvestro: Der Ovalsport hat tatsächlich Ähnlichkeiten. Dort, aber auch im Eiskanal sollte man den Geräten gewisse Freiheiten in den Kurven geben, sie nicht in Linien zwingen. Das Gefühl entscheidet, und hier half die IndyCar-Zeit.

Dank Starts beim Indy 500 – dem größten Eintages-Sportevent der Welt – ist die Italo-Schweizerin massiven Druck gewohnt.
Am 12. Februar beginnen die Monobob-Trainings. Sie werden zusätzlich in der Zweier-Disziplin antreten.
De Silvestro: Bei den Frauen ist es die Norm, dass man im Mono- und Zweierbob startet. Beide Unterdisziplinen haben ihren Reiz. Allein wird mehr durch das geringere Gewicht, also weniger Druck in den Kurven, fahrerisch abverlangt. Das kommt mir entgegen. Allerdings habe ich ja noch den athletischen Nachteil beim Start gegenüber den Kolleginnen, die den Sport viele, viele Jahre betreiben.
Wäre es unfair, die verschiedenen Disziplinen – man denke auch an den Vierer – in eine Hierarchie zu stecken?
De Silvestro: Man sollte jede Form für sich allein sehen. Der Monobob bietet beispielsweise das spannende Element, dass alle Nationen dasselbe Schlittenmaterial haben. Beim Zweier und Vierer gibt es technische Freiheiten, was Ihr Deutschen besonders gut umsetzen könnt (lacht).
Sie werden die Farben des Gastgebers Italien tragen, sind auf den Rennstrecken eidgenössisch unterwegs. Trotzdem ist es keine Pass-Trickserei, wie sie häufig bei Olympia diskutiert wird.
De Silvestro: Ich habe noch mit den Schweizern die Schule absolviert. Als dann Rennen anstanden, blickte ich auf meinen zweiten, italienischen Pass und wurde emotional. Die Familie meines Vaters stammt aus der Nähe Cortinas. Die Wahl kam so von Herzen. Natürlich bringt der Status als Heimnation Vorteile wie Trainingszeit auf der Olympiabahn. Es könnten meine ersten und einzigen Spiele werden: Da sollen alle Voraussetzungen stimmen.
Was zeichnet den Standort und die Bahn aus?
De Silvestro: Cortina hat eine große Bob-Geschichte, man liebt hier den Sport. Der neue Eiskanal muss sich nicht verstecken und macht enorm Spaß. Es ist nicht so wie im Rennsport, wo moderne Strecken kritisch betrachtet werden, weil sie künstlicher erscheinen. Die Bahn hat das Zeug, ein Klassiker zu werden.

Cortina lebt den Bobsport. Die extra für die Spiele neu gebaute Bahn sah bereits Rodel-Wettbewerbe.
Wenn Sie den Verlauf mit einer Rennstrecke beschreiben würden, wäre das…
De Silvestro: Wir bleiben in Italien: Imola! Es ist eine Achterbahn mit hohem Speed.
Das Indy 500 gilt als größte Eintages-Sportveranstaltung des Planeten. Wer das überstanden hat, kann bei den Olympischen Spielen nur cool bleiben?
De Silvestro: Olympia macht trotzdem noch nervös. Man muss sich regelmäßig kneifen, um zu realisieren, dass man Teil der Geschichte wird. Kolleginnen im Bobsport sprechen mich ebenfalls auf meine persönliche Wahrnehmung an. Dieser gegenseitige Respekt ist schön.
Dabei sein ist alles? Check! Hinsichtlich Medaillen wird es gegen das Establishment extrem schwer, aber der Traum darf ja weitergehen?
De Silvestro: Ich habe letztens mit meinem Vater gesprochen. Er fragte, wie ich mich fühle. Mir schoss das erste Indy 500 durch den Kopf. Vorher malt man sich so viel aus. Wenn es dann losgeht, saugt man alles auf. Das ist mein Plan! Was ich kontrollieren kann, will ich gut machen. Meine Kolleginnen meinten eh, dass ich besser mit Druck umgehe. Dafür bin ich im Rennsport ehrlicherweise auch schon durch zu viele Rodeos gegangen (lacht). Außerdem bringt das Alter Erfahrung mit solchen Situationen.
Worauf sollten die Racing-Fans beim Anfeuern achten?
De Silvestro: Sie werden die Bilder genießen! Fans des Motorsports haben ein gutes Auge dafür, wie die schnellen Abläufe am Start funktionieren und wie herausfordernd die Bahn ist.
Und danach wieder Rennsport?
De Silvestro: Ich hätte schon Bock – zum Beispiel fehlt mir Le Mans in der Karriere-Liste. Mein Herz schlägt noch immer für den Motorsport.







