Mehr als 600 ukrainische Soldaten wurden jetzt an dem System ausgebildet, die 54 deutschen RCH 155 gehen demnächst in den Einsatz. Was kann die RCH 155?
Was die RCH 155 technisch leistet
Die RCH 155 basiert auf dem Radpanzer Boxer und kombiniert ein 8×8-Fahrzeug mit einem unbemannten Geschützmodul. Das Fahrzeug erreicht auf der Straße bis zu 100 km/h und hat eine Reichweite von über 700 Kilometern. Das Gefechtsgewicht liegt unter 39 Tonnen, die Länge bei rund 10,5 Metern.
Im Unterschied zu Kettenhaubitzen kann die RCH 155 lange Strecken eigenständig zurücklegen. Transportfahrzeuge sind für Verlegungen nicht erforderlich. Das erhöht die Reaktionsfähigkeit erheblich. Das zentrale Element ist das automatisierte Geschützmodul mit einem 155-Millimeter-Rohr der Länge L52. Es ist NATO-kompatibel und kann verschiedene Munitionsarten verschießen. Die Reichweite liegt je nach Munition zwischen 40 und 54 Kilometern, mit spezieller Präzisionsmunition sind noch größere Distanzen vorgesehen.
Die RCH 155 lädt die Munition selbst, stellt Zünder digital ein und berechnet Schussparameter ohne manuelle Eingriffe. An Bord befinden sich bis zu 30 Granaten sowie 144 modulare Treibladungen. Die Feuerrate liegt bei mehr als acht Schuss pro Minute.
Feuer im Fahren und neue Einsatzlogik
Ein wesentliches Merkmal ist die Fähigkeit, auch während der Bewegung zu feuern – bei einem 155-Millimeter-System bislang einmalig. Klassische Haubitzen müssen dafür anhalten, Stabilisatoren ausfahren und sich einrichten. Die RCH 155 braucht das alles nicht: Sie kann aus jeder Richtung wirken, im vollen 360-Grad-Bereich, und unmittelbar danach die Stellung wechseln.

Die Radhaubitze RCH 155 kann in der Fahrt feuern - ein Alleinstellungsmerkmal.
Zudem feuert die RCH 155 mehrere Geschosse so ab, dass sie nahezu gleichzeitig im Ziel einschlagen. Diese sogenannte MRSI-Fähigkeit erhöht die Wirkung innerhalb kurzer Zeiträume erheblich. Auch bewegliche Ziele können bekämpft werden, da Sensoren und Feuerleitsysteme Daten in Echtzeit verarbeiten. Das taktische Kernprinzip heißt "Shoot and Scoot": feuern, Stellung wechseln, verschwinden. Für den Gegner wird das System dadurch deutlich schwerer zu orten und zu bekämpfen.
Besatzung und Schutz
Die Besatzung besteht aus zwei Soldaten, die im gepanzerten Fahrerhaus sitzen. Das Geschütz selbst ist unbemannt. Das Fahrzeug bietet Schutz gegen Beschuss, Minen und Sprengfallen sowie ein ABC-Schutzsystem. Klimaanlage und Heizung ermöglichen längere Einsätze ohne Ausstieg. Die Automatisierung reduziert den Personalbedarf, erhöht aber die Abhängigkeit von der Technik.
Wann bekommt die Bundeswehr die RCH 155?
Die Bundeswehr hat 84 Systeme für rund 1,2 Milliarden Euro bestellt – inklusive Ausbildung, Service und Logistik. Für die Ukraine wurden 54 Systeme für insgesamt 890 Millionen Euro finanziert. Zum Vergleich: Das schwedische System Archer kostet rund sieben Millionen Euro pro Stück, die französische Caesar NG etwa fünf Millionen. Die RCH 155 ist damit zwei- bis dreimal so teuer wie die Konkurrenz – der Aufpreis spiegelt den deutlich höheren Automatisierungsgrad wider.
Der Gesamtbedarf der Bundeswehr wird auf über 200 Systeme geschätzt, weitere 149 könnten in einem nächsten Schritt für mehr als zwei Milliarden Euro bestellt werden.
Geliefert werden die Fahrzeuge für die Bundeswehr erst zwischen 2028 und 2030, da die Serienfertigung beim Hersteller KNDS noch im Aufbau ist. Gleichzeitig wurde die Ukraine bei der Auslieferung priorisiert – Deutschland finanziert die Beschaffung für Kiew und stellt die eigenen Lieferungen zunächst zurück.





