Netzausbau: genehmigt ist nicht gebaut
Neue Stromleitungen sind politisch wie technisch ein Mammutprojekt. Zwar werden mehr Projekte genehmigt, doch bis Leitungen tatsächlich im Betrieb sind, vergeht Zeit. Für viele Lade-Standorte bedeutet das: Der Stromanschluss ist da – aber die Leistung für High-Power-Charging fehlt. Genau diese Lücke adressieren flexible Lösungen, die den Strom zeitlich verschieben können, statt jede Spitze sofort mit zusätzlichem Netz zu lösen.
Die Idee: Lastspitzen puffern statt Kupfer verlegen
Im MOOVE-Podcast von auto motor und sport beschreibt Thomas Speidel, CEO von ADS‑TEC Energy, das Grundprinzip so: Beim Laden ist nicht das Elektron knapp, sondern die Leistung am Anschluss. Ein Batteriespeicher vor Ort lädt sich mit moderater Leistung aus dem Netz (oder aus PV) und gibt beim Ladevorgang kurzfristig deutlich mehr Leistung an das Fahrzeug ab.
So lässt sich ein vorhandener Netzanschluss – je nach Standort – als Basis nutzen, um Schnellladen bereitzustellen, ohne direkt Trafostationen, Baukostenzuschüsse und lange Netzbetreiberprozesse auszulösen.
So funktioniert Battery‑Buffered Charging (vereinfacht)
- Netzanschluss liefert kontinuierlich z. B. 30–100 kW
- Batteriespeicher lädt im Hintergrund nach (ggf. zusätzlich mit PV-Strom)
- Schnelllader stellt bei Bedarf hohe Leistung bereit (z. B. >300 kW)
- Ergebnis: Schnellladen trotz begrenzter Anschlussleistung, weil die Batterie Lastspitzen übernimmt
Zwei Produktansätze: integriert oder mit Dispensern
ADS‑TEC Energy bietet unterschiedliche Bauformen an, die technologisch auf Batterie + Leistungselektronik basieren:
- ChargeBox: Batteriespeicher mit abgesetzten Dispensern (Ladepunkte stehen getrennt vom Speicher)
- ChargePost: "All‑in‑One"-Ansatz, Batterie im Gerät integriert – plus optional große digitale Werbefläche
Laut Speidel liegen typische Speichergrößen bei rund 140 kWh (ChargeBox) beziehungsweise rund 200 kWh (ChargePost). Die Systeme können im Alltag mehrere Schnellladevorgänge am Tag bedienen, während die Batterie zwischen den Sessions aus dem Netz nachlädt.
Warum das wirtschaftlich interessant sein kann: Mehr als nur kWh verkaufen
Ein wiederkehrendes Thema im Podcast: Ein Ladepark finanziert sich nicht automatisch, nur weil er gebaut ist. Der Betreiber muss Investitionen, Betrieb und Risiko über Erlösmodelle abdecken – und beim Strom gilt: "Es gibt kein besonderes Elektron", der Kunde vergleicht Preis und Komfort.
ADS‑TEC setzt daher auf mehrere Nutzen- und Erlösströme am Standort:
- Netzausbaukosten vermeiden/verschieben - Weniger CAPEX (Trafo, Baukostenzuschuss) und potenziell schnellere Umsetzung.
- PV-Eigenverbrauch erhöhen - Strom vom Dach kann zwischengespeichert und für Flotten/Standorte genutzt werden.
- Flexibilität monetarisieren (Arbitrage/virtuelles Kraftwerk) - Bei niedrigen Preisen laden, bei höheren Preisen bzw. netzdienlich wieder nutzen/abgeben – sofern regulatorisch und betrieblich passend.
- Optional: Digital-Out-of-Home-Werbung am Ladepunkt - Der ChargePost kann mit großem Bildschirm ausgestattet werden – attraktiv für Standorte wie Supermärkte oder Baumärkte, weil Kunden dort bereits "nah am Kauf" sind.
Laden wird "nebenbei" – Schnellladen bleibt, aber anders verteilt
Speidel erwartet, dass sich Ladevorgänge stärker dorthin verlagern, wo Autos ohnehin stehen: Arbeitgeber, Handel, Kundenbesuche, Quartiere. Schnellladen entlang der Autobahn bleibt relevant – aber ein Teil der Spitzenlast kann sinken, wenn mehr Energie im Alltag "nebenbei" nachgeladen wird.
Im Podcast fällt dazu der Satz: "Laden ist kein Erlebnis." Für viele Nutzer zählt weniger die Inszenierung als der Zeitgewinn: Laden während Einkauf oder Termin statt Umweg zum Ladehub.
Wie viel Ladeleistung braucht der Alltag?
Technisch sind hohe Ladeleistungen perspektivisch möglich (Speidel nennt für die Leistungselektronik Größenordnungen bis etwa 640 kW, abhängig von Kabel, Kühlung und Batterieauslegung). Für typische Pkw-Anwendungen sieht er jedoch häufig einen praxisnahen Korridor von ca. 200 bis 500 kW – passend zu Standzeiten und ohne die Kosten für Kabelmanagement und Infrastruktur überproportional zu treiben.





