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Tesla Model Y mit gebrochenem Heckklappen-Glas
Tesla Model Y mit gebrochenem Heckklappen-Glas
Tesla Model Y mit gebrochenem Heckklappen-Glas 22 Bilder

Tesla-Probleme mit Flash-Speicher: Jetzt auch KBA-Untersuchung

158.000 Autos von Infotainment-Fehler betroffen US-Behörde ordnet nach Tesla-Zögern Rückruf an

Fehlerhafte Touchscreens können zu Sicherheitsproblemen führen. Fehlerhafte Tesla-Touchscreens können die Sicherheit beeinträchtigen. Jetzt ordnet eine US-Behörde den Zwangs-Rückruf an. In den USA geht es um gut 158.000 Autos. Und auch das Kraftfahrt-Bundesamt ist nun aktiv.

Bei seinem Besuch auf der Gigafactory-Baustelle in Brandenburg Ende August antwortete Tesla-Chef Elon Musk auf die Frage, was ihn aktuell am meisten antreibe: Geschwindigkeit. Aber das scheint bei Musk nicht für alle Tesla-Themen zu gelten. So gibt es seit Jahren Meldungen über Probleme mit den eMMCs (embedded MultiMediaCard) älterer Model S und X. Bei diesen lief irgendwann der Speicher voll und es konnte zu Bildschirmausfällen und weiteren mit der eMMC verknüpften Problemen kommen.

KBA leitet UNtersuchung ein

Auch uns erreichen regelmäßig Zuschriften von deutschen Tesla-Fahrern, die mit dem Problem zu kämpfen haben, und denen Tesla anscheinend kostspielige Reparaturen anbot. Teslas in diesem Fall hartleibige Einstellung gegenüber seinen Kunden ruft nun auch das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) auf den Plan. Wie ein Sprecher der Behörde der "Bild am Sonntag" bestätigte, leitete das KBA wegen des Problems eine Untersuchung ein. Man stehe in Kontakt mit dem US-Pendant NHTSA, aber "das Ergebnis der Überprüfung steht noch aus".

Tesla Model S, Frontansicht
Hans-Dieter Seufert
Ältere Versionen des Tesla Model S können vom Ausfall des eMMC-Chips betroffen sein.

In den Vereinigten Staaten ist die NHTSA (National Highway Traffic Safety Administration) in dieser Angelegenheit schon länger aktiv. Die US-Bundesbehörde für Straßen- und Fahrzeugsicherheit, die bisher bei den Untersuchungen zu den zahlreichen und teilweise schweren Tesla-Autopilot-Unfällen nicht überzeugen konnte, drohte dem Elektroautohersteller zuerst mit der Anordnung eines Zwangs-Rückrufs. Kurz nach dem Jahreswechsel bewegte sie sich auf eine zweite Eskalationsstufe. In einem Brief an Teslas Rechtsabteilung forderte die Behörde den Elektroauto-Hersteller dazu auf, "einen Rückruf einzuleiten, um alle Besitzer, Käufer und Händler der betroffenen Fahrzeuge über diesen Fahrzeuge über diesen Sicherheitsmangel zu informieren und für Abhilfe zu sorgen". Betroffen sind demnach insgesamt gut 158.000 Teslas. Es handelt sich dabei um das Model S der Modelljahre 2012 bis 2018 und das Model X der Modelljahre 2016 bis 2018.

Infotainment-Update nun billiger

Die Rückruf-Androhung war zwar nicht bindend, scheint aber dennoch bereits etwas bewirkt zu haben. Plötzlich bietet Tesla ein Infotainment-Update, das unter anderem die durch die Behörden beanstandeten Fehler behebt, deutlich günstiger an als zuvor: Der Preis für die Software-Auffrischung per Tesla-App, die zudem neue Funktionen und eine bessere Nutzerfreundlichkeit mit sich bringt, sinkt nun sowohl in den USA als auch in Europa von 2.500 auf 1.500 Dollar beziehungsweise Euro. Zwar sind derartige Preisänderungen bei Tesla durchaus üblich, und der Hersteller kommuniziert keinen Zusammenhang zwischen der Maßnahme und den Aktionen der Behörden. Doch allein die zeitliche Abfolge lässt darauf schließen, dass Tesla mit der Preissenkung auf die NHTSA-Androhung reagiert hat.

Tesla Model X 2016
Wolfgang Groeger-Meier
Auch das Elektro-SUV Model X kann von dem Flash-Speicher-Ausfall betroffen sein.

Trotzdem ist fraglich, ob sich die NHTSA und das KBA damit zufrieden geben. Bereits im Herbst 2020 schien es so, als habe Tesla eine zufriedenstellende Lösung gefunden. Damals hieß es, dass die Kalifornier in den USA betroffenen Fahrern eine kostenlose Reparatur anbieten. Außerdem waren Garantieverlängerungen im Gespräch, und Kunden, die eine Reparatur zuvor bereits aus eigener Tasche bezahlten, sollten ihr Geld zurückerhalten. Tesla hatte damals eine E-Mail mit sinngemäß folgendem Wortlaut an seine US-Kunden verschickt:

"Unsere Unterlagen zeigen, dass Sie ein Modell S/X besitzen oder besessen haben, das vor März 2018 gebaut wurde. Dieses Fahrzeug fällt möglicherweise unter Teslas Garantieprogramm, da dieses Programm auch eine Fehlfunktion des Speicherchips eMMC abdeckt. Diese Fehlfunktion kann zu Ausfällen des Touchscreens führen, beeinträchtigt jedoch nicht die Fahrbarkeit des Autos.

Tesla bietet berechtigten Eigentümern, die so eine Fehlfunktion festgestellt haben, kostenlose Reparaturen in einem Tesla Service Center an. Das Auto darf nicht älter als acht Jahre und nicht mehr als 100.000 Meilen (160.934 Kilometer) gefahren sein. Wenn bei Ihnen keine Fehlfunktion auftritt, müssen Sie keine Maßnahmen ergreifen.

Wenn Sie bereits für Reparaturen bezahlt haben, die die Bedingungen des Programms erfüllen, haben Sie möglicherweise Anspruch auf eine Kostenerstattung. Tesla wird die Erstattungsdetails und die Berechtigung bis Februar 2021 bekanntgeben."

Tesla von NHTSA gezwungen

Dieses Vorgehen scheint der NHTSA damals nicht genügt zu haben, weshalb die Behörde mit der neuerlichen Rückruf-Aufforderung Druck auf Tesla aufbaute. Auch die Preissenkung für das Touchscreen-Update hat die US-Behörde nicht beruhigt. Ganz im Gegenteil: Jetzt reicht es den Beamten mit Teslas unwürdiger Hinhaltetaktik: Sie zwingen den Elektroautobauer zum Rückruf. Normalerweise entschließen sich Autohersteller freiwillig zu solchen Nachbesserungen – der erzwungene Rückruf kann als ungewöhnlich gelten.

Der US-Rückruf beginnt am 30. März 2021. Die NHTSA möchte 158.000 Fahrzeugen in die Werkstätten zurückholen lassen, aber auch hier stellt sich Tesla quer: Die Kalifornier wollen, dass der Rückruf Fahrzeuge ausschließt, die nach März 2018 mit verbesserten Prozessoren vom Band liefen.

Tesla Model S, Display
Hans-Dieter Seufert
Die Wurzel der Probleme: Die 8 GB eMMC-Multimediakarte im Mediensteuermodul des Touchscreen-Infotainments macht Ärger.

Ein für Deutschland zuständiger Sprecher verweist zudem auf die im November getroffene Regelung, dass den in Deutschland, Österreich und der Schweiz ansässigen Kunden, die ebenfalls von den Schwierigkeiten geplagt sind, eine Garantieverlängerung bis acht Jahre oder 160.000 Kilometer zuteil wird. In ihren bis spätestens März 2018 produzierten Autos wird das Modul in einem Tesla Service Center entweder kostenfrei repariert oder getauscht. Unter gewissen Bedingungen bestünde zudem ein Anspruch auf Rückerstattung der Kosten, falls der Tausch oder die Reparatur zuvor aus eigener Tasche bezahlt wurden.

Problem war lange bekannt

Bereits seit Oktober 2019 berichteten Tesla-Kunden, dass es bei älteren Modellen der Typen S und X wegen eines verschlissenen Flash-Speichers zu Problemen mit dem Bildschirm bzw. dem gesamten Multimedia-System kommt. Die Schwierigkeit: Fällt die Media-Control-Unit (MCU) aus, verabschiedet sich nicht nur das Infotainment-System, sondern das ganze Auto schaltet in einen Notfallmodus und wird damit mehr oder weniger unbrauchbar. Tesla-Chef Elon Musk versprach zwar seinerzeit Abhilfe, die ist aber offensichtlich noch längst nicht überall dort angekommen, wo es nötig gewesen wäre.

Tesla NHTSA Rückruf
NHTSA
Die NHTSA untersuchte die Ausfälle des Flash-Speichers und forderte Tesla bereits zu einem offiziellen Rückruf auf.

Verantwortlich für die Ausfälle ist ein Flash-Speicherchip eMMC (embedded Multi Media Card), der Teil der MCU (Media Control Unit) der ersten und zweiten Generation ist. Die eMMC ist eine Tesla-Eigenentwicklung – sie arbeitet unabhängig von sämtlichen anderen Datenströmen im Fahrzeug. Allerdings berichtet der Mediendienst CNet aus San Francisco, dass die Tesla-Software mit den Jahren immer höhere Protokoll-Kapazitäten benötigt. Und die eMMC ist Teil dieser Kapazitäten. Nach wenigen Jahren sind die Kapazitäten laut CNet komplett erschöpft, womit auch die eMMC ausgelastet durch zu viele Schreib- und Lesevorgänge ausgebrannt ist.

Speicherkapazität nach vier Jahren erschöpft

Sobald die Kapazität der eMMC erschöpft ist, fällt sie aus. Ihr Ausfall bedingt wiederum, dass die MCU nicht hochfahren kann – und mit inaktiver MCU kommt es bei Tesla Model S und Model X zu einer ganzen Reihe von Ausfällen. Das Infotainment-System ist genauso betroffen wie die Klimaanlage, die sich nicht mehr einstellen lässt. Das Auto ist zwar noch fahrbar, aber nicht mehr aufladbar. Laut Experten tritt der Ausfall der eMMC nach zirka vier Jahren und somit außerhalb der Garantie auf, weshalb es mit Tesla Schwierigkeiten gibt. Der kalifornische Elektroautohersteller verkauft grundsätzlich keine Ersatzteile an andere Werkstätten oder Privatpersonen – wer eine Reparatur möchte, muss dafür einen kostenpflichtigen Tesla-Werkstattbesuch einplanen. In den USA hilft auch der unabhängige Tesla-Fachmann Phil Sadow betroffenen Fahrern, indem er den Chip tauscht.

Elon Musk twitterte kurz nach Bekanntwerden der Probleme, dass inzwischen alles besser sein sollte – allerdings gestand er weder ein, dass es Probleme mit der eMMC gab, noch, wie Tesla diese lösen will. Die Debatte um die ausfallenden Chips hat in den USA den Streit um das "Right to Repair" (Recht zu Reparieren) neu entfacht. Danach müssen Autohersteller jedem die Möglichkeit geben, sein Auto selber zu reparieren. Tesla scheint dieses Recht seit Jahren zu ignorieren, indem der Hersteller keine Ersatzteile an Dritte verkauft und somit ganz allein am lohnenden Reparaturgeschäft verdient. Nach andauernden Protesten von Werkstätten, Mechanikern und Fahrern musste Tesla inzwischen seine Richtlinien lockern und gibt einige Ersatzteile für den Verkauf frei.

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Sollte Tesla seine Autos für Reparaturen in allen Werkstätten freigeben?
Nein, mit der komplizierten Elektronik kommt sicher nur der Hersteller selbst zurecht.
Klar, die wollen sich doch nur die Taschen vollstopfen.

Fazit

Im Falle der fehlerhaften eMMC hat sich Tesla nicht mit Ruhm bekleckert: Dass der Fehler bei Tesla lag, war offensichtlich – zu viele Betroffene berichteten nach normalem Fahrzeuggebrauch von dem Problem. Ursache und Wirkung waren schnell bekannt – aber Tesla interessierte sich in diesem Fall nicht für seine Kunden.

Jetzt reicht es der US-Straßen- und Verkehrssicherheitsbehörde NHTSA endgültig: Sie zwingt Tesla zum Rückruf. Endlich. Wenn ein Autohersteller zu seinen Fehlern so wenig steht wie Tesla, muss halt der lange Arm des Gesetztes den Hersteller zwingen, nicht das Wohl seiner Kunden aus den Augen zu verlieren.

Dabei handelt die NHTSA im Sinne des neuen US-Präsidenten Joe Biden, der sich massiv für eine Verbesserung der Verkehrssicherheit einsetzt. Dies könnte für Tesla auch noch in Sachen Autopilot zu einem Problem werden – schließlich hat das Versagen dieses Fahrassistenz-Pakets bereits zu vielen schwersten Unfällen geführt. Bei der Untersuchung dieser Unfälle wirkte die NHTSA bisher massiv überfordert.

Fehler passieren, wie auch Tesla es jeden Tag aufs Neue beispielsweise an der schwankenden Qualität seines in den USA ausgelieferten Model Y erfährt. Aber für eine Fehlerbehebung nach langen Querelen erst Behördenzwang abzuwarten, ist inakzeptabel.

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