Tesla Model S P100D - Elektroauto - Sportwagen - Test Rossen Gargolov

Tesla-Probleme mit Flash-Speicher: NHTSA prüft Rückruf

Auf Druck von US-Bundesbehörde NHTSA Tesla ersetzt kaputte Media-Speicher auf Kulanz

Auf Druck der US-Behörde NHTSA hat Tesla nach Jahren Probleme mit älteren Rechenchips (eMMC) anerkannt und tauscht diese kostenlos. Fast zwei Jahre lang hatte Tesla Kundenbeschwerden abgelehnt und eigene Verantwortung für den Defekt bestritten.

Bei seinem Besuch auf der Gigafactory-Baustelle in Brandenburg Ende August antwortete Tesla-Chef Elon Musk auf die Frage, was ihn aktuell am meisten antreibe: Geschwindigkeit. Aber das scheint bei Musk nicht für alle Tesla-Themen zu gelten. So gibt es seit Jahren Meldungen über Probleme mit den eMMCs (embedded MultiMediaCard) älterer Model S und X. Bei diesen lief irgendwann der Speicher voll und es konnte zu Bildschirmausfällen und weiteren mit der eMMC verknüpften Problemen kommen. Auch uns erreichten regelmäßig Zuschriften von deutschen Tesla-Fahrern, die mit dem Problem zu kämpfen hatten, und denen Tesla anscheinend kostspielige Reparaturen anbot. Jetzt ist Tesla eingeknickt und bietet in den USA betroffenen Fahrern eine kostenlose Reparatur an. Teslas in diesem Fall hartleibige Einstellung gegenüber seinen Kunden knackte mit der NHTSA (National Highway Traffic Safety Administration) ausgerechnet die US-Bundesbehörde für Straßen- und Fahrzeugsicherheit, die bisher bei den Untersuchungen zu den zahlreichen und teilweise schweren Tesla-Autopilot-Unfällen nicht überzeugen konnte. Sie drohte dem Elektroautohersteller mit der Anordnung eines Zwangs-Rückrufs.

Email an potenziell Betroffene

Tesla hat jetzt eine Email mit sinngemäß folgendem Wortlaut an seine US-Kunden verschickt:

"Unsere Unterlagen zeigen, dass Sie ein Modell S/X besitzen oder besessen haben, das vor März 2018 gebaut wurde. Dieses Fahrzeug fällt möglicherweise unter Teslas Garantieprogramm, da dieses Programm auch eine Fehlfunktion des Speicherchips eMMC abdeckt. Diese Fehlfunktion kann zu Ausfällen des Touchscreens führen, beeinträchtigt jedoch nicht die Fahrbarkeit des Autos.

Tesla bietet berechtigten Eigentümern, die so eine Fehlfunktion festgestellt haben, kostenlose Reparaturen in einem Tesla Service Center an. Das Auto darf nicht älter als acht Jahre und nicht mehr als 100.000 Meilen (160.934 Kilometer) gefahren sein. Wenn bei Ihnen keine Fehlfunktion auftritt, müssen Sie keine Maßnahmen ergreifen.

Wenn Sie bereits für Reparaturen bezahlt haben, die die Bedingungen des Programms erfüllen, haben Sie möglicherweise Anspruch auf eine Kostenerstattung. Tesla wird die Erstattungsdetails und die Berechtigung bis Februar 2021 bekanntgeben."

Regelung für Europa bisher unbekannt

Was Teslas Eingeständnis für den europäischen Markt bedeutet, ist noch nicht bekannt – allerdings ist davon auszugehen, dass die Amerikaner hierzulande eine ähnliche Lösung anbieten werden. Wer sein Fahrzeug in der Zwischenzeit bei einer Fremdfirma hat reparieren lassen, könnte allerdings auf seinen Kosten sitzen bleiben.

Problem war lange bekannt

Bereits seit Oktober 2019 berichteten Tesla-Kunden, dass es bei älteren Modellen der Typen S und X wegen eines verschlissenen Flash-Speichers zu Problemen mit dem Bildschirm bzw. dem gesamten Multimedia-System kommt. Die Schwierigkeit: Fällt die Media-Control-Unit (MCU) aus, verabschiedet sich nicht nur das Infotainment-System, sondern das ganze Auto schaltet in einen Notfallmodus und wird damit mehr oder weniger unbrauchbar. Tesla-Chef Elon Musk versprach zwar seinerzeit Abhilfe, die ist aber offensichtlich noch längst nicht überall dort angekommen, wo es nötig gewesen wäre. Wegen anhaltender Nutzer-Beschwerden ermittelt deshalb auch die US-Verkehrssicherheitsbehörde NHTSA gegen Tesla. Solchen Ermittlungen folgt dann meist der entsprechende Rückruf.

Tesla NHTSA Rückruf
NHTSA
Die NHTSA untersucht jetzt die Ausfälle des Flash-Speichers und wird dann über einen Rückruf entscheiden.

159.000 Fahrzeuge betroffen?

Bei der Behörde geht man aktuell davon aus, dass die Probleme im Model S (Baujahre 2012 bis 2018) sowie im Model X (2016 bis 2018) auftreten können; laut NHTSA sind rund 159.000 Fahrzeuge betroffen. Verantwortlich für die Ausfälle ist ein Flash-Speicherchip eMMC (embedded Multi Media Card), der Teil der MCU (Media Control Unit) der ersten und zweiten Generation ist. Die eMMC ist eine Tesla-Eigenentwicklung – sie arbeitet unabhängig von sämtlichen anderen Datenströmen im Fahrzeug. Allerdings berichtet der Mediendienst CNet aus San Francisco, dass die Tesla-Software mit den Jahren immer höhere Protokoll-Kapazitäten benötigt. Und die eMMC ist Teil dieser Kapazitäten. Nach wenigen Jahren sind die Kapazitäten laut CNet komplett erschöpft, womit auch die eMMC ausgelastet durch zu viele Schreib- und Lesevorgänge ausgebrannt ist.

Tesla Model S, Frontansicht
Hans-Dieter Seufert
Ältere Versionen des Tesla Model S können vom Ausfall des eMMC-Chips betroffen sein.

Speicherkapazität nach vier Jahren erschöpft

Sobald die Kapazität der eMMC erschöpft ist, fällt sie aus. Ihr Ausfall bedingt wiederum, dass die MCU nicht hochfahren kann – und mit inaktiver MCU kommt es bei Tesla Model S und Model X zu einer ganzen Reihe von Ausfällen. Das Infotainment-System ist genauso betroffen wie die Klimaanlage, die sich nicht mehr einstellen lässt. Das Auto ist zwar noch fahrbar, aber nicht mehr aufladbar. Laut Experten tritt der Ausfall der eMMC nach zirka vier Jahren und somit außerhalb der Garantie auf, weshalb es mit Tesla Schwierigkeiten gibt. Der kalifornische Elektroautohersteller verkauft grundsätzlich keine Ersatzteile an andere Werkstätten oder Privatpersonen – wer eine Reparatur möchte, muss dafür einen kostenpflichtigen Tesla-Werkstattbesuch einplanen. In den USA hilft auch der unabhängige Tesla-Fachmann Phil Sadow betroffenen Fahrern, indem er den Chip tauscht.

Tesla Model X 2016
Wolfgang Groeger-Meier
Auch das Elektro-SUV Model X kann von dem Flash-Speicher-Ausfall betroffen sein.

Recht zur Reparatur wieder auf dem Plan

Elon Musk twitterte kurz nach Bekanntwerden der Probleme, dass inzwischen alles besser sein sollte – allerdings gestand er weder ein, dass es Probleme mit der eMMC gab, noch, wie Tesla diese lösen will. Die Debatte um die ausfallenden Chips hat in den USA den Streit um das "Right to Repair" (Recht zu Reparieren) neu entfacht. Danach müssen Autohersteller jedem die Möglichkeit geben, sein Auto selber zu reparieren. Tesla scheint dieses Recht seit Jahren zu ignorieren, indem der Hersteller keine Ersatzteile an Dritte verkauft und somit ganz allein am lohnenden Reparaturgeschäft verdient. Nach andauernden Protesten von Werkstätten, Mechanikern und Fahrern musste Tesla inzwischen seine Richtlinien lockern und gibt einige Ersatzteile für den Verkauf frei.

Umfrage

2551 Mal abgestimmt
Sollte Tesla seine Autos für Reparaturen in allen Werkstätten freigeben?
Nein, mit der komplizierten Elektronik kommt sicher nur der Hersteller selbst zurecht.
Klar, die wollen sich doch nur die Taschen vollstopfen.

Fazit

Im Falle der fehlerhaften eMMC hat sich Tesla nicht mit Ruhm bekleckert: Dass der Fehler bei Tesla lag, war offensichtlich – zu viele Betroffene berichteten nach normalem Fahrzeuggebrauch von dem Problem. Ursache und Wirkung waren schnell bekannt – aber Tesla interessierte sich in diesem Fall nicht für seine Kunden.

Erst der massive Druck der US-Behörde NHTSA, einen Zwangsrückruf anzuordnen, brachte die Tesla-Verantwortlichen zum Einlenken. Auf dem Gebiet selbstverschuldeter Fehler in Kombination mit dann nötigen Rückrufen haben Elon Musk und seine Mitarbeiter noch jede Menge Potenzial.

Fehler passieren, wie auch Tesla es jeden Tag aufs Neue beispielsweise an der schwankenden Qualität seines in den USA ausgelieferten Model Y erfährt. Aber für eine Fehlerbehebung nach langen Querelen erst Behördenzwang abzuwarten, ist inakzeptabel.

Tesla Model X
Artikel 0 Tests 0 Generationen 0 Videos 0
Alles über Tesla Model X
Mehr zum Thema Elektroauto
Ford Mustand Mach-E GT
E-Auto
Tesla Model Y, Exterieur
Politik & Wirtschaft
PSA E-Mobility Elektrotransporter
E-Auto