Erst nachdem der letzte Konkurrent seinen Quali-Run beendet hatte, brandete lauter Jubel am Strategiestand des RLL-Teams auf. Dort konnte man scheinbar lange den eigenen Augen nicht trauen. Obwohl Mick Schumacher als erster Fahrer überhaupt seine zwei gewerteten Runden gesetzt hat, sollte er einen herausragenden vierten Rang einfahren. Angesichts von Faktoren wie einer noch schmutzigen Fahrbahn und fehlenden Tipps der vorher fahrenden Kollegen sprach mehr gegen den Erfolg.
Schumacher zeigte sich unbeeindruckt. Er lief davor entspannt in der Mittagshitze des Phoenix Raceway zu seinem Dallara-Honda, legte das Equipment an und jagte mit einem Burnout der Geschichte entgegen. Nach seinen zwei Runden stand ein Schnitt von 173,776 mph (41,459 Sekunden). Die Amerikaner geben hier standardmäßig Geschwindigkeiten an. Auch wegen der genannten Umstände konnte noch nicht absehbar sein, wie gut die Ausfahrt war.
Einige deutlich unterlegene Gegner und einen Crash des Ex-Meisters Will Power (Andretti) später zeigte sich: Sie war hervorragend. Kurz wurden die Fans im Arizona-Einmeiler unruhig: Schafft der Deutsche gar ein Wunder? Dann knackte allerdings RLL-Teamkollege Graham Rahal die Zeit. Später überflügelten ebenso die Penske-Hauptfavoriten Josef Newgarden und Malukas den Neuling. Malukas legte einen brachialen 175,671-mph-Schitt (41,053) Sekunden hin.

Zwei Testtage in Phoenix halfen Schumacher beim Gefühl für die Linienwahl. Der Deutsche konnte schnell die Lektionen umsetzen.
"Verdammt toller Mick"
Der erwähnte Jubel hätte selbst bei einer Pole-Position nicht viel lauter ausfallen können. Nachdem die RLL-Truppe einen fürchterlichen Auftakt in St. Petersburg (Florida) erlebt hatte, freute sich das Traditionsteam über eine starke Antwort. Präsident Jay Frye klatschte zurück im Garagenbereich alle Mechaniker ab und jubelte: "Dieser Mick ist verdammt toll. Das ist das Ergebnis seiner Arbeit."
Die begann am Freitagmorgen noch nervig. Ein Elektrikproblem hielt den Deutschen länger in der Pitlane während des Auftakttrainings. Als es dann aussortiert war, konnte Schumacher wichtige Simulationen abarbeiten. Erst probierte er sich an einem Qualifyingtest, dann hing er sich in den Windschatten. Der abschließende elfte Platz glich bereits einer angenehmen Überraschung. Jeder hätte dasselbe Ergebnis am Mittag ohne großes Nachdenken unterschrieben.
Gut, dass es niemand tun musste. Hat das Team irgendwas Spezielles im Debrief des Morgens gefunden? "Tatsächlich nicht, es war ein organischer Prozess", resümierte Frye. Der Performance-Sprung geht also beispielsweise nicht auf ein spitzes Quali-Setup zurück. Außerdem zeigte der etwas hadernde dritte RLL‑Fahrer Louis Foster, dass Kleinigkeiten Mick auch ins Mittelfeld hätten spülen können.

Während der Vorbereitung auf die Quali-Ausfahrt stand RLL-Fahrercoach Ryan Briscoe für Fragen bereit. Seine Unterstützung trug schnell Früchte.
Noch nicht alles gezeigt
"Vor dem Run habe ich mich einfach nur auf die anstehenden Aufgaben fokussiert, also darauf, wie ich die Runden angehe und was ich am Lenkrad anpassen muss. Ich wollte unser Potenzial ausreizen und würde im Nachhinein zusammenfassen, dass wir sogar noch ein wenig mehr in uns haben." Hätte er vielleicht die Referenz eines Kollegen gehabt, wäre noch ein besseres Resultat denkbar gewesen, so Schumacher. "Zweifelsohne wird das Rennen am Samstag hart. Trotzdem freue ich mich darauf."
Für Rahal Letterman Lanigan Racing ist die zweite Startreihe von Graham Rahal und Mick Schumacher historisch. Fast zwei Jahrzehnte muss man zurückblättern, um ein ähnliches Ergebnis zu finden. Auch wenn die Freude riesig war, kassierte allen voran Präsident Jay Frye schnell wieder übertriebenen Hype ein. "Erst morgen zählt es. Da müssen wir abliefern. Besonders Mick wird so viel Neuem ausgesetzt werden, weswegen wir konzentriert bleiben müssen."
Dazu gehören essenzielle Themen wie Reifenabnutzung, Pitstops unter Druck und heikle Situationen des Verkehrs. Das Oval-Debüt von Mick Schumacher startet am Samstag (7.3.) um 21:20 Uhr deutscher Zeit. Sky, Motorvision+ und der hauseigene Streamingdienst der IndyCar übertragen die Phoenix-Party.





