Dieses Projekt ist fast schon zu verrückt, um wahr zu sein. Doch beim zweiten Lauf zur Nürburgring Langstrecken-Serie (NLS) wurde es Realität. Zum ersten Mal drehte der BMW M3 Touring 24H bei Testfahrten am Freitag (20.3.) seine Runden auf der Nürburgring-Nordschleife. Der Kombi in der Grünen Hölle eroberte die Herzen der Fans im Fahrerlager und rund um die 26,534 Kilometer lange Strecke im Sturm – und das noch bevor er im Rennen am Samstag (21.3.) antritt. Vor der Garage tummelten sich zahlreiche Zuschauer, die einen Schnappschuss machen wollten.
Die Ingenieure freuten sich über so viel Zuspruch, haben aber bei der Jungfernfahrt durch die Grüne Hölle genug zu tun. Das zweite Rennwochenende der Breitensportserie NLS dient zur Vorbereitung auf das 24-Stunden-Rennen Nürburgring. Hier wird der BMW M3 Touring 24H seinen großen Auftritt haben, ehe er anschließend in die Hände eines Sammlers geht, der anonym bleibt. Er hat es neben Sponsoren und Partnern auch möglich gemacht, dass BMW Motorsport solch ein Projekt in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten auf die Beine stellen kann.
Tatsächlich machte der bayerische Hersteller damit einen Traum der Fans wahr. Was als Aprilscherz mit grafischen Computer-Renderings begann, wurde innerhalb von nur acht Monaten Wirklichkeit. "Das ist ungefähr ein Drittel der Zeit, die wir etwa für die Entwicklung des BMW M4 GT3 zur Verfügung hatten", verrät Moritz Lange-Piëch. Und ja, Sie haben richtig gelesen. Er ist ein Sprössling der Piëch-Familie und zeichnete als Projektleiter für den BMW M3 Touring 24H verantwortlich.
Bald Taxifahrten mit dem BMW M3 Touring 24H?
Bei der Umsetzung der kühnen Idee gab es einige Herausforderungen zu meistern. Die meisten technischen Daten wie der 3,0-Liter-Turbo-Reihensechszylinder mit einer Leistung von bis 590 PS oder das X-Trac-6-Gang-Getriebe sind mit dem großen Bruder BMW M4 GT3 EVO identisch. Der Kombi-Bruder ist mit der Grundkarosserie des BMW M3 Touring aber 200 Millimeter länger und inklusive Heckflügel 32 Millimeter höher. Das Verrückte: Der Radstand ist exakt derselbe. Die alles entscheidende Frage: Was wiegt der Kombi mehr als der GT3-Renner? "Über Gewicht sprechen wir nicht", sagt Lange-Piëch und schmunzelt.
Sicher ist jedoch, dass die Touring-Variante ein paar Kilo mehr auf die Waage bringt. Das bringt zum einen die Karosserie mit sich, zum anderen individuelle Umbaumaßnahmen. So hat der Zuschauer-Liebling etwa einen Beifahrersitz verbaut. Dafür musste eigens der Überrollkäfig angepasst werden. In einem GT3-Renner undenkbar, doch die eingefleischten Nordschleifen-Fans dürften aufhorchen. Es könnte in Zukunft die Gelegenheit für Taxifahrten geben. Abgesehen davon musste der Heckflügel, der dem M4 GT3 entstammt, mit einem Schwanenhals verstärkt werden.
Aerodynamik als Herausforderung
Apropos Heckflügel: In der Aerodynamik lag eine der größten Herausforderungen. Denn durch die Touring-Dachform ergibt sich ein erhöhter Luftwiderstand. Generell hat der Touring durch seine Linienführung weniger Abtrieb, den auch der angepasste Heckflügel nicht komplett kompensieren kann. Erst vor zwei Wochen war man das erste Mal mit dem Auto im Windkanal. "Der Grenzbereich ist etwas schmaler", sagt BMW-Werksfahrer Jens Klingmann nach seinen ersten Runden auf der Nordschleife. Die Aerodynamik ist speziell in den vielen mittelschnellen Kurven der Strecke entscheidend.
Trotzdem war es den Entwicklern wichtig, tatsächlich die Rohkarosse des M3 Touring als Basis zu verwenden – auch wenn das ein bisschen Umdenken erforderte. "Wir wollten das für unsere Community authentisch machen", sagt Benedikt Stauner, Leiter Strategie BMW M Motorsport. "Wir wollten nicht einfach nur einen M4 umbauen."

Der Heckflügel mit Schwanenhals soll das Thema Abtrieb regeln.
Die Außenhaut basiert auf dem GT3 und ist aus CFK, aber neu sind etwa das Dach, das nun aus Karbon besteht, und in das die vorgeschriebene Ausstiegsluke integriert ist. Aber auch alle Scheiben, nun aus Kunststoff, oder die hinteren Türen sind neu. Wer denkt, man könnte im praktischen Kombi ein paar Einkäufe verstauen, liegt falsch. Sie sind nur Fake und haben keine Funktion, gehören aber natürlich zur Touring-Optik. Denn wer braucht im Rennsport schon hintere Türen?
Hat der Kombi eine Chance?
Und wie stehen die sportlichen Chancen beim 24-Stunden-Rennen Nürburgring? Klar ist, man will nicht einfach nur mitrollen, sondern auch konkurrenzfähig sein. "Es macht wirklich Spaß, das Auto zu fahren", sagt Klingmann. Für ein gutes Ergebnis sprechen dieselben technischen Daten wie beim M4 GT3, das Gewicht bleibt aber ein Fragezeichen.
Auch die Zuverlässigkeit wird eine Rolle spielen. Bisher gab es nur einen Test über eine Stunde in Miramas. 24 Stunden auf der Nordschleife sind nochmal eine ganz andere Herausforderung. Dabei geht es weniger um Motor und Getriebe, sondern mehr darum, ob das Bodywork an Ort und Stelle bleibt oder um Spaltmaße und Co. Viele Ersatzteile gibt es übrigens auch noch nicht.







