Autodesign ist seit jeher ein emotional diskutiertes Thema. Auf der einen Seite stehen jene, die alles verehren, auf dessen Stirn in großen roten Buchstaben "NEU" geschrieben steht, auf der anderen Seite, die "Früher-war-alles-besser"-Fraktion, die allem, was nach der letzten Rechtschreibreform entstand mit Argwohn begegnen. Zwischen diesen Polen lohnt es sich, Design als Ausdruck seiner Zeit zu betrachten. Viele gestalterische Strömungen, ob in Mode, Architektur oder Innenraumgestaltung, wirken rückblickend stark an ihre Epoche gebunden. Auch im Automobildesign zeigt sich dieser Zusammenhang immer wieder.
Gerade bei der Mercedes-Benz S-Klasse ist dieser Blickwinkel besonders interessant. Über Jahrzehnte hinweg verstand sie sich als stilprägendes Fahrzeug, das modische Einflüsse aufgriff, ohne ihnen allzu offensiv zu folgen. Ihr Anspruch war es, zeitgemäß zu sein, dabei jedoch Zurückhaltung und Würde auszustrahlen. Das aktuelle Facelift des W223 bleibt insgesamt moderat, insbesondere im Vergleich zu einigen Wettbewerbern im Oberklasse-Segment. Dennoch wurden Akzente gesetzt, die stärker dem aktuellen Zeitgeist folgen. Das beleuchtete Markenemblem ist ein Beispiel dafür. Es steht sinnbildlich für einen Wandel: Erstmals greift die S-Klasse ein Stilmittel auf, was man bislang eher von günstiger bepreisten Autos kennt. Vom Golf zum Beispiel. Ob solche Details langfristig Bestand haben und die gewünschte Zeitlosigkeit erreichen, bleibt abzuwarten. Die Frage stellt sich, ob ein mit Markensymbolen durchsetzter Kühlergrill in einigen Jahrzehnten ähnlich souverän wirken wird wie ein W126 in Blauschwarz Metallic.
Zeitlos erscheint die S-Klasse traditionell dann, wenn sie in ihrem angestammten Umfeld präsentiert wird: seriös, gepflegt und ohne gestalterische Überzeichnung. Für diesen Eindruck sind weder die neueste Ausstattungsvariante noch auffällige Zierelemente zwingend erforderlich. Sobald jedoch modische Effekte dominieren, besteht die Gefahr, dass die klare Linie verloren geht. Gerade bei einer Luxuslimousine dieser Kategorie war Zurückhaltung stets ein Teil der gestalterischen Stärke. Auch frühere Generationen, wie die Heckflosse oder der W116 mit seinen Doppelstoßstangen, kannten Details, die sich später nicht durchgesetzt haben – ein Hinweis darauf, dass nicht jeder Trend von Dauer ist.
Displays statt Edelholz
Ein ähnlicher Eindruck entsteht im Innenraum. Der Wechsel von einer harmonisch eingebetteten Cockpitlandschaft mit klar gefassten Bildschirmen hin zu einem durchgehenden Superscreen verändert die Anmutung deutlich. Im ausgeschalteten Zustand wirkt die Fläche dunkel und anfällig für Staub und Fingertapser, im Betrieb wird die technische Konstruktion hinter der Glasfläche sichtbar, die eben doch nur rechteckig ist. Zudem geht die zuvor gelungene Verbindung zwischen Armaturentafel und Türverkleidungen teilweise verloren. Der Eindruck von handwerklicher Tiefe und Materialität tritt zugunsten einer stärker bildschirmorientierten Gestaltung in den Hintergrund.

Ohne Rücksicht auf die Farben, vergleichen Sie mal alt (oben) und neu (unten). Ist die durchgehende Bildschirmscheibe wirklich ein Fortschritt, oder bleiben edle Zierteile in einem Luxusauto vielleicht doch erste Wahl? Achten Sie auch mal auf den Übergang vom Armaturenträger zur Türverkleidung oder die neue Plastikumgebung vom Kombiinstrument.
Die S-Klasse, das ewige Vorbild
Der Diskurs, der der S-Klasse gerade zuteilwird, ist geprägt von Neulust. Was sich aufdrängt, ist, dass der Mercedesstern jetzt leuchtet. Nicht, dass die Motoren in Deutschlands Vorzeigewagen effizienter laufen als jemals zuvor, oder dass von nun an sogar Sicherheitsgurte beheizt werden können. Schon klar, durch solch ein Komfortextra wird das fürstliche Leben in der S-Klasse nur noch fürstlicher – wen juckt’s? Aber denken Sie mal darüber nach, wie sinnvoll ein Heizgurt in einem sparsamen E-Auto werden könnte, bei dem es darum geht, möglichst wenig Energie für die Innenraumtemperatur zu verheizen! Und genau das machte die S-Klasse mit all ihren Innovationen über die Jahrzehnte aus. ABS und ESP? Haben wir der S-Klasse zu verdanken. Einparkhilfe und Abstandstempomat? Erschienen erstmals in der S-Klasse. Sprachsteuerung und Keyless-Go? S-Klasse, übrigens schon vor fast 30 Jahren!
Muss Fortschritt sichtbar inszeniert werden, oder liegt die besondere Stärke dieses Modells weiterhin in einer subtileren Form der Innovation? Am Ende wird, wie so oft, die Kundschaft darüber entscheiden, welchen Weg die S-Klasse künftig einschlägt.





