BMW testet humanoide Roboter in Produktion: Kollege Roboter

BMW testet humanoide Roboter in Produktion
Kollege Roboter

ArtikeldatumVeröffentlicht am 03.03.2026
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BMW erweitert sein Produktionssystem um eine neue Klasse von Maschinen: humanoide Roboter, die mit KI-Agenten verknüpft sind. Der Konzern spricht von "Physical AI" – einer Verbindung aus digitaler Intelligenz, einheitlicher Datenplattform und physischer Ausführung in der Fabrik.

Die Grundlage dafür hat BMW in den vergangenen Jahren geschaffen. Das Unternehmen hat seine Produktionsdaten in einer konsistenten Plattform gebündelt, Datensilos aufgelöst und KI-Systeme bereits in Qualitätsprüfung, Intralogistik und virtueller Fabrik etabliert. Der humanoide Roboter ist somit ein weiterer logischer Entwicklungsschritt.

Realitätscheck in den USA

Bevor BMW humanoide Roboter auch in deutsche Produktionsstätten integriert, lief im Werk Spartanburg ein zehnmonatiger Pilotversuch mit einem humanoiden Roboter des 2022 gegründeten Robotik-Startups Figure AI aus San José, Kalifornien. Der speziell für den Einsatz in industriellen Umgebungen entwickelte Figure 02 aus Figure Ais zweiter Roboter-Generation unterstützte die Produktion von mehr als 30.000 BMW X3 und arbeitete im regulären Zehn-Stunden-Schichtbetrieb von Montag bis Freitag.

Seine Aufgabe war klar definiert: Blechteile präzise entnehmen und für den Schweißprozess positionieren. Insgesamt bewegte der Roboter über 90.000 Bauteile und kam auf rund 1.250 Betriebsstunden. BMW wertet den Versuch als Beleg dafür, dass ein humanoider Roboter auch in einer bestehenden automobilen Fertigungsumgebung stabil arbeiten kann.

Darum humanoid

Entscheidend für den Erfolg waren nicht nur die einzelnen Bewegungen des Roboters, sondern auch seine Integration ins Gesamtsystem. BMW hat Produktions-IT, Arbeitssicherheit, Logistik und die Steuerung der Produktion frühzeitig eingebunden und die nötige Netzabdeckung in der Halle sichergestellt. Der Übergang vom Labor in den Schichtbetrieb gelang nach Unternehmensangaben schneller als erwartet.

Klassische Industrieroboter arbeiten meist stationär, hoch spezialisiert und abgeschirmt in Käfigen oder Zellen. Humanoide Systeme sollen dagegen flexibler agieren: Sie bewegen sich im bestehenden Umfeld, nutzen unterschiedliche Werkzeuge und übernehmen Aufgaben, die bisher Menschen ausführen. BMW schirmt ihren Arbeitsbereich nicht von dem der menschlichen Mitarbeiter ab – das ist den Verantwortlichen wichtig. Damit verlässt BMW das klassische Prinzip der räumlichen Trennung von Mensch und Roboter und testet ein Modell der koexistierenden Produktion.

Humanoider Roboter Hexagon Aeon in BMW-Produktion.
BMW

Roboter unter Menschen

BMW sieht das Potenzial im Einsatz von KI-gesteuerten humanoiden Robotern vor allem in monotonen, ergonomisch anspruchsvollen oder sicherheitskritischen Tätigkeiten. Der Roboter soll nicht die hochkomplexe Montage ersetzen, sondern standardisierte, körperlich belastende Arbeitsschritte übernehmen. In Spartanburg betraf dies das wiederholgenaue Positionieren von Bauteilen im Karosseriebau – eine Aufgabe mit hohen Anforderungen an Präzision und Takt.

Damit verschiebt sich die Rolle des Roboters: Er ist nicht mehr nur Teil einer abgeschlossenen Automationszelle, sondern bewegt sich im gleichen Produktionsumfeld wie die Beschäftigten. Hier liegt einer der Unterschiede zur klassischen Automation.

Leipzig als nächster Schritt

Nun startet BMW im Werk Leipzig ein europäisches Pilotprojekt – gemeinsam mit Hexagon Robotics aus Zürich. Hexagon ist ein 1992 im schwedischen Stockholm gegründeter Technologie-Konzern. Figure AI wurde 2022 gegründet, Hexagons Robotics-Division existiert erst seit 2025. Die Integration von KI erfordert andere Schnittstellen und Rechenarchitekturen als klassische Industrierobotik. Entsprechend dynamisch entwickelt sich der Markt – zahlreiche Start-ups drängen mit neuen Konzepten in die Fabrikhallen. Viele Anbieter denken bereits über spätere Anwendungen außerhalb der Industrie nach. Für Leipzig haben sich die BMW-Verantwortlichen entschieden, weil dort ein breites Spektrum an Fertigungen etabliert ist – Presswerk, Montage, Fahrzeug-Lackiererei, alles ist in Leipzig vorhanden, überall wäre ein testweiser Robotereinsatz möglich.

Humanoider Roboter Hexagon Aeon in BMW-Produktion.
BMW

Wechselt seine Batterien selbst

Zwei Exemplare von Hexagons humanoidem Roboter Aeon sollen ab April 2026 im BMW-Werk Leipzig Tests durchlaufen und ab Sommer 2026 in eine Pilotphase starten. Aeon ist 1,65 Meter groß, wiegt 60 Kilogramm und kann mit ausgestreckten Armen zehn Kilogramm heben. Während Figure 02 auf Füßen läuft, bewegt sich Aeon auf Rädern fort. Trotz Rollenplattform kann er mit seinen Beinen Treppen bewältigen. Laut Hersteller ist das System in einem digitalen Trainingsmodell auf mehr als 20.000 Treppengeometrien vorbereitet. Zum Halten des Gleichgewichts benötigt Aeon drei Prozent seiner Energie, in Ruhephasen kniet er sich hin. Eine theoretisch mögliche Ausrüstung mit weiteren Armen gilt aktuell noch als zu komplex und schwer zu trainieren.

Seine im Bauch integrierten Batterie-Schubladen tauscht er innerhalb von 22 Sekunden selbst, sodass ein nahezu unterbrechungsfreier Betrieb möglich ist. Sein Wissen kann er an andere Roboter weitergeben. Einen konkreten Preis nennt BMW nicht, die Kosten pro Exemplar rangieren jedoch im sechsstelligen Bereich. Deshalb schauen sich die Verantwortlichen auch ganz genau an, wo ein Einsatz dieser teuren Technik sinnvoll ist. Dort, wo auch klassische Roboter reichen, bleiben diese im Einsatz.


Helfer in der Batteriemontage

Geplant ist der Einsatz von Aeon unter anderem in der Montage von Hochvoltbatterien sowie in der Komponentenfertigung. BMW will dabei die multifunktionale Nutzung des Systems erproben. Der menschenähnliche Aufbau erlaubt es, unterschiedliche Hand- und Greifelemente oder Scan-Werkzeuge anzudocken und den Roboter flexibel einzusetzen. Während der Trend im klassischen Roboterbau eher zu für den jeweiligen Aufgabenbereich angepassten Greifelementen ging, bekommen die neuen KI-Roboter stattdessen universelle Greifer, die für das Bewältigen eines breiten Spektrums an Aufgaben geeignet sind.

Auch beim Einsatz von Aeon in Leipzig steht die Integration ins Produktionssystem im Mittelpunkt. BMW hat dafür das "Center of Competence for Physical AI in Production" aufgebaut, das Technologiepartner bewertet, Tests strukturiert begleitet und die Industrialisierung vorbereitet.

Humanoider Roboter Hexagon Aeon in BMW-Produktion.
Gregor Hebermehl

Neue Arbeitsteilung im Werk

Mit dem Einsatz humanoider Roboter stellt sich zwangsläufig die Frage nach der Rolle der Beschäftigten. BMW betont, dass die Systeme Mitarbeitende entlasten und Arbeitsplätze verbessern sollen. Im US-Pilotprojekt stieß der Roboter nach Unternehmensangaben auf großes Interesse und die menschlichen Mitarbeiter sollen mit zunehmender Projektdauer die Roboter als Teil des Arbeitsalltags akzeptiert haben.

Gleichzeitig verändert sich die Qualifikationsanforderung im Hintergrund. Wer humanoide Systeme integriert, braucht Know-how in IT-Infrastruktur, Schnittstellenmanagement und Sicherheitskonzepten. Die Einführung solcher Systeme erfordert daher eine strukturelle Anpassung des gesamten Produktionsumfelds. Die eigentliche Verschiebung findet damit nicht nur am Band statt, sondern in der Organisation: Datenmodelle, KI-Agenten und physische Systeme wachsen zusammen. Der Roboter ist dann das sichtbare Symbol einer tiefergehenden Transformation.

Fazit