Seit mehr als einem Jahrzehnt sind Diesel-Fahrzeuge in den USA – ähnlich wie in Europa – auf SCR-Systeme mit Diesel Exhaust Fluid (DEF), hierzulande ist der Harnstoff unter dem Markennamen Adblue bekannt, angewiesen. Ziel ist es, Stickoxide im Abgasstrom durch die Einspritzung von Harnstoff deutlich zu reduzieren. Technisch funktioniert das zuverlässig, politisch war es gewollt – technischer Zwang stellte die Einhaltung in der Praxis sicher.
Denn bislang galt: Wer mit zu wenig oder ohne Adblue fährt oder wessen System einen Defekt meldet, bei dessen Motor greifen Leistungsreduzierungen (Derate), Geschwindigkeitslimits oder es kommt sogar zu einem vollständigen Stillstand.
Wende unter der aktuellen EPA-Führung
Mit EPA-Administrator Lee Zeldin hat sich der Kurs der Behörde deutlich verändert. Statt strikter Durchsetzung setzt die EPA zunehmend auf Entlastung von Landwirten, Truckern und Betreibern schwerer Diesel-Fahrzeuge. Bereits im August hatte die Behörde Leitlinien veröffentlicht, die Leistungsreduzierungen deutlich hinauszögern. Diesel-Pick-ups können ab dem Modelljahr 2027 (bedeutet ab Herbst 2026) mit niedrigem Adblue-Vorrat noch 4.200 Meilen (6.759 Kilometer) oder 80 Stunden normal fahren, bevor die Steuerungssysteme die Höchstgeschwindigkeit auf 45 mph (72 km/h) begrenzen.
Nun geht die EPA noch einen Schritt weiter. In einer energisch formulierten aktuellen Mitteilung kündigt sie an, zu prüfen, ob solche Leistungsreduzierungen künftig überhaupt noch notwendig sind, um die Einhaltung der Abgasvorschriften sicherzustellen. Parallel fordert die Behörde umfangreiche Daten von 14 großen Motoren- und Fahrzeugherstellern an, um Ausfallraten und Reparaturhäufigkeiten von Adblue-Systemen besser bewerten zu können.
Kein Notlaufprogramm mehr
Der entscheidende Punkt ist dabei weniger die Technik als ihre Durchsetzung. Wenn Fahrzeuge auch mit leerem Adblue-Tank oder mit Fehlermeldungen über Wochen hinweg nahezu uneingeschränkt weiterfahren dürfen, verliert das System seinen Druck auf den Nutzer. US-Medien gehen nämlich davon aus, dass die meisten Diesel-Fahrer Adblue nur wegen der bei niedrigem Füllstand drohenden Leistungsreduzierungen nachfüllen.

Der Einsatz von Adblue könnte in den USA zum Erliegen kommen.
Adblue steht in den USA auch in der Kritik, weil es Kosten verursacht. Da sind zum einen die Kosten für den Harnstoff selbst (der Markenname gehört dem Deutschen Verband der Automobilindustrie (VDA)), zudem können Systemausfälle zu teuren Werkstattaufenthalten führen. Somit sehen anscheinend einige Fahrer in der Technik eher ein Risiko als einen Nutzen. Ähnliche Bedenken hatte die EPA im vergangenen Jahr bereits im Zusammenhang mit Start-Stopp-Systemen geäußert. Für den neuen Vorstoß gilt: Ohne spürbare Nachteile bei Nicht-Nutzung könnte Adblue zwar formal vorgeschrieben bleiben, faktisch aber in der Bedeutungslosigkeit versinken.
Folgen über die USA hinaus
Auch wenn sich die aktuellen Überlegungen ausschließlich auf den US-Markt beziehen, dürfte Europa genau hinschauen. Die EU setzt ebenfalls auf SCR-Systeme (Selective Catalytic Reduction – Selektive katalytische Reduktion), allerdings mit noch strengeren Vorgaben. Sollte sich in den USA zeigen, dass Halter ihre Diesel-Fahrzeuge auch ohne harte Sanktionen betreiben können, könnte dies eine Debatte über Wettbewerbs-Gleichheit auslösen und die internationale Debatte über Sinn, Ausgestaltung und Durchsetzung solcher Systeme neu entfachen.
Zugleich geraten Hersteller unter Druck: Wenn die EPA anhand der erhobenen Daten systematische Defekte bei Adblue-Komponenten nachweist, dürfte die Technik selbst ins Zentrum der Regulierung rücken.





