Als Hyundai im Winter 2020 die Mehrheit am US-Robotic-Spezialisten Boston Dynamics übernahm, galt das in der Autobranche zunächst als recht exotische Idee. Vier Jahre später ist daraus ein industrielles Großprojekt geworden, das nun erstmals konkrete Formen annimmt. Auf der CES 2026 in Las Vegas präsentiert der Konzern eine Strategie, die vorsieht, "humanoide" Roboter in großer Zahl in die eigene Produktion zu bringen. Im Mittelpunkt steht dabei Atlas, ein zweibeiniger Industrieroboter, der nicht mehr nur spektakuläre Tanz-Videos liefern, sondern reale Arbeit in Autofabriken verrichten soll.
Industrieroboter ersetzt Handarbeit
Hyundai verfolgt dabei ein Ziel, das deutlich über klassische Automatisierung hinausgeht. Während heutige Werke von Schweißrobotern, Förderfahrzeugen und Montagearmen geprägt sind, soll Atlas als beweglicher Allrounder zwischen den Stationen arbeiten. Er ist dafür gebaut, sich in Umgebungen zu bewegen, die bislang für Menschen ausgelegt sind, also zwischen Werkbänken, Regalen und Fahrzeugkarossen. Mit seinen drehbaren Gelenken, Sensoren und Greifhänden kann er Bauteile aufnehmen, sortieren, positionieren und kontrollieren. Anders als herkömmliche Industrieroboter ist er nicht an einen festen Arbeitsplatz gebunden, sondern bewegt sich eigenständig durch die Halle.
Hyundai und Boston Dynamics trainieren Atlas bereits auf typische Aufgaben der Pkw-Fertigung. Dazu gehören das Bereitstellen von Teilen für die Montage, das Handling schwerer Komponenten oder das Prüfen von Baugruppen. In der neuen Fabrik des Konzerns in Georgia, dem sogenannten Metaplant in Savannah, soll der humanoide Roboter ab 2028 erstmals regulär eingesetzt werden, zunächst bei sogenannten Sequenzierungsaufgaben, bei denen Teile in der richtigen Reihenfolge an die Linie geliefert werden. Später sollen auch Montagearbeiten folgen.
30.000 Roboter im Jahr
Parallel dazu baut Hyundai eine eigene Infrastruktur, um diese Roboter in Serie herzustellen und weiterzuentwickeln. Geplant ist eine Produktionskapazität von bis zu 30.000 Einheiten pro Jahr bis zum Ende des Jahrzehnts. Die Autofabriken des Konzerns dienen dabei als Trainingsumgebung. Bewegungen von Menschen, Maschinen und Materialflüssen werden digital erfasst und in Datensätze übersetzt, mit denen die Roboter lernen, sich sicher und effizient zu bewegen. In speziellen Zentren werden Atlas-Modelle auf reale Abläufe vorbereitet, bevor sie in den Werken eingesetzt werden.
Damit entsteht ein System, in dem die Fertigung von Autos und die Fertigung von Robotern ineinandergreifen. Hyundai nutzt seine Erfahrung aus der Großserienproduktion, seine Logistiknetze und seine Softwareplattformen, um eine durchgängige Kette vom Entwurf über die Montage bis zur Wartung der Roboter aufzubauen. Auch andere Konzerntöchter wie Kia, Mobis oder Glovis sind eingebunden, etwa bei Antriebstechnik, Komponentenfertigung und Transport.
Arbeiten rund um die Uhr
Der Gedanke, dass eine Armee humanoider Maschinen menschliche Arbeitskräfte in der Pkw-Produktion ersetzen könnte, ist dabei ausdrücklich Teil dieses Szenarios. Atlas ist darauf ausgelegt, Aufgaben zu übernehmen, die bislang von Menschen erledigt werden, insbesondere dort, wo schwere Lasten, monotone Abläufe oder potenziell gefährliche Situationen auftreten. Der Roboter kann rund um die Uhr arbeiten und seine Software über Funk aktualisieren.
Damit sind die Koreaner nicht alleine: BMW hatte bereits 2024 den ersten Test-Einsatz humanoider Roboter angekündigt (siehe Video unten). Auch Tesla arbeitet mit seinem humanoiden Roboter Optimus an einem System, das perspektivisch Aufgaben in der eigenen Fahrzeugfertigung übernehmen und menschliche Arbeitskräfte an der Linie ergänzen oder ersetzen könnte.
Hyundai koppelt dieses Vorhaben an Partnerschaften mit großen KI-Anbietern. Boston Dynamics arbeitet dabei unter anderem mit Google DeepMind zusammen, um die Steuerung der Roboter mit lernfähigen Modellen zu verknüpfen. Ziel ist es, dass Atlas nicht nur vorprogrammierte Bewegungen ausführt, sondern Situationen erkennt, Entscheidungen trifft und Werkzeuge nutzt. Die Autofabrik wird so zu einer Art Trainingscamp für eine neue Generation von Maschinen, die sich Schritt für Schritt in immer mehr Abläufe einfügen.
Selbstlernende Technik
Die Vision, die Hyundai auf der CES vorstellt, beschreibt eine Produktion, in der sich Menschen und humanoide Roboter die Arbeit teilen. Während Fahrzeuge vom Band laufen, bewegen sich Atlas-Einheiten durch die Hallen, heben Kisten, bestücken Arbeitsplätze und kontrollieren Bauteile. Was heute noch als Demonstration auf Messen zu sehen ist, soll in wenigen Jahren Teil des Alltags in der Pkw-Fertigung werden.





