Im sächsischen Görlitz, der östlichsten Stadt Deutschlands, entstand um die Jahrhundertwende ein Platz, dessen runde Form später eine besondere Rolle erhielt, deutlich früher, als der moderne Kreisverkehr überhaupt verbreitet war.
Der Brautwiesenplatz liegt westlich der Altstadt und gehört zu den Orten, die man im Alltag leicht übersieht. Sechs Straßen laufen auf ihn zu, in der Mitte liegt eine begrünte Insel, um die sich der Verkehr ruhig im Kreis bewegt. Was heute selbstverständlich wirkt, war vor über hundert Jahren ein Experiment. 1899 wurde der Platz angelegt – nicht für Autos, sondern als städtebaulicher Mittelpunkt neuer Wohnviertel. Als dann in den 20er und 30er Jahren immer mehr Fahrzeuge die Stadt füllten, funktionierte seine Form plötzlich wie gemacht für das, was später als Kreisverkehr bekannt wurde.
Vom Stadtplatz zum Verkehrsknoten
Die Gegend hieß damals noch Brautwiesen, eine offene Fläche am westlichen Stadtrand. Mit der Ausdehnung von Görlitz entstand dort ein neuer Platz, der Bahnhof, Innenstadt und die südlichen Stadtteile verband. Die runde Anlage war zunächst ein gestalterisches Element, wurde aber bald auch praktisch genutzt. Schon in den dreißiger Jahren lenkte man den Verkehr gezielt um das Rondell – ein Konzept, das erst viele Jahrzehnte später in Deutschland Standard werden sollte.

1899 entstand der Brautwiesenplatz – zunächst nicht für Autos, sondern als sorgfältig gestalteter Mittelpunkt eines neu entstehenden Stadtviertels.
Während der NS-Zeit trug der Platz kurzzeitig den Namen Danziger Freiheit, behielt aber seine Funktion und seine Form. Nach dem Krieg erhielt er seinen alten Namen zurück und blieb ein zentraler Punkt im Görlitzer Straßennetz. Eine Besonderheit prägte ihn über Jahrzehnte: Eine Straßenbahn führte quer durch die Mitte, teils mit Haltestelle im Rasenrondell. Erst 1986 wurde diese Linie aufgegeben. Seitdem ist der Brautwiesenplatz ein geschlossener Kreisel – ganz so, wie man ihn heute kennt.
Ältester Kreisverkehr Deutschlands? Der Welt?
Ob der Platz tatsächlich der älteste Kreisverkehr Deutschlands ist, bleibt umstritten. Die Stadt selbst formuliert vorsichtig, er sei der älteste oder einer der ältesten im Land. Regionale Chronisten sprechen klarer vom "ersten deutschen Kreisverkehr". Ganz sicher ist: In einer Zeit, als in Deutschland noch kaum jemand das Wort kannte, wurde hier schon im Kreis gefahren. Die Kombination aus Entstehungsjahr, Form und Nutzung macht den Brautwiesenplatz zu einem echten Sonderfall.
Weil die meisten deutschen Kreisverkehre erst in den neunziger Jahren entstanden, wirkt der Görlitzer Platz fast wie ein historisches Gegenstück – ein Stück frühe Verkehrsarchitektur, das aus Zufall seiner Zeit voraus war.
Konkurrenz aus Paris und New York
Noch spannender wird die Frage, wenn man über Deutschland hinausblickt. Oft gelten der Columbus Circle in New York und der Platz am Arc de Triomphe in Paris als frühe Vorläufer moderner Kreisverkehre. Beide entstanden jedoch erst, nachdem in Görlitz bereits eine kreisförmige Verkehrsführung existiert hatte. Manche lokale Quellen sehen darin den Beweis, dass der Brautwiesenplatz sogar der erste seiner Art weltweit gewesen sein könnte. Eine feste Definition, was genau als Kreisverkehr zählt, gibt es allerdings bis heute nicht. Sicher ist nur: Die Görlitzer Lösung kam früh – und funktionierte.

Über viele Jahrzehnte verlief mitten über den Platz eine Straßenbahnlinie, deren Gleise das Rondell kreuzten und zeitweise sogar eine Haltestelle im Grünbereich hatten. Erst 1986 wurde der Straßenbahnbetrieb eingestellt.
Heute ist der Brautwiesenplatz längst Alltag für viele Autofahrer, die auf dem Weg in die Innenstadt oder Richtung Landeskrone unterwegs sind. Die runde Form, die grüne Mitte und die umliegenden Gründerzeitfassaden prägen das Bild bis heute. Zusammen mit weiteren Kreiseln Richtung Bahnhof bildet er die sogenannte Kreiselmeile – ein Stück Görlitzer Eigenart, das Geschichte und Gegenwart verbindet.





