Ola Källenius hatte in der jüngeren Vergangenheit mehrfach offene Briefe verfasst, in denen er die politischen Rahmenbedingungen für die Autoindustrie scharf kritisiert hatte. Nun wählte der Chef des Mercedes-Benz-Konzerns eine andere Plattform, um teils scharfe Kritik zu äußern. Im Interview mit dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" machte Källenius seinem Ärger in mehreren Bereichen Luft – und nicht nur die Politik bekam sie ab.
"Deutschland dringend wettbewerbsfähiger machen"
Eine zentrale Aussage in dem Gespräch: "Deutschland entwickelt sich wirtschaftlich seit etwa 10 bis 15 Jahren in eine falsche Richtung", sagte Källenius. "Wir müssen Deutschland dringend wettbewerbsfähiger machen." Passiere nichts, drohe ein gefährlicher Stimmungsumschwung: "Dann kommen die Populisten von rechts, die für nichts eine Lösung haben", so der Mercedes-Chef weiter.
Doch auch die Arbeiterschaft sprach der schwedisch-deutsche Automanager direkt an. Die Deutschen müssten "insgesamt wieder mehr arbeiten", sonst gerate "unsere einzigartige Produktivitätsmaschine noch stärker ins Stocken". Es sei, "als ob man vor einer Fußball-WM sagt, wir trainieren genug, obwohl alle anderen doppelt so viel trainieren". Doch jeder wisse, dass man so nicht Weltmeister werden könne.
Deutschland habe "mit die höchsten Arbeitskosten der Welt". Lange habe man das durch hohe Produktivität ausgeglichen, doch diese Zeit sei vorbei. Källenius: "Wir wollen keine asiatischen Verhältnisse in Deutschland, müssen aber bei Energie, Steuern und Arbeitskosten wieder in eine Richtung gehen, dass sich Unternehmertum und Investitionen in Deutschland lohnen." Sonst wandere das Kapital ab.
"Überall die gleichen methodischen Fehler"
Källenius, der derzeit auch Präsident des europäischen Autoherstellerverbandes ACEA ist, schickt zudem klare Worte in Richtung der EU-Politiker. Der schwedisch-deutsche Automanager fordert eine radikale Kehrtwende in der Industriepolitik in Europa. "Wir müssen weg von Verpflichtungen und Strafen und hin zu marktbasierten Anreizen sowie massiven Investitionen in die Infrastruktur." Ob Chemie, Stahl oder Autos, Europa mache "überall die gleichen methodischen Fehler" und verliere dadurch "nach und nach seine ökonomische Stärke".
Positiv sei mit Blick auf das vorerst einkassierte "Verbenner-Aus" 2035, dass man anerkenne, "dass die EU erstmals die Tür für Technologieoffenheit geöffnet hat". Doch die Euphorie sei in der Branche schnell verflogen. Mit zu vielen Vorgaben "im Kleingedruckten" werde man "kein Wachstum erzeugen, sondern den Markt verkleinern, solange man Vorschriften macht, was Konsumenten zu bestimmten Zeitpunkten zu denken und zu wollen haben".
Dekarbonisierung gibt’s nicht ohne Wirtschaftswachstum
Zum Verbrenner-Aus sagte Källenius am Rande der S-Klasse-Präsentation zu auto motor und sport und anderen Journalisten mit der Perspektive des ACEA-Präsidenten, dass das Ziel der Autoindustrie klar sei: Man bewege sich in Richtung Nullemission. Das müsse man nicht diskutieren. Aus Sicht von Källenius gibt es keine Industrie, die mehr Geld in die Dekarbonisierung investiert als die Automobilindustrie. Aber über die Methode, wie man das Ziel erreiche, müsse man sprechen. Denn die Voraussetzung für weitere Investitionen in die Dekarbonisierung seien Wirtschaftswachstum, stabile Lieferketten und finanzielle Robustheit bzw. Finanzstärke, mit der man Innovationen bezahlen könne, die man wiederum für die Dekarbonisierung brauche. Alle drei Dinge müsse man hinkriegen. Wenn man einen Ball festhalte und drei jongliere, dann werde im Minimum einer auf den Boden fallen. Und Källenius befürchtet, dass es der Wirtschaftsball ist.
Mercedes kurz vor der Bilanz-PK
Der Zeitpunkt des Interviews dürfte durchaus strategisch gewählt gewesen sein, denn am kommenden Donnerstag (12. Februar 2026) richtet die Mercedes-Benz AG ihre Bilanz-PK für das vergangene Geschäftsjahr aus. Analysten erwarten eher ernüchternde Zahlen – und Källenius dürfte vorab eine Einordnung angesichts aus seiner Sicht schwierigen Rahmenbedingungen angetrebt haben.





