Seit Herbst 2025 berichten Betriebe bundesweit von deutlich sinkender Nachfrage. In einzelnen Regionen liegen die Rückgänge bei bis zu 70 Prozent. Die Entwicklung betrifft vor allem Städte, zeigt sich inzwischen aber auch im ländlichen Raum.
Aus Sicht der Branche ist nicht eine beschlossene Reform der Auslöser, sondern die öffentliche Aussicht auf einen künftig günstigeren Führerschein. Viele potenzielle Fahrschüler warten ab, weil sie mit sinkenden Kosten rechnen. Wann die Reform tatsächlich umgesetzt wird und ob sie zu niedrigeren Preisen führt, ist bislang offen.
Rückgang der Neuanmeldungen seit November 2025
Eine bundesweite Umfrage des Lobby-Verbands Moving International Road Safety Association unter 2.424 Fahrschulen im Zeitraum vom 9. bis 19.01.2026 bestätigt diese Entwicklung. Rund 84 Prozent der befragten Betriebe meldeten seit November 2025 einen Rückgang der Führerschein-Neuanmeldungen gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Der durchschnittliche Rückgang lag bei rund 54 Prozent. In mehreren Bundesländern und Ballungsräumen fielen die Werte deutlich höher aus.
Die Studie zeigt, dass es sich nicht um ein kurzfristiges oder regional begrenztes Phänomen handelt. Besonders stark betroffen sind Großstädte mit mehr als 100.000 Einwohnern. Dort meldeten rund neunzig Prozent der Fahrschulen Einbußen, im Schnitt um 58 Prozent. In Mittel- und Kleinstädten sowie im ländlichen Raum liegen die Rückgänge etwas niedriger, bleiben aber ebenfalls deutlich.
Reformankündigung als zentraler Auslöser
Auf die Frage nach den Ursachen nannten mehr als 91 Prozent der befragten Fahrschulen ausdrücklich die angekündigten Reformen des Bundesverkehrsministeriums zur Senkung der Führerscheinkosten. Damit sieht die Branche den sogenannten Schnieder-Effekt als Hauptauslöser der aktuellen Krise.
Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder hatte im Oktober 2025 erklärt, Mobilität dürfe kein Privileg sein. Für einen Pkw-Führerschein der Klasse B würden derzeit im Schnitt rund 3.400 Euro fällig. Der Weg zum Führerschein solle einfacher und bezahlbarer werden, bei weiterhin hohen Sicherheitsstandards.
Zeitplan für Reformen fehlt
Genannt wurden unter anderem digitale Lernformate für den Theorieunterricht, eine mögliche Abschaffung der Präsenzpflicht, weniger verpflichtende Sonderfahrten sowie der Einsatz von Fahrsimulatoren. Konkrete Berechnungen zu möglichen Einsparungen liegen bislang nicht vor. Auch ein verbindlicher Zeitplan fehlt.
Im Januar 2026 warnte der Minister öffentlich davor, auf einen bald günstigeren Führerschein zu warten. Eine Verständigung mit den Ländern sei notwendig, ein Gesetzgebungsverfahren könne im Laufe des Jahres beginnen. Nach Einschätzung der Fahrlehrerverbände konnte diese Klarstellung die Verunsicherung jedoch nicht mehr stoppen.
Zweifel an sinkenden Kosten
In der Branche bestehen erhebliche Zweifel, ob die geplanten Änderungen tatsächlich zu niedrigeren Preisen führen würden. Fahrlehrerverbände verweisen darauf, dass zusätzliche Technik neue Kosten verursacht. Moderne Fahrsimulatoren kosten nach Angaben der Verbände zwischen 30.000 und 40.000 Euro. Diese Investitionen müssten von den Betrieben getragen werden.
Kritisch gesehen wird auch der mögliche Wegfall des Präsenzunterrichts. Verbandsvertreter befürchten, dass rein digitale Theorieangebote Inhalte weniger nachhaltig vermitteln. Die Folge könnten höhere Durchfallquoten und zusätzliche Fahrstunden sein. Gerade die praktische Ausbildung gilt als größter Kostentreiber beim Führerschein.
Aus Sicht der Fahrschulen besteht daher das Risiko, dass der Führerschein nicht günstiger, sondern am Ende teurer wird. Gleichzeitig erschwert die anhaltende Unsicherheit die wirtschaftliche Planung der Betriebe.
Spürbare wirtschaftliche Folgen
Die wirtschaftlichen Auswirkungen sind bereits deutlich. Laut Moving-Umfrage berichten fast 94 Prozent der Fahrschulen von Umsatzeinbußen. Mehr als 42 Prozent melden Liquiditätsengpässe. Rund 37 Prozent mussten Personal abbauen oder Arbeitszeiten reduzieren.
Viele Betriebe verschieben Investitionen, verkleinern ihren Fuhrpark oder sehen sich gezwungen, Kosten an anderer Stelle zu senken. Fixkosten für Fahrzeuge, Versicherungen, Personal, Energie und Mieten laufen jedoch unverändert weiter. Besonders kleinere Fahrschulen verfügen häufig nicht über ausreichende Rücklagen, um längere Phasen mit geringer Auslastung abzufedern.
Hinzu kommt die Sorge vor einem künftigen Ausbildungsstau. Sollte der Rückgang der Neuanmeldungen anhalten, könnten sich bis 2027 mehrere hunderttausend nicht absolvierte praktische Prüfungen ansammeln. Diese müssten später zusätzlich nachgeholt werden und würden die Kapazitäten von Fahrschulen und Prüfstellen stark belasten.
Weitere Faktoren neben der Reformdebatte
Neben der Reformankündigung verweisen Fahrlehrerverbände auch auf die angespannte wirtschaftliche Lage vieler Haushalte. Hohe Lebenshaltungs- und Energiekosten führen dazu, dass der Führerschein als größere Einzelinvestition aufgeschoben wird.
Zudem berichten Fahrlehrer seit Jahren von veränderten Voraussetzungen bei Fahrschülern. Viele bringen weniger praktische Verkehrserfahrung mit und benötigen mehr Fahrstunden als früher. Dicht gefüllte Terminkalender mit Schule, Ausbildung und Freizeitaktivitäten verlängern die Ausbildungsdauer zusätzlich.





