Carlos Reutemann Motorsport Images

Zum Tod von Carlos Reutemann: Der „Indianer“ geht

Carlos Reutemann gestorben Der „Indianer“ geht

Carlos Reutemann war nie Weltmeister und trotzdem eine Lichtgestalt seiner Epoche. Der zwölffache GP-Sieger schrammte 1981 knapp am Titel vorbei. Am 7. Juli 2021 ist er im Alter von 79 Jahren in seiner Heimatstadt Santa Fé gestorben.

Sein Formel-1-Debüt war so spektakulär wie sein Abschied. Carlos Reutemann ist einer von nur vier Fahrern, die bei ihrem ersten Grand Prix direkt von der Pole Position gestartet sind. Der Argentinier stellte seinen Brabham bei seinem Heimrennen 1972 in Buenos Aires aus heiterem Himmel auf den besten Startplatz. Der Brabham BT34 war damals bestenfalls Mittelmaß. Im Rennen ging die Reise allerdings schnell rückwärts. Reutemann hatte zu weiche Reifen aufziehen lassen. Nach einem Reifenwechsel stürzte er auf Platz sieben ab.

Zehn Jahre später verschwand der Mann mit dem Gesicht eines Filmstars durch die Hintertür. Er hatte die Saison 1982 mit einem zweiten Platz in Kyalami begonnen und wurde beim darauffolgenden GP Brasilien in eine Startkollision verwickelt. Einige Kollegen gaben ihm sogar die Schuld dafür.

Reutemann fuhr nach Hause und teilte Teamchef Frank Williams fünf Tage später mit, dass er zurückgetreten sei. Er hatte es auf 146 GP-Starts gebracht. Sein neuer Teamkollege Keke Rosberg wurde mit dem Williams im gleichen Jahr Weltmeister. Es hätte auch Reutemanns Titel sein können.

Carlos Reutemann - Ferrari - GP USA - Watkins Glen 1978
Motorsport Images
Zwölf Mal stand Carlos Reutemann ganz oben auf dem Podest - hier beim US-Grand-Prix 1978 in Watkins Glen.

Das Trauma der Saison 1981

Möglicherweise wirkte das Jahr 1981 noch nach. Der Mann, der zwölf Grand Prix gewann, sechs Mal von der Pole Position startete, fünf schnellste Rennrunden drehte und 310 WM-Punkte sammelte stand nach drei dritten WM-Plätzen 1975, 1978 und 1980 endlich vor dem Traum seines Lebens. Ab Mitte der Saison kristallisierte sich der Williams-Pilot als WM-Favorit heraus. Doch sein Rennstall unterstützte ihn nicht.

Alan Jones, die heimliche Nummer eins im Stall, durfte sein eigenes Rennen fahren, und es bereitete dem Australier sichtlich Spaß, dem Teamkollegen Punkte wegzunehmen. Nach einer gebrochenen Stallregie beim GP Brasilien 1981 herrschte zwischen Jones und Reutemann Funkstille. In den letzten Rennen der Saison geriet der bereits sicher geglaubte Titel wieder in Gefahr. Nelson Piquet und Jacques Laffite holten mit Riesenschritten auf.

Beim Finale in Las Vegas startete der WM-Spitzenreiter zwar vom besten Startplatz, rutschte dann aber im Verlauf des Rennens moralisch zermürbt aus den Punkterängen. Seinem Rivalen Piquet genügte ein fünfter Platz zum Titelgewinn mit einem Punkt Vorsprung. Der Sieg von Jones und die Gleichgültigkeit im Team über die verlorene Meisterschaft wirkten wie eine zusätzliche Ohrfeige für Reutemann.

Carlos Reutemann - Frank Williams - Formel 1 - 1980
Motorsport Images
Nach zwei Rennen in der Saison 1982 informierte Reutemann Teamchef Frank Williams über seinen Rücktritt.

Rindts berühmter Spruch

Weil Jones aber seine Karriere beendete, brauchte Williams seinen Argentinier für die Folgesaison. Reutemann ließ den Teamchef lange zappeln und sagte ihm dann halbherzig zu. Über die Gründe seines verspäteten Rücktritts wird bis heute gerätselt. War es ein Racheakt für die mangelnde Unterstützung im WM-Kampf 1981? Hatte Reutemann wie Jones genug von den nahezu ungefederten Autos, die den Rücken der Fahrer malträtierten? Oder spielte der Falkland-Krieg eine Rolle, der gerade begann? Reutemann strebte eine Politikerrolle in seinem Land an.

Carlos Reutemann war ein Spätstarter. Der 1942 in Santa Fé geborene Nachfahre Schweizer Einwanderer begann seine Karriere im Tourenwagen und wechselte erst 1968 in den Formelsport. 1970 finanzierte ihm der argentinische Automobilverband eine Formel-2-Saison in Europa. "El Lole", wie Reutemann in seinem Heimatland gerufen wurde, fiel durch schnelle Rundenzeiten und zahlreiche Kollisionen auf.

Jochen Rindt taufte den langmähnigen Südamerikaner den "Indianer", und als er selbst einmal Opfer der wilden Fahrweise des Neulings wurde, kommentierte der Österreicher das mit einem Spruch, der heute sicher einen Rassismus-Shitstorm nach sich gezogen hätte: "Indianer gehören in den Urwald."

Carlos Reutemann - Brabham - GP Deutschland 1975
Motorsport Images
Furchtlos und schnell. Hier ein Bild von Carlos Reutemann in seinem Brabham vom Sieg 1975 auf der Nordschleife.

Immer auf der Flucht

Als Reutemann mit Brabham endlich den Sprung in die Formel 1 schaffte, war er fast 30 Jahre alt. Erst im vorletzten Rennen der Saison 1972 sammelte er als Vierter beim GP Kanada die ersten WM-Punkte. 1973 in Frankreich das erste Podium. Und 1974 beim GP Südafrika den ersten Sieg.

Ab Ende 1974 stellte ihm Teamchef Bernie Ecclestone mit Carlos Pace zum ersten Mal einen gleichstarken Teamkollegen an die Seite. Ecclestone hatte immer das Gefühl, dass dem labilen Reutemann der letzte Biss fehlte. Mit Pace im Team wollte er seinen Ehrgeiz wecken.

Er erreichte das Gegenteil. Als Brabham 1976 mit dem Umstieg vom Cosworth V8 auf den Alfa-Romeo-Zwölfzylinder plötzlich kein Siegerteam mehr war, fügte sich Reutemann in sein Schicksal. Nur Pace zeigte Kämpferqualitäten.

"El Lole" wurde von Ferrari als vermeintlicher Lauda-Ersatz angeheuert, doch Niki Lauda erholte sich von seinem Nürburgring-Unfall schneller als gedacht. Der Österreicher war eine Macht im Team. Reutemann verzagte und beendete seine erste Ferrari-Saison 1977 mit einem Sieg auf Platz vier. Lauda wurde Weltmeister.

Doch der Österreicher ging, und Reutemann war wieder die Nummer eins im Stall. Mit vier Siegen 1978 war er der einzige, der die Lotus-Erfolgsserie einigermaßen unterbrechen konnte. Er nutzte die Gelegenheiten, in denen die Michelin-Reifen einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz von Goodyear hatten. Schon während der Saison begann ihm Neuzugang Gilles Villeneuve den Rang abzulaufen. Für Reutemann das Zeichen zur Flucht.

Carlos Reutemann - Ferrari - GP Brasilien 1977
Motorsport Images
GP Brasilien 1977 - der erste von fünf Siegen für Ferrari. Die Tifosi tragen Reutemann immer noch im Herzen.

Eine Karriere in der Politik

Bei Lotus wurde er genauso wenig glücklich wie später bei Williams. Der Eigenbrötler verstand sich nicht mit Teamkapitän Mario Andretti. Obwohl er das Duell gegen den amtierenden Weltmeister mit 20:14 Punkten für sich entschied, suchte Reutemann desillusioniert das Weite. Der Lotus 79, das Wunderauto der Vorsaison, war kein Siegerwagen mehr. Die Lotus-Kopien funktionierten besser als das Original.

Bei Williams geriet der Wanderarbeiter vom Regen in die Traufe. Er traf auf ein Team, das um Alan Jones herum aufgebaut worden war. Teamchef Frank Williams, Technikdirektor Patrick Head und Jones waren eine verschworene Gemeinschaft, die Reutemann quasi aussperrte. Immerhin hatte er mit dem Williams ein Auto, mit der er 15 Mal in Folge in die Punkteränge fahren konnte, 13 Mal davon auf das Podium. Für die damalige Zeit ein Rekord.

Nach seiner Formel-1-Karriere versuchte sich Reutemann kurz im Rallyesport. Dabei schaffte er bei zwei Starts zur WM-Rallye in Argentinien jeweils einen dritten Platz. Doch seine eigentliche Berufung war die Politik. Er diente zwei Legislaturperioden als Gouverneur seiner Heimatprovinz Santa Fé. 2003 wurde ihm angeboten für das Amt des Staatspräsidenten zu kandidieren. Trotz guter Aussichten sagte Reutemann ab, blieb aber bis zu seinem Tod Mitglied des Senats.

Die Diagnose Leberkrebs läutete 2017 die letzte Runde in seinem Leben ein. Reutemann erholte sich zwar wieder, litt aber seither unter den Folgen der Krankheit. Im Mai wurde er wegen schlechter Nierenwerte und innerer Blutungen in ein Krankenhaus in Santa Fé eingeliefert. Nach einer kurzen Verbesserung verschlechterte sich sein Zustand zuletzt, so dass er am 21. Juni erneut auf die Intensivstation verlegt werden musste. Am 7. Juli starb Argentiniens zweiterfolgreichster Rennfahrer nach Juan-Manuel Fangio.