George Russell blickt auf 2025 als seine bislang stärkste Saison bei Mercedes zurück. Nicht wegen eines überlegenen Autos, sondern wegen der eigenen Entwicklung. Im Interview mit auto motor und sport sprach der WM-Vierte über das Jahr und gab Ausblick in die unmittelbare Zukunft. "Du verbesserst dich jedes Jahr. Ich habe in dieser Saison meine konstantesten Ergebnisse gebracht und weniger Fehler gemacht als je zuvor." In der Vergangenheit unterliefen im hin und wieder noch Patzer. Die hat der Brite 2025 weitgehend abgestellt. Dennoch konnte er die Top-3 nur sporadisch herausfordern.
Der Rückstand auf McLaren sei dabei weniger offensichtlich, als es die Resultate vermuten lassen. "Wir reden hier über ganz enge Abstände. Drei Zehntel sind heute schon viel." Der Unterschied entstehe nicht an einer einzelnen Stelle, sondern über den gesamten Umlauf verteilt. "Rechnen Sie das mal hoch auf 15 Kurven. Dann verlieren wir im Schnitt in jeder Kurve nur zwei Hundertstel."
Entscheidend sei, dass McLaren etwas mehr Abtrieb generiere und die Reifen besser im Arbeitsfenster halte. "Am Ende ist es ganz einfach. Sie haben ein bisschen mehr Abtrieb und halten die Reifen besser in ihrem Fenster, damit sie nicht überhitzen. Abtrieb ist König."
Red Bull stark in schnellen Kurven
Auch im direkten Vergleich mit Red Bull erkennt Russell klare Charakteristika. "Wenn wir uns mit dem Red Bull vergleichen, dann stechen da die superschnellen Kurven heraus. Da hat Red Bull gegenüber uns und McLaren einen klaren Vorteil." Die eigenen Schwächen zeigten sich vor allem am Ende der Runden. "Das Delta vergrößert sich dann im letzten Streckensektor, weil bei uns die Reifen heißer werden als bei ihnen."
Trotz der Fortschritte begrüßt Russell den anstehenden Reglements-Wechsel. "Wir sind froh, dass sich die Regeln ändern." Die Groundeffect-Ära habe zwar Lernprozesse erzwungen, aber keine endgültigen Antworten geliefert. "Niemand versteht diese Fahrzeug-Generation zu hundert Prozent. Noch nicht einmal McLaren." Der Neustart 2026 sei deshalb für alle eine Chance.
Seine Entscheidung, den Vertrag bei Mercedes verlängert zu haben, begründet der 27-Jährige nicht mit Gewissheiten, sondern mit Abwägung. "Ich wäre ein Narr, wenn ich sagen würde, dass ich mein ganzes Geld auf Mercedes setzen würde." Niemand wisse, wer das beste Gesamtpaket haben werde. Dennoch sprächen strukturelle Argumente für das Team. "Die nächstjährigen Aerodynamikregeln sind näher an dem, was wir in der Ära davor hatten, als Mercedes das Feld dominiert hat." Dazu komme Vertrauen in den Antrieb. "Mercedes war in diesem Bereich über viele Jahre der Maßstab."

Die Groundeffect-Autos waren extrem hart zu fahren. George Russell glaubt, dass sie kein Team zu 100 Prozent verstanden hatte.
F1-Autos waren gnadenlos
Die aktuelle Autogeneration mit dem Groundeffect beschreibt Russell wie folgt: "Diese Autos bestrafen dich." Kleine Übertreibungen hätten große Konsequenzen. "Wenn du jetzt in einer schnellen Kurve über dem Limit bist, hat das Auto aufgesetzt, und du bist abgeflogen." Um konkurrenzfähig zu sein, müsse das Fahrzeug extrem steif bewegt werden. "Diese Autos müssen unglaublich steif gefahren werden, damit der Abtrieb unter dem Auto stabil bleibt." Das Ergebnis sei alles andere als komfortabel. "Alles war unbequem. Es ist als würde man mit einem Rennrad auf Kopfsteinpflaster fahren."
Die Anpassung sei dennoch Teil des Berufs. "Es ist dein Job, dich damit zu arrangieren." Das geschehe nicht bewusst und nicht sofort. "Es ist ein konstanter Lernprozess, der dich auf eine andere Ebene bringt." Schnelligkeit bleibe unabhängig vom Reglement eine Frage der Grundlagen. "Was sich nicht ändern wird, ist, wie man schnell durch eine Kurve fährt."
Mit Blick auf 2026 erwartet Russell den größten Einschnitt für die Fahrer. "2026 wird die größte Veränderung mit sich bringen, dieses je gab." Der Fahrer erhalte deutlich mehr Einfluss auf den Energieeinsatz. "Du entscheidest als Fahrer, wo auf der Strecke du diese Power haben willst." Das eröffne neue Möglichkeiten, verlange aber strategisches Denken. "Aber es kann dich bestrafen. Du musst taktisch fahren."
Sorgen über künstliches Racing teilt er nur bedingt. "Die Tatsache ist, dass die besten Rennen die sind, wo die Fahrer auf ihre Reifen Acht geben müssen." Unterschiede entstünden durch Management, nicht durch permanente Volllast. "Wir werden uns an neue Normen gewöhnen müssen."

Kommt es 2027 zum Mercedes-Duell zwischen Russell und Max Verstappen? Der Engländer hat zumindest öffentlich keine Angst vor dem Superstar.
Russell hat keine Angst vor Verstappen
Die monatelangen Spekulationen um Max Verstappen hätten ihn persönlich nicht verunsichert. "Ich war nie besorgt, dass ich mein Cockpit verlieren würde." Er versteht die Perspektive des Managements. "Als Team willst du die bestmögliche Fahrerpaarung haben, die es auf dem Markt gibt." Verstappen sei dabei der Referenzpunkt. "Verstappen ist im Moment der beste Fahrer im Feld."
Ein mögliches Aufeinandertreffen zweier Spitzenfahrer sieht Russell realistisch. "Egal, wo du die beiden Besten zusammenspannst, kommt es früher oder später zur Konfrontation." Konflikte seien Teil der Formel 1, entscheidend sei die Balance. "Aber ein Team, wie es Mercedes mit Lewis und Valtteri hatte, das ist perfekt."
Auch beim Thema Simulator ordnet Russell ein. "Ich mache viel SIM Racing über den Winter. Das macht mir Spaß." Doch der Einfluss habe Grenzen. "Der Simulator kann dir nie das Gefühl geben, das dein Körper spürt, wenn du in einem richtigen Auto sitzt und es zu rutschen beginnt." Die entscheidenden Fähigkeiten kämen von der Strecke. "Die Fahrzeugbeherrschung, die Max hat, kommt nicht vom Simulator. Die hat er sich auf der Rennstrecke geholt."












