IndyCar: So schockierte Mick Schumacher sogar einen Indy-500-Sieger

Ex-F1-Pilot wird zum Oval-Piloten ausgebildet
So schockierte Schumacher einen Indy-500-Star

ArtikeldatumVeröffentlicht am 11.03.2026
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IndyCar - Ryan Briscoe - Mick Schumacher - RLL - Test Homestead-Miami
Foto: IndyCar

Ryan Briscoe weiß, was er tut. Der 44-jährige Australier trat von 2005 bis 2015 in der IndyCar-Serie an und sammelte dabei mehrere Siege – speziell auf Ovalen. Neben seinem knapp verpassten Meistertitel 2009 ist der Racer aus Sydney für seine Indy-500-Pole 2012 bekannt. Seit Kurzem arbeitet er nun als Fahrercoach. Letzte Saison führte er den Rookie Robert Shwartzman direkt zum ersten Startplatz beim Highlight.

Dieses Jahr hilft er dem Pilotentrio von Rahal Letterman Lanigan, also auch dem kompletten Neuling Mick Schumacher. Der Deutsche sei bislang der erhoffte fleißige Schüler. "Ein guter Rennfahrer aus Europa wird grundsätzlich auch ein guter Rennfahrer in den USA sein. Allen voran die Strecken unterscheiden sich jedoch stark. Das beginnt logischerweise bei den Ovalen, setzt sich aber bei den Rundkursen fort."

Sein Wissen über den Charakter der Randsteine und über fiese Bodenwellen kann so frühzeitig helfen. "Wer in die IndyCar kommt, muss offen und lernwillig sein. Mick erfüllt exakt diese Voraussetzungen. Er löchert mich und möchte genau herausfinden, wie er das Auto einstellt." Schumacher kennt zwar in Form des Dallara-Formel-2-Renners ein vergleichbares Fabrikat, aber das US-Auto habe einen speziellen, einzigartigen Charakter.

Mick Schumacher - RLL - IndyCar 2026 - Phoenix Raceway
IndyCar

Kein verruchter Redneck-Sport

"Der IndyCar-Rennwagen ist groß, schwer und teils brutal. Am Anfang fehlt Piloten wie Mick eine Finesse im Fahrgefühl, welche sie aus europäischen Formaten gewohnt sind. Doch wenn man die Technik-Philosophie verstanden hat, kann man tief in die Detailsuche einsteigen", erzählt Briscoe. Sein Job ist es, Mick bei dieser Suche zu unterstützen. Dabei treten er und die Mentoren der anderen Teams grundsätzlich nicht wie Oberlehrer auf. Sie sehen sich viel mehr als Joker. "Wenn ein Fahrer eine Zweitmeinung braucht, teilen wir unsere Erfahrung. Anstatt eine Änderung zu erzwingen, schlagen wir Optionen vor. Auf Ovalen sind das etwa die Linien."

Das in Europa weitverbreitete Klischee, im Oval müsse man doch einfach nur linksherumfahren, lässt den Rennsieger schelmisch grinsen. "Banales Racing? Ich wünschte, es wäre so gewesen! Permanent ändern sich Dinge am Fahrzeug: Reifenabnutzung, frei einstellbare Setup-Werkzeuge oder auch Luftverwirbelungen durch Verkehr. Rennintelligenz ist die entscheidende Stärke." Ein Pilot des Kalibers von Mick Schumacher versteht all diese Aspekte in der Theorie auf Anhieb. Dennoch kann die Praxis den Schlachtplan zügig kollabieren lassen.

Rookies wird meist empfohlen, es anfangs ruhig anzugehen. Klappt das überhaupt auf Ovalen? "Man muss sogar vorsichtig sein", unterstreicht Briscoe. "Die Schwierigkeit liegt darin, den Übergang zwischen Geduld und sinnvollem Risiko zu finden." Durch die Kürze der Strecken könnte unter anderem drohen, dass man aus der Führungsrunde fliegt. Das wäre ein strategischer Nachteil, welchen man mit mehr Einsatz verhindern kann. Im anderen, besseren Fall überholt man selbst und sollte ein gutes Timing dafür finden. Fehleinschätzungen führen bei beiden Szenarien potenziell zum Crash.

Mick Schumacher - RLL - IndyCar 2026 - Phoenix Raceway
IndyCar

Sache von Jahren, nicht Rennen

Eine weitere wichtige Rolle ist die des Übersetzers. Zum einen arbeitet Briscoe sich in die Perspektive von Mick Schumacher ein, um dessen Reaktionen besser einzuordnen. Zum anderen will er anschließend den Ingenieuren vermitteln, was sein Schützling benötigt. Micks europäische Herkunft samt des abweichenden Fachvokabulars stellte tatsächlich anfangs eine Hürde dar. Mittelsmann Briscoe sorgt dafür, dass es eine Angelegenheit der Vergangenheit bleibt.

Der frühere Formel-1-Pilot Marcus Ericsson (Andretti) erahnt genau, was Mick über das Jahr bevorsteht. Er durchlief einen ähnlichen Prozess nach einer unglücklichen Formel-1-Karriere. "Man unterschätzt, wie sehr die IndyCar von europäischen Serien abweicht. Im Nachhinein kann ich sagen, dass ich eineinhalb Jahre benötigt habe, um sie wirklich zu durchschauen. Es muss nicht zwangsläufig bei Mick so sein, aber seine Fans sollten es im Hinterkopf behalten."

Alles drehe sich um Geduld. Gewisse Lektionen können schlicht nicht übersprungen werden. "Trotzdem glaube ich, dass er es hinbekommen wird. Meine Entscheidung, einen Neuanfang in den USA zu wagen, habe ich nie bereut. Ich liebe Oldschool-Racing! Obwohl sich die Meisterschaft zuletzt sehr stark weiterentwickelt hat, bleibt sie diesem Charakter treu."

Mick Schumacher - RLL - IndyCar 2026 - Phoenix Raceway
IndyCar

Geheimnisse und Racing-Liebe

Eine andere Art von Parallele teilt Mick Schumacher mit dem McLaren-Piloten Christian Lundgaard. Der ehemalige Formel-2-Gegner startete ebenfalls für RLL und brauchte seine Zeit, um das System IndyCar zu entschlüsseln. "Natürlich will ich Mick auf gar keinen Fall Geheimnisse verraten (lacht)! Das hier ist wie zu den guten alten Go-Kart-Racing-Zeiten, als man alles geben musste, um erfolgreich zu sein. Was Mick und ich zuvor in der Heimat gemacht haben, stellte eher das Konservieren in den Vordergrund."

Sein guter Einstand ließ Lundgaard damals schnell übermütig werden. Dann kamen mehrere Rückschläge. "Das war der richtige Warnschuss. Ich bin menschlich gewachsen und habe mich viel mehr mit den Hintergründen des Racings beschäftigt. Micks jetziger Teamkollege Graham Rahal half mir sehr dabei." Youngster Louis Foster, der Dritte im RLL-Bund, kann das bestätigen.

Wie nahezu alle im Fahrerlager unterstreicht er den Spaß-Aspekt der Serie. "Man kann nur hier starten, wenn man es auch wirklich liebt. Trotzdem müssen irgendwann gute Ergebnisse kommen." Und hier liegt aktuell noch das Problem des Mickschen Abenteuers.

Josef Newgarden - Team Penske - IndyCar 2026 - Phoenix Raceway
IndyCar

Das Zeug zum Naturtalent?

Nach dem Debüt auf dem Stadtkurs von St. Petersburg (Florida), wo der junge Schumacher unverschuldet während der ersten Runde ausgeschieden war, herrschte schon ein gewisser Druck. Dass direkt danach das sehr technische Phoenix-Oval anstand, machte es nicht besser. Coach Briscoe sowie das restliche Team taten alles, damit er gut ins erste Linkskurven-Wochenende startete. Dabei halfen zwei solide Testtage im Arizona-Rund.

Auf einen elften Platz im Auftakttraining ließ Schumacher dann den vierten Startrang folgen. Viele Fahrerkollegen konnten ihren Augen nicht trauen. Der spätere Rennsieger Josef Newgarden (Penske), zweifacher Indy-500-Sieger und Short-Oval-Spezialist, zollte Respekt. "Das war schockierend gut! Dieser Kerl ist doch komplett neu, dafür hat er einen gigantischen Job abgeliefert."

Durch den 25. und letzten Platz in St. Pete musste Schumacher das Einzelzeitfahren eröffnen. Deswegen traf er auf eine noch schmutzige Strecke und musste so auf Tipps bereits qualifizierter RLL/Honda-Fahrer verzichten. Erst nach einigen Konkurrenten wurde die Glanztat des Deutschen offensichtlich. "In dieser Serie sollte man für alles offen sein. Vielleicht ist er ja ein Naturtalent? Bisher hat er jede Hürde mit Bravour übersprungen", lobte Newgarden nach der Qualifikation. "Das Rennen wird eine andere Geschichte sein."

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Alles Pech auf einmal

Es sollte keine schöne Story werden. Erst ließ die vorsichtige Mentalität Mick bis auf den elften Rang zurückfallen. Dann streikte direkt beim eröffnenden Stopp ein Schlagschrauber, was Schumacher aus der Führungsrunde kegelte. Nach einem späteren Stopp kam umgehend das Safety-Car in die Steilkurven gefahren, was die Strategie dann endgültig zerstörte und einen nervigen 18. Platz bedeutete.

"Wir können mit Abschnitten des Wochenendes zufrieden sein. Im Qualifying waren wir schnell, aber jetzt müssen wir verstehen, wie wir unsere Rennpace verbessern können." Erst im Mai geht es in der Form des Indy 500 wieder auf ein Oval. Bereits am kommenden Sonntag (15.3.) befährt die IndyCar den völlig neuen Stadtkurs in Arlington (Texas).

Mick Schumacher hat große Hoffnungen: "Ich konnte vorher eine Simulator-Sitzung einlegen. Natürlich sind die Erkenntnisse aber eher rudimentär, da es nur sehr wenige Daten gibt. Wir sehen darin eine gute Gelegenheit, weil alle Teams im Grunde bei null anfangen und ähnliche Voraussetzungen haben. Außerdem ist es großartig, dass das Rennen relativ nah an unserer Familien-Ranch stattfindet."

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