Nirgendwo ist die Welt im Sport schnelllebiger als in der Formel 1. Fast alle Experten und Journalisten schrieben und sprachen Mercedes schon die Favoritenrolle für die neue Saison zu. Die Erinnerung an 2014 ist bei vielen im Paddock noch sehr präsent. Zu Beginn der letzten Power-Unit-Ära hatten die Ingenieure in Brixworth den besten Job gemacht – und zwar mit Abstand.
Zwar holten die Gegner im Laufe der Zeit auf, doch der Antrieb galt bis zum Ende des Regelzyklus als Messlatte. Für die 2026er-Spielzeit war sich das Paddock somit sicher, dass Mercedes die Hausaufgaben wieder am besten erledigt hat. Das Know-how, die Vergangenheit sowie die Infrastruktur sprachen dafür. Als kurz vor Weihnachten 2025 auch noch aufploppte, dass der Verdichtungstrick am neuen Motor zwischen 15 und 20 PS bringen soll, schreckten alle auf. Viele befürchteten eine ähnliche Dominanz wie ab Mitte der 2010er-Jahre.
Die Shakedown-Woche Ende Januar in Barcelona bestätigte diesen Eindruck. Mercedes spulte die meisten Runden aller Teams ab. Neben der überragenden Zuverlässigkeit war der W17 auch noch schnell auf einen Umlauf. Der Top-Favorit hatte sich in Position gebracht – bis zum ersten Tag (11.2.) bei den offiziellen Testfahrten in Bahrain.
Red Bull schockt die Gegner
Teamchef Toto Wolff wirkte niedergeschlagen, als er mit den Medienvertretern sprach: "Wir haben heute Vormittag gesehen, dass (Max) Verstappen hier eindeutig die Benchmark ist, sowohl was das Energiemanagement angeht als auch die Gesamtrundenzeit." Der Red-Bull-Pilot drehte zum Bahrain-Auftakt Runde um Runde in seinem RB22 und war am Ende Zweitschnellster.
Der souveräne Start war insofern überraschend, weil Red Bull erstmals in der Geschichte des Teams einen eigenen Motor entwickelt hat. Wolff weiß, was den Antrieb so stark macht. "Sie können viel mehr Energie auf den Geraden abgeben als alle anderen. Ich spreche da von einer Sekunde pro Runde über aufeinanderfolgende Runden", rechnete der Österreicher etwas konsterniert vor.
Das Energie-Management könnte der Königsmacher in dieser Saison werden. Wer kann am effizientesten mit der kostbaren Elektro-Power umgehen? Schließlich stammt fast die Hälfte der Leistung bei den neuen Antrieben von der Batterie. Natürlich besteht die Gefahr, dass Mercedes noch blufft. Warum sollten die Silberpfeile schon alle Karten offenlegen? Doch Wolffs Skepsis schien real.
Sainz bestätigt Eindruck
Auch den Fahrern ist der starke Auftritt von Red Bull nicht verborgen geblieben. "Es ist zwar noch sehr früh, aber wenn ich mich jetzt nach den GPS-Daten von gestern richten müsste, dann ist es wahr, dass Red Bull einen klaren Schritt voraus ist", bilanzierte Williams-Pilot Carlos Sainz.
Der Spanier war baff. "Es ist wirklich beeindruckend, dass sie es geschafft haben. Man muss ihren Hut vor ihnen ziehen und sagen, was sie da entwickelt haben, ist wirklich beeindruckend."
Die neue Generation von Autos verlangt es, clever mit der begrenzten Energie umzugehen. Gnadenloses Tempobolzen wird schnell bestraft. "Es geht nicht darum, wahnsinnig schnell in die Kurven zu fahren und dann die ganze Power am Ausgang einzusetzen, du musst beide Komponenten zusammenbringen, um schnell zu sein", erklärte Sainz in Bahrain. Red Bull soll genau bei diesem Königsweg besser aufgestellt sein. "Es scheint so, als ob sie den Fahrer nicht in einen Kompromiss zwingen müssen", will der Sohn des Rallye-Weltmeisters Carlos Sainz Senior erkannt haben.

Max Verstappen drehte am ersten Testtag (11.2.) die meisten Runden aller Fahrer.
Probleme am Mittwoch
Mercedes musste sich in Bahrain erst einmal hinten anstellen. Red Bull hinterließ den besseren Eindruck. Der vorsichtige Optimismus von Toto Wolff ist nach der Shakedown-Woche in Barcelona fürs Erste gewichen. Kleinere Probleme am ersten Testtag rundeten den durchwachsenen Auftakt ab. Auch am Donnerstag (12.2.) gab es Kinderkrankheiten am Mercedes. Andrea Kimi Antonelli drehte am Vormittag nur drei Runden. Dann musste die Power Unit unplanmäßig gewechselt werden.
Doch nicht nur die Silberpfeile steckten in Problemen. Isack Hadjar schaffte wegen eines Hydraulik-Lecks bis zur Mittagspause nur einen Umlauf. Der Franzose saß für Max Verstappen im Red Bull. Erst am Nachmittag lief der RB22 wieder. Trotz des guten Starts ist das Top-Team vor technischem Schluckauf nicht geschützt. Das zeigt noch einmal die Komplexität der neuen Formel-1-Autos.
Lediglich Ferrari drehte an den ersten beiden Tagen nahezu problemlos seine Runden und war zusätzlich noch schnell. Jetzt stellt sich die Frage: Wann werden die Roten zum neuen Favoriten erklärt?












