Dass sich eine Vielzahl von Piloten negativ zu den neuen Autos geäußert hat, ist bei den Formel-1-Verantwortlichen nicht gut angekommen. Das eigene Produkt schlechtzureden, ist natürlich nicht gut für das Geschäft. Auf diese Art der Aufmerksamkeit zum Start in das neue Technik-Zeitalter hätte man gerne verzichtet.
Um eine andere Sichtweise ins Spiel zu bringen und die Fans zu beruhigen, lud Formel-1-Chef Stefano Domenicali ausgewählte Journalisten am Donnerstag (19.2.) zu einer digitalen Presserunde ein. Der Italiener nutzte die Gelegenheit nicht nur, um Fragen zu beantworten, sondern auch dazu, eine positive Grundstimmung zu verbreiten. Der Tenor: Es gibt keinen Grund zur Panik.
Domenicali ärgerte vor allem, dass die Kritikpunkte auf technischer Seite für den normalen Fan überhaupt keine Rolle spielen werden. "Ich bin mir sicher, dass wir auch dieses Jahr wieder ein unglaubliches Spektakel sehen werden. Ich habe mir die neuen Autos selbst auf der Strecke angeschaut – aus der Perspektive eines Fans. Da sehe ich keinen Unterschied. Der schnellste Fahrer wird wie immer am Ende gewinnen."

Lewis Hamilton und Max Verstappen zeigten sich nicht begeistert von den neuen Formel-1-Autos.
Keine Überreaktion
Dass schon vor dem ersten Rennen Rufe nach Regeländerungen und neuen Motoren laut werden, kann der Boss der Königsklasse nicht nachvollziehen: "Wir müssen jetzt ruhig bleiben. Immer wenn sich die Regeln drastisch ändern, gibt es Zweifel, dass alles falsch läuft. Das war 2014 so und auch 2020 und 2021. Am Ende gab es für alles technische Lösungen."
Die Verantwortlichen beobachten im Hintergrund genau, wie sich das Geschehen auf der Strecke entwickelt: "Wir hatten in der Formel-1-Kommission schon konstruktive Gespräche, wie man die Show noch besser machen kann", verriet Domenicali. "Wir wollen aber keine Überreaktion. Sollte es etwas geben, was sich schnell implementieren lässt, sehe ich keine Probleme, dass alle an Bord sind. Die FIA wird weiter alle Informationen sammeln."
Unter den Ingenieuren wird immer wieder darüber diskutiert, wie man das extreme Energie-Management der neuen Autos entschärfen kann. Ein Vorschlag dabei lautet, die Elektro-Power etwas zu drosseln. Dann wäre der Schub auf den Geraden zwar nicht mehr so mächtig, aber die Batterien würden etwas länger halten und die Piloten müssten nicht so oft lupfen.
Kein Urteil nach Australien
Laut Domenicali hat die Formel 1 aber noch keinen konkreten Plan B in der Schublade: "Bevor wir uns Gedanken über einen Plan B machen, sollten wir die Saison erstmal beginnen lassen. Ich habe kein Verständnis für diese negative Einstellung. Ich weiß, dass die Polemik heute dazugehört – in diesem Sport und überall sonst. Es gibt immer viele verschiedene Meinungen. Aber wenn wir nach Melbourne kommen, wird es nur noch darum gehen, wer das Rennen gewinnt."
Selbst wenn der Saisonauftakt die Erwartungen nicht erfüllen kann, sollten Entscheidungen laut Domenicali nicht über das Knie gebrochen werden. "Ich würde mir auch nach Australien noch kein abschließendes Urteil erlauben, weil es je nach Strecke zu unterschiedlichen Situationen kommen kann."
Natürlich wurde der ehemalige Ferrari-Teamchef auch mit den harten Aussagen von Max Verstappen konfrontiert. Der Red-Bull-Pilot hatte die neuen Formel-1-Autos als "Formel E auf Steroiden" bezeichnet und von Anti-Racing gesprochen. Die Versuche, den besten Fahrer im Feld auf Linie zu bringen, waren nicht erfolgreich. Domenicali machte keinen Hehl daraus, dass er die Kommentare nicht gerne gelesen hat: "Ich versuche die Dinge immer intern zu klären. Es bringt nichts, bestimmte Punkte hervorzuheben, die den Fan am Ende gar nicht interessieren."

Im Hintergrund laufen schon Gespräche über mögliche Anpassungen am Reglement. Stefano Domenicali will aber erst einmal ein paar Rennen abwarten.
Gespräch mit Max Verstappen
Inzwischen habe es aber schon ein Treffen zwischen dem Formel-1-Boss und seinem Zugpferd gegeben. "Wir hatten ein konstruktives Gespräch. Max ist die Zukunft der Formel 1. Deshalb ist es wichtig, dass wir ihm und den anderen Top-Fahrern zuhören. Er ist sehr um das Wohlergehen der Formel 1 besorgt. Deshalb hat er seine Meinung in der für ihn gewohnten Art ausgedrückt."
Domenicali verlangt aber auch von den Fahrern Verständnis: "Wir dürfen nicht vergessen, wie wir zu dieser Technologie gekommen sind. Es erfordert natürlich eine gewisse Anpassung, wie diese Autos gefahren werden müssen. So etwas gab es auch schon in der Vergangenheit – und das wird es auch in der Zukunft geben. Ich bin mir sicher, dass wir zur Mitte oder zum Ende der Saison ganz andere Kommentare hören werden."












