Gebraucht-Tipp VW Arteon: Ist das der derzeit cleverste Gebrauchtwagen?

Gebraucht-Tipp VW Arteon
Ist das der derzeit cleverste Gebrauchtwagen?

ArtikeldatumVeröffentlicht am 13.01.2026
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Die Deutschen lieben ihre Alleskönner. In der Küche rödelt der vollautomatische Dampfrührer mit Datteldipfunktion, den Urlaub buchen wir All-Inclusive, weil man sich da um nix kümmern muss, und vor der Tür parkt arg oft mittelgroße Crossover- und SUV-Ware, weil's ja so praktisch ist. Praktisch? Wozu eigentlich? Naja, für die jährliche Langstreckenfahrt an die See oder nach Südtirol, für den raumgreifenden Besuch in Baumarkt oder Möbelhaus, oder zur Mitnahme der heranwachsenden Familienschar. Wie haben wir das nur früher hinbekommen, als wir noch in Limousine, Kombi oder Schrägheck-Mittelklässler saßen?

Zugegebenermaßen hört man nur sehr selten von Menschen, die proklamieren, es müsse unbedingt wieder einen Opel Vectra oder Ford Sierra geben. Zeiten ändern sich eben. Geblieben ist zunächst nur der Nutzwert der einstigen Brot-und-Butter-Autos, ehe sie von Tiguan, Kuga und Co. verdrängt wurden. Sex sells. Wenn ein Auto keine Emotionen weckt und die nützlichen Gebrauchtwagen irgendwann aufgebraucht sind, verschwinden ganze Modellreihen aus dem Verkehrsbild. Oder wann haben Sie zuletzt einen Ford Mondeo gesehen – womöglich sogar einen Nicht-Kombi? Und doch gibt es eine Ausnahme, für die sich der Gebrauchtkauf im Augenblick so richtig lohnt.

1. Die gute alte Zeit

Der VW Arteon war bis Ende 2024 in der VW-Modellfamilie der Cousin zweiten Grades, den man sonst immer nur auf Hochzeiten oder Beerdigungen trifft und sich denkt: Was ein feiner Kerl, eigentlich. Moment, den Stammbaum müssen wir kurz erklären. Da wäre zunächst der Passat-Stamm, der 1973 als konstruktiv moderner Nachfolger der piefigen Nasenbär-Großkäfer Typ 3 und 4 an den Start ging. Der dominierte über Jahrzehnte die typischen Käuferkreise von Außendienstlern und Familienoberhäuptern. Rund um das Jahr 2010 war die SUV-Erfolgsgeschichte bereits im vollen Gange, allerdings noch nicht über alle (bürgerlichen) Größenklassen hinweg. Weil noch niemand wusste, dass selbst Kleinwagen heutzutage im Crossover-Anstrich gekauft werden, experimentierten die Hersteller mit Karosserieformen, so wie beim BMW 3er GT, den wir Ihnen erst kürzlich ans Herz gelegt haben.

Ein zeitweiliger Achtungserfolg gelang dem Mercedes CLS. Als Design-Leckerbissen auf praktisch unveränderter E-Klasse-Basis war der coupéhafte Viertürer durchaus ein Verkaufserfolg. Das (in schmerzhafter Kürze formuliert) schaute sich VW ab und zauberte aus dem Passat der sechsten Generation einen hübschen Ableger namens Passat CC. Der war etwas gestreckter, etwas flacher und etwas breiter als im altbekannten Format, wirkte mit seinen rahmenlosen Seitenscheiben auffallend elegant und büßte dabei nur wenig vom bekannt fürstlichen Passat-Platzangebot ein. Das war ein Jahr vor dem Debüt des absoluten Verkaufsschlagers Tiguan. Um die zweite CC-Generation noch exklusiver wirken zu lassen, hob sich das Design noch spürbarer vom Passat ab und der Schriftzug buchstabierte fortan das elegante Kunstwort "Arteon". Weil die eingangs genannten Käuferkreise, die über Jahrzehnte die Daseinsberechtigung von Passat und Co. waren, aber bis heute lieber hoch sitzen, schwand der Erfolg von Jahr zu Jahr, bis man die Baureihe schließlich einstellte. Und was blieb? Genau wie damals: Viel Nutzwert zum attraktiven Gebrauchtpreis. Und weil VW ihn so hübsch gemacht hat, bietet er außerdem eine Menge fürs Herz.

BMW X4 gegen VW Arteon Shooting Brake, ams 0321 Vergleichstest
Achim Hartmann

2. Konkurrenz? Schwierig!

Stellen wir die Philosophie mal ein wenig zurück und blicken auf die Fakten dahinter. Wer sich einen Gebrauchtwagenartikel zum VW Arteon nicht bloß zum Spaß durchliest, sucht vermutlich ein Auto, das sich hervorragend für Langstrecken eignet, ein gewisses Qualitätsniveau verspricht und trotz hochwertiger Qualität nicht allzu sehr den Geldbeutel belastet. In dieser beinahe altmodischen Mittelklasse-Denkweise fanden Käufer einst Modelle aus aller Herren Länder. Primera, Xantia, Vectra, Accord, 406 oder Mondeo rangelten mit vielen anderen und einer mitunter ungleichmäßigen Talentverteilung um die Käufer. Heute – das hatten wir ja schon – gibt's nur noch den Normalo-Passat (aber auch nur noch als Kombi) und dessen tschechischen Zwillingsbruder Škoda Superb. Beide sind als Verkaufsschlager auch im Gebrauchtmarkt nie ganz billig. Und sonst? Klar, das Premium-Dreigestirn Audi A4, BMW 3er und Mercedes C-Klasse gibt's noch, doch die bieten allesamt spürbar weniger Platz und liegen zumindest als Frischware ebenfalls noch auf der teuren Seite. Aus Frankreich kam bis Mai 2005 mit dem Peugeot 508 noch ein vergleichbares Konzept, bis auch dieser ersatzlos entfiel. Zurück zu unserem fiktiven Gebrauchtkäufer: Angenommen er oder sie gehört zu den Menschen, die nicht auf einen XXL-Kombi angewiesen sind, finden Sie mal mehr als eine Handvoll herkömmlicher gebrauchter Passat-Limousinen auf einem Fleck. Da ist der Arteon trotz seiner schmalen Stückzahl noch häufig zu finden. Und: Wenn's doch etwas mehr Stauraum sein darf, bleibt ja auch noch der schnieke Shooting Brake.

VW Arteon Fahrbericht
Dino Eisele

3. Die Technik

Was wäre ein Gebraucht-Tipp ohne zuverlässige Technik? Was die Antriebe angeht, lauern im Arteon keinerlei Überraschungen. Vierzylinder mit zwei Litern Hubraum als Benziner und Diesel, in den meisten Fällen an ein Doppelkupplungsgetriebe gekoppelt und durch einen Hang-on-Allradantrieb ergänzt. Weil hier alles soweit ohne chronische Krisen funktioniert, erwähnen wir als Tipp für Interessenten lieber, dass das Auto auch ohne Topmotorisierung und als handgeschalteter Fronttriebler eine richtig gute Figur macht. Mögliche Miseren haben wir bereits in zahlreichen VW-Kaufberatungen dargelegt: Auf die Summe der unzähligen Konzernmodelle gerechnet, kommt es immer mal zu einzelnen kleinen Baustellen in Form von defekten Sensoren oder auch mal einem undichten AGR-Kühler, aber dafür entschädigen die Antriebe mit saftiger Kraftabgabe und sparsamen Verbräuchen.

Bemerkenswerter ist die Technik, die sich in der Fahrgastzelle verbirgt, und mit der die Arteon-Besitzer tagtäglich konfrontiert werden. Die stammt nämlich noch aus einer Ära, bei der VW die Unfehlbarkeit in Sachen Bedienfreundlichkeit noch gepachtet hatte. Systemabstürze, die mit dem MEB ab der achten Golf-Generation einzogen, sind im Arteon noch weitgehend fremd. Trotzdem gibt's alles Erwartbare an Smartphone-Konnektivität. Sowie ein modisches Digital-Kombiinstrument und umfangreiche Fahrassistenz, die sich auch mit dem Abstellen zufrieden gibt, ohne nach jedem Neustart Beschwerde-Piepsen von sich zu geben. Und zuletzt schlummert der wohl deutlichste Aha-Effekt in Verarbeitung und Materialgüte. Das einstige VW-Flaggschiff fährt Kreise um alle aktuellen Modelle aus Wolfsburg, wenn es um die Innenraumqualität geht. Hartplastik, sichtbares Blech, Wegspar-Lösungen – daran müssen sich Besitzer des aktuellen Passat gewöhnen. Im Arteon ist noch alles erste Sahne.

 VW Arteon 2.0 TDI 4Motion Elegance, Motor
Hans-Dieter Seufert

4. Der perfekte Zeitpunkt

Zwischenfazit: Dass der Arteon ein sehr talentiertes Auto von guter Qualität ist, haben wir nun gelernt, und auch, dass es in der Mittelklasse fast keine bürgerlichen Alternativen mehr gibt. Doch warum ist er gerade jetzt so empfehlenswert? Wo liegt der Grund zur Eile? Ganz einfach: Wenn die Absätze eines Modells gerade zum Ende der Bauzeit hin kritisch werden, versuchen Hersteller und Händler, die Zulassungszahlen zu verbessern, indem sie mit besonders günstigen Leasing- oder Finanzierungsangeboten ködern. So hörte man zuletzt immer mal von Käufern, die eigentlich andere Typen im Sinn hatten, aber dann im Arteon gelandet sind, weil das Angebot einfach zu gut war. Zu diesen günstigen Preisen gesellte sich übrigens aus denselben Gründen auch ein stets sehr überzeugendes Ausstattungsangebot. Karge Arteon ohne jeglichen Wohlfühlfaktor kommen praktisch nicht vor.

VW Arteon (2020) Shooting Brake
Volkswagen

Und genau jene Leasing-Rückläufer und Finanzierungs-Ablöser stehen gerade jetzt, als 1,5 bis 3-Jährige, in hohen Stückzahlen bei den Händlern, nicht selten sogar bei VW-Vertretungen, und ringen um Käufer. Das ergibt einen Dreifach-Vorteil: Wir haben es mit einem überdurchschnittlich guten Auto zu tun, was von der breiten Masse als nicht modisch genug betrachtet wird, und gerade mit einem gewissen Überangebot zur Verfügung steht. Und weil sich unter diesen Angeboten zum Teil noch sehr frische Exemplare mit besonders geringer Laufleistung verbergen, dürfen kühne Rechner auch mal den Vergleich mit Passat-Neupreisen durchkauen. Die Preisersparnis für den oft besser ausgestatteten oder stärker motorisierten Arteon ist enorm. Viele der genannten Vorteile halten sich auch im günstigen Preisbereich. Dank guter Qualität können Sie bedenkenlos auch Exemplare kaufen, die an der 200.000-Kilometer-Marke kratzen. Dann geht der Spaß bei gut 18.000 Euro los. Dafür gibt’s laut Preisliste noch nicht mal einen neuen Polo (ab 20.135 Euro).

5. Ein Typ zum Behalten

Überhaupt ist das Thema Laufleistung für jeden wichtig, der sein Geld nicht unnötig für sein Auto aus dem Fenster werfen will – zumindest nicht fürs Alltagsauto. Entgegen der weitverbreiteten Annahme, verwandeln sich Autos nicht in Kürbisse oder zerfallen zu Staub, wenn der Kilometerstand einen gewissen Durchschnittswert übersteigt. Wer sein Auto vernünftig wartet, pflegt und sich Gedanken über seinen Fahrstil und dessen Auswirkungen auf Abgasreinigung und Co. macht, kann über viele Jahre Freude an einem hochwertigen Auto haben. Natürlich kommt es mit wachsendem Verschleiß auch zu Reparaturen, doch sind diese einerseits viel billiger als ein neues Auto – von dem es ohnehin keine Nachfolger mehr geben wird – und andererseits häufen sich die Werkstattbesuche nicht von heute auf morgen exponentiell.

Angenommen, Sie entscheiden sich heute für einen gepflegten Arteon mit geringer Laufleistung, können Sie sich zumindest rein statistisch drauf verlassen, dass Sie über die nächsten 10 bis 20 Jahre ganz vorzüglich motorisiert sind. Behalten Sie diesen Zustand pfleglich bei, stehen die Chancen nicht mal schlecht, dass sich nach einem weiteren Jahrzehnt manch ein Altautofreund an Ihrem Auto ergötzt. Weiß mans?

Fazit