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Interview mit Gerhard Berger

„DTM ist abhängig von Zuschauern“

Wie geht es der DTM in der Corona-Krise? Wir haben den Chef Gerhard Berger gefragt. Seine Meinung zu Geisterrennen, zur Budgetdeckelung und wie der Motorsport im Gesamten durch die schweren Zeiten kommen wird.

Wie geht es mit der DTM nach Ende der Corona-Krise weiter?

Berger: Es gibt mehrere Szenarien. Im besten Szenario fangen im Juli an. Da würden wir die ganze Saison durchziehen und mit zehn Rennen planen. Das schlimmste Szenario ist, dass gar kein Rennen stattfindet in diesem Jahr. Und möglicherweise wird es auch etwas dazwischen geben.

Und wenn es erst im August oder September losginge?

Berger: Das könnte auch eine Überlegung sein. Aber ein Knackpunkt dabei ist einfach, dass wegen der sinkenden Temperaturen auf europäischen Rennstrecken ab Ende November eigentlich nicht mehr gefahren werden kann.

Eine echte Planung ist also nicht möglich?

Berger: Wer Gott lachen sehen will, macht zur Zeit Pläne! Eine echte Planung ist für jeden schwierig, da weder Experten die weltweite Corona-Situation planbar voraussagen können noch Regierungen planbar Maßnahmen für das öffentliche Leben erlassen. Und es kann sich immer wieder je nach Entwicklung der Corona-Fallzahlen etwas ändern. Zudem sind wir von Sponsoren- und Promoter-Verträgen abhängig. Das Thema ist einfach komplex.

DTM - Hockenheim 2019
Wilhelm
Die DTM ist als Rennserie auf Zuschauereinnahmen angewiesen.

Treffen die Auswirkungen der Corona-Krise auf die DTM genauso zu wie auf die Formel 1?

Berger: Nein, denn die Finanzierungsstrukturen sind ganz andere. Die großen Plattformen wie die Formel 1 und die MotoGP hängen an den Einnahmen der Strecken-Promoter und der Sponsoren, und natürlich ganz im Wesentlichen an den TV-Geldern. Wir wiederum sind vor allem von den Zuschauern an der Rennstrecke abhängig. Und andere Rennserien wie etwa die GT-Serie von Stéphane Ratel kämpfen nochmal mit anderen Problemen. Die hängen an den Hobby-Rennfahrern, die GT-Autos kaufen und damit am Wochenende Motorsport betreiben. Diese Plattformen finanzieren sich nicht über die Zuschauer vor Ort. Die müssen sich damit auseinandersetzen, dass jene Hobby-Rennfahrer, die im richtigen Leben Mittelstandsbetriebe führen, ihr Geld jetzt für andere Dinge brauchen und womöglich nicht mehr in den Sport investieren.

Könnte die DTM Geisterrennen vor leeren Tribünen fahren, um wenigstens an die TV-Gelder zu kommen?

Berger: Klar, in der jetzigen Situation muss man alles durchdenken. Nur wie gesagt, unsere Einnahmen orientieren sich am Event, unser Motto ist ja "Feel the Roar". Man könnte auch sagen: "Laut, nah, dran." Deshalb muss unser Hauptziel immer sein, live vor den Fans zu fahren. Geisterrennen wären nur ein Mittel, um den Ball am Rollen zu halten.

In der Formel 1 hätte kein Veranstalter Interesse an einem Geisterrennen, weil er sich nur über die Zuschauereinnahmen refinanzieren kann. Da müsste Liberty die Rennen schon selbst veranstalten. Wie ist das in der DTM?

Berger: Im Gegensatz zur Formel 1 sieht unser Modell so aus, dass wir die Rennstrecke mieten. Die Einnahmen von den Zuschauern und Sponsoren fließen in unser Gesamtpaket. Die Formel 1 funktioniert anders. Die bekommen von den Rennstrecken ein Antrittsgeld, und die Strecken müssen das Geld über den Verkauf der Tickets und über Staatshilfen wieder einspielen. Ohne Zuschauereinnahmen können sich die Veranstalter nicht refinanzieren. Alle anderen Rechte liegen ja bei der Formel 1. Vielleicht dreht sich der Spieß da jetzt um. Es ist durchaus vorstellbar, dass in einer solche schwierigen Zeit Liberty auf die Einnahmen der Veranstalter verzichtet, und diese somit in der Lage sind, ohne Zuschauer Rennen zu zeigen.

DTM - Hockenheim 2019
Wilhelm
Die Corona-Krise belastet den weltweiten Motorsport schwer.

Die Formel 1 diskutiert im Zuge der Corona-Krise gerade über Sparmaßnahmen. Ist das die goldene Gelegenheit, endlich auf ein Normalmaß gesundzuschrumpfen?

Berger: Das ist natürlich eine Chance, aber in Wirklichkeit auch eine teuer erkaufte. Vergleichbar mit dem Kampf um mehr Sicherheit in der Formel 1 in den 90er Jahren. Max Mosley wollte immer abrüsten, aber keiner hat zugehört. Die Teams wollten die Autos nicht verändern, die Rennstrecken wollten nicht so viel Geld in Sicherheitsmaßnahmen stecken. Dann geschah der schreckliche Unfall von Ayrton Senna in Imola. Letztendlich hat dieses Ereignis Mosley die Tür geöffnet, seine Pläne durchzuziehen. Genauso ist es jetzt mit der Krise.

Wie weit sollte der Budgetdeckel gesenkt werden?

Berger: Auf 100 Millionen ohne Ausnahmen. Die erste Frage, die sich jetzt aber alle erst einmal stellen müssen, lautet meiner Ansicht nach: Wie überstehen wir die Krise?

Gilt das auch für Roger Penske und seine IndyCar-Serie?

Berger: Der steht das durch.

Werden auch die DTM-Teams abrüsten müssen?

Berger: Wir haben vernünftigerweise schon vor der Krise massiv abgerüstet und arbeiten heute mit sehr vielen Standardteilen. Deshalb sind wir in der Technik bereits nahe am Kostenlimit. Aber durch die Popularität der Plattform, vor allem in Deutschland, ist der Return of Investment sehr interessant. Im Grunde darf ein Team mit zwei Autos pro Saison nicht mehr als vier, maximal fünf Millionen Euro kosten. Wir dürfen allerdings nicht vergessen, dass wir zwei Hersteller haben, die jeweils mehrere Autos einsetzen. Wir würden gerne mit einer Obergrenze arbeiten. Über den richtigen Schlüssel dazu denken aber nicht nur wir, sondern alle Serien nach.

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