Mit dem Luce betritt Ferrari Neuland: Erstmals bringen die Italiener ein rein elektrisches Modell auf den Markt, und das mit einem viertürigen Fünfsitzer aus einem ganz neuen Fahrzeugsegment. Doch statt Begeisterung schlägt dem mehr als 640.000 US-Dollar teuren Elektroauto bislang vor allem Kritik entgegen.
Komplett neue Situation in Maranello
Wie Emanuele Carando, globaler Marketingdirektor von Ferrari, gegenüber dem US-Portal Edmunds erklärte, habe das Unternehmen zwar mit kontroversen Reaktionen gerechnet. Das tatsächliche Ausmaß der Ablehnung habe jedoch selbst Ferrari überrascht. Man habe eine polarisierende Diskussion erwartet, nicht jedoch die enorme Intensität der negativen Kommentare. Vor allem das Design des Luce steht im Mittelpunkt der Kritik. Viele Fans bemängeln, dass das Elektroauto äußerlich kaum klassische Ferrari-Merkmale erkennen lasse.
In sozialen Netzwerken wird das Modell sogar mit einem nie realisierten Apple-Auto verglichen. Das Interieur wird dagegen deutlich positiver bewertet, insbesondere wegen der zahlreichen physischen Bedienelemente. Für Ferrari ist die ungewöhnliche Gestaltung jedoch eine bewusste Entscheidung. Das Design entstand gemeinsam mit dem Studio LoveFrom unter Leitung des früheren Apple-Chefdesigners Jony Ive. Laut Carando wollte Ferrari bewusst kein bestehendes Verbrennermodell elektrifizieren. Stattdessen sollte ein Fahrzeug entstehen, das die Möglichkeiten eines Elektroantriebs konsequent nutzt.
Eben kein umgebauter Purosangue
Anstelle eines umgebauten Purosangue entwickelten die Ingenieure daher eine eigenständige Architektur mit kurzer Frontpartie und einer weit nach vorn gerückten Fahrerposition. Dadurch sitzt der Fahrer näher an der Vorderachse, was laut Ferrari ein besonders präzises Einlenkverhalten ermöglichen soll. Trotz der heftigen Kritik sieht Ferrari derzeit keinen Grund zur Sorge. Carando bezeichnete die öffentliche Debatte sogar als kostenlose Werbung für das neue Modell. Er verweist auf den Purosangue, der bei seiner Vorstellung ebenfalls heftige Reaktionen ausgelöst habe. Heute gehöre das SUV zu den erfolgreichsten und beliebtesten Modellen der Marke.
"Wir hätten den Purosangue nehmen, den Zwölfzylindermotor ausbauen und stattdessen Batterie und Elektroantrieb einbauen können, aber wir hielten das nicht für die richtige Entscheidung", sagte Carando.
Auch Spekulationen über angebliche Verkaufspraktiken weist Ferrari zurück. Der frühere Marketingchef Enrico Galliera erklärte, Berichte, wonach Kunden einen Luce kaufen müssten, um künftig Zugang zu limitierten Sondermodellen zu erhalten, seien unzutreffend. Die Vergabe exklusiver Fahrzeuge erfolge nach einem komplexen Bewertungssystem und sei nicht an den Kauf des Elektroautos gekoppelt. Ob sich die Stimmung gegenüber dem Luce ähnlich entwickelt wie einst beim Purosangue, dürfte sich erst nach dem Marktstart zeigen. Fest steht jedoch schon jetzt: Kaum ein neues Ferrari-Modell hat die Fangemeinde in den vergangenen Jahren derart gespalten wie das erste Elektroauto aus Maranello.





