In Asien gelten andere Regeln als in Europa. Das gilt sowohl für den Fahrzeugmarkt, den Aspruch der Kunden und offenbar auch für die Entwicklungsgeschwindigkeiten der Hersteller. VW hat jedenfalls im Rekordspeed auf den schleppenden Absatz der eigenen Produkte reagiert und eine komplett neue, voll auf den chinesischen Markt ausgerichtete Elektronik-Plattform auf die Räder gestellt. "In China, for China", heißt die Devise. Jetzt startet das erste Modell – und viele weitere sollen schon bald folgen.
China Electronic Architecture geht in Serie
Mit dem ID. UNYX 07 startet das erste Serienmodell der Volkswagen Group China, das auf der neu entwickelten China Electronic Architecture (CEA) basiert. Das Fahrzeug wurde in China entwickelt, getestet und wird dort auch produziert. Es markiert den Einstieg des Konzerns in die Serienfertigung softwaredefinierter Fahrzeuge für den chinesischen Markt.
Der Vorstandsvorsitzende des Volkswagen-Konzerns, Oliver Blume sagt: "Der Volkswagen Konzern liefert – schnell und zuverlässig. In nur 18 Monaten haben wir erstmals eine komplett neue, skalierbare Elektronikarchitektur von der Entwicklung bis zur Serienproduktion realisiert – mit derselben hohen Qualität und Sicherheit, die unsere Kundinnen und Kunden von Volkswagen erwarten."
Die CEA ist die erste zonale Elektronikarchitektur des Volkswagen Konzerns. Sie nutzt leistungsstarke Zentralrechner und ist vollständig over-the-air aktualisierbar. Die Architektur ist skalierbar ausgelegt und kann in vollelektrischen Fahrzeugen, Hybridmodellen und Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor eingesetzt werden. Volkswagen ist damit – laut CEO Blume – der erste Hersteller, der eine zonale E/E-Architektur plattformübergreifend und über alle Antriebsarten hinweg in Serie bringt.
Entwicklung in Rekordzeit bei unveränderten Standards
Die Entwicklung der China Electronic Architecture vom Konzept bis zur Serienreife dauerte tatsächlich nur 18 Monate. Damit handelt es sich um die bislang kürzeste Entwicklungszeit einer vollständig neuen Elektronikarchitektur im Volkswagen Konzern, der normalerweise für sehr langatmige und träge Prozesse bekannt ist. Trotz der verkürzten Entwicklungsdauer blieb der Validierungszyklus unverändert. Sicherheits-, Qualitäts- und Zuverlässigkeitsanforderungen entsprachen den konzernweit gültigen Standards.
Die Architektur wurde von der Volkswagen Group China Technology Company (VCTC) gemeinsam mit CARIAD China und XPENG entwickelt. Die Produktion des ID. UNYX 07 erfolgt nun im Werk Anhui.
Reduzierte Komplexität und beschleunigte Entwicklung
Durch die neue zonale Architektur sinkt die Anzahl der elektronischen Steuergeräte im Fahrzeug um rund 30 Prozent. Dadurch wird die Systemkomplexität deutlich reduziert. Gleichzeitig schafft die CEA die technische Basis für KI-basierte Cockpit-Funktionen, lokal angepasste Fahrerassistenzsysteme sowie softwarebasierte Funktionsupdates auf Fahrzeugebene.
Der neue Entwicklungsansatz verkürzt die gesamten Fahrzeugentwicklungszyklen um bis zu 30 Prozent. Die lokale Entwicklung und die frühzeitige Einbindung von Zulieferern in der Konzeptphase führen in ausgewählten Schlüsselprojekten zu einer Reduzierung der Entwicklungskosten um bis zu 50 Prozent. Agile Entwicklungsprozesse ermöglichen zudem eine schnellere Anpassung an sich verändernde Kundenanforderungen.
Produktoffensive mit über 30 NEV-Modellen
Bereits im Jahr 2026 plant Volkswagen die Einführung von vier weiteren Modellen mit der neuen Elektronikarchitektur aus allen Joint Ventures der Marke Volkswagen in China. Die Integration der CEA wird schrittweise von Fahrzeugen des A-Segments auf weitere Segmente ausgeweitet. Ziel ist ein breites Angebot an intelligenten, vernetzten Fahrzeugen auf einer gemeinsamen Software- und Elektronikbasis.
Ralf Brandstätter, Mitglied des Vorstands der Volkswagen AG, verantwortlich für China, sowie Vorsitzender und CEO der Volkswagen Group China: "Die China Electronic Architecture ermöglicht es uns, softwaregesteuerte Innovationen zu wettbewerbsfähigen Kosten und mit hoher Geschwindigkeit auf den Markt zu bringen, und zwar für Elektrofahrzeuge, Hybrid- und Verbrennungsmodelle. So skalieren wir intelligente vernetzte Fahrzeuge in China – indem wir lokale Geschwindigkeit mit der DNA von Volkswagen kombinieren."
Im Jahr 2026 bringt Volkswagen in China zudem mehr als zehn neue New-Energy-Vehicles auf den Markt. Das Portfolio umfasst batterieelektrische Fahrzeuge, Plug-in-Hybride sowie Modelle mit Range-Extender-Antrieb. Bis 2029 sollen es mehr als 30 neue NEV-Modelle der Marke Volkswagen in China sein, verteilt auf die Joint Ventures SAIC Volkswagen, FAW Volkswagen und Volkswagen Anhui.
Zwei dieser Modelle entstehen in der Partnerschaft mit XPENG innerhalb der ID. UNYX Produktlinie. Vorgesehen sind ein Full-Size-SUV mit der Bezeichnung ID. UNYX 08 sowie eine Limousine im B-Segment, deren Modellname noch nicht bekannt ist. Weitere Modelle stammen aus der Technologiepartnerschaft mit SAIC, darunter der angekündigte ID. ERA 9X.
Neue China-Plattformen CMP und CSP
Ab der zweiten Jahreshälfte 2026 kommen in China dann die ersten Fahrzeuge auf der neu entwickelten China Main Platform (CMP) für das A-Segment auf den Markt. Im Jahr 2027 folgt mit der China Scalable Platform (CSP) eine neue Architektur für höhere Fahrzeugsegmente. Die CSP ermöglicht den Einsatz von batterieelektrischen Antrieben sowie Range-Extender-Konzepten. Beide Plattformen werden vom Volkswagen Group China Technology Center entwickelt und bilden künftig die Grundlage für alle NEV-Modelle der Volkswagen Group in China.
Größtes Entwicklungszentrum außerhalb Deutschlands
Mit dem Abschluss der letzten Ausbaustufe des Technologie- und Innovationszentrums in Hefei verfügt Volkswagen in China über das größte und umfassendste Forschungs- und Entwicklungszentrum des Konzerns außerhalb Deutschlands. Auf einer Fläche von rund 100.000 Quadratmetern befinden sich mehr als 100 Labore, die unter anderem Software- und Hardwareintegration, Batterie- und Antriebsstrangtests sowie die vollständige Fahrzeugvalidierung ermöglichen.
Die Bündelung von Entwicklung, Testing und Validierung erlaubt parallele Arbeitsprozesse und verkürzte Entscheidungswege. Die VCTC ist in der Lage, komplette Fahrzeugprojekte und neue Technologien eigenständig für den chinesischen Markt zu entwickeln und zur Serienreife zu bringen.
China als Entwicklungs- und Exportstandort
Neben der lokalen Marktausrichtung baut Volkswagen China auch seine Rolle als Entwicklungs- und Exportstandort aus. Fahrzeuge aus chinesischer Produktion werden zunehmend in Märkte wie die ASEAN-Region und den Nahen Osten exportiert. Die VCTC übernimmt dabei auch die Anpassung von in China entwickelten Fahrzeugen an regulatorische und kundenspezifische Anforderungen anderer Weltregionen. Noch ist wohl nicht vorgesehen, dass aus diesen Prozessen auch Autos nach Europa kommen. Ein Technologie-Transfer oder zumindest ein bisschen "China Speed" für Wolfsburg wäre dennoch wünschenswert.












