Ahead Digital-Kongress 2020 auto motor und sport

Ahead - A digital Dialogue Kongress

Covid-19 als Katalysator der Digitalisierung

Wie beeinflusst Corona die Autoindustrie? Auf dem hochrangig besetzten Digital-Kongress, den auto motor und sport erstmals zusammen mit dem Beratungsunternehmen MHP ausrichtete, gaben Experten Ein- und Ausblicke.

Das Coronavirus hat die Weltwirtschaft in eine tiefe Krise gestürzt – auch die Automobilbranche. Fabrikbänder standen vielerorts still, Lieferketten brachen ein, zahlreiche Beschäftigte sind noch immer in Kurzarbeit und arbeiten wenn möglich von zu Hause. Auf vorübergehende Werksschließungen folgten zulassungsschwache Monate. Inzwischen haben viele Werke wieder den Betrieb aufgenommen – jedoch unter anderen Voraussetzungen als zuvor.

Welche zukünftigen Auswirkungen das Coronavirus auf Produktion, Vertrieb und schließlich auch die Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter hat, darüber sprachen Branchenvorstände und -experten beim Ahead – A Digital Dialogue, den auto motor und sport zusammen mit der Management- und IT-Beratung MHP erstmals rein virtuell veranstaltete.

Digitalisierung

Zwei Jahre Digitalisierung, komprimiert in zwei Monaten – so fasste kürzlich Satya Nadella, Vorstandsvorsitzender von Microsoft, die Situation rückblickend zusammen. Ganz ähnlich fällt auch das Fazit von Daimler-CIO Jan Brecht aus. Auf die letzten Monate bezogen sei die Coronakrise in seinen Augen nicht etwa eine Pausen-, sondern viel eher eine Vorspultaste für die Digitalisierung gewesen. Viele Probleme, wie technische und rechtliche Hürden, konnten schnell aus dem Weg geräumt werden. Gleichzeitig sei die Akzeptanz rapide gestiegen.

Ahead Digital-Kongress 2020, Jan Brecht
Daimler
„Bei der Digitalisierung genügt es nicht, alte Prozesse einfach mit einem IT-Zuckerguss zu übergießen“ - Jan Brecht, Chief Information Officer (CIO) von Daimler und Mercedes-Benz

So interessieren sich in China inzwischen 70 Prozent der Kunden dafür, Finanzierungsverträge komplett online abzuschließen. Zum Vergleich: Vor Corona lag der Anteil noch bei 20 Prozent. Doch ganz so einfach ist das nicht immer. Denn Digitalisierung bedeutet nicht, nur Apps zur Verfügung zu stellen und mobile Endgeräte zu nutzen. Wer alte Prozesse lediglich mit einem IT-Zuckerguss übergießt, zementiert laut Brecht eine historische Welt, die in der Zukunft nicht erfolgreich werden kann. Stattdessen braucht es völlig neue digitale Prozesse und substanzielle Veränderungen im Unternehmen, um das Geschäftsmodell umzustellen. Dazu gehört unter anderem auch, Struktur und Organisation anzupassen.

So sollten beispielsweise neue Projekte mehr an ihrem Wert und nicht nur an vorgegebenen Zeit- und Kostenrahmen gemessen werden. Dafür brauche es jedoch Teams, die ihre Produkte mit mehr unternehmerischer Verantwortung entwickeln und sich zudem schneller verändern können, um reagieren zu können. Eine funktionierende Infrastruktur setzt das natürlich voraus. Dass sich der Aufwand trotz großer Herausforderungen lohnte, hat Corona deutlich gezeigt. Denn kaum ein Bereich kann ohne die Digitalisierung heute noch erfolgreich sein.

Produktion und Logistik

Erfolg und Stillstand passen nicht zusammen. Letzteres hört kein Unternehmen gern, doch der gesamte Automobilsektor hatte damit zu kämpfen – und somit auch Albrecht Reimold, Porsche-Vorstand für Produktion und Logistik. Sechs Wochen lang musste die Produktion beim Sportwagenhersteller pausieren, seit Juni laufen die Bänder wieder in regulärer Auslastung.

Ahead Digital-Kongress 2020, Albrecht Reimold
Porsche
„Ich verspreche Ihnen, dass es auch noch in fünf bis zehn Jahren globale Lieferketten geben wird. Was wir brauchen, ist mehr Transparenz“ - Albrecht Reimold, Porsche-Vorstand für den Bereich Produktion und Logistik

Um Krisen zu meistern, seien vor allem zwei Aspekte wichtig: Veränderungsbereitschaft und ein Management mit klarer Strategie. Dass die Branche beides kann, habe sie, so Reimold, bereits nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima 2011 gezeigt. Auch damals habe es massive Auswirkungen auf die globalen Lieferketten gegeben. Letztere sind speziell in der Autoindustrie hochkomplexe Systeme, da die Rohmaterialien aus der gesamten Welt stammen, wie Reimold erklärt. Zur Einordnung ergänzt Markus Wambach, Partner und Member of the Board bei MHP: "Ein OEM hat zwischen 10 000 und 15 000 aktive Lieferanten, verteilt auf mehrere Hierarchiestufen. Nicht jeder Lieferant ist bereit, seine Informationen bereitzustellen."

Genau das sei aber elementar wichtig, um Transparenz zu schaffen und die Lieferketten zu managen. Im Idealfall geschehe das systemgestützt: "Nur wenn der Hersteller den Weg jedes einzelnen Teils nachvollziehen kann, lässt sich eine nachhaltig funktionierende Lieferkette sicherstellen", ergänzt Wambach.

Eine Regionalisierung der Lieferketten kann jedoch nicht die alleinige Lösung sein, machte Reimold auch klar: "Wir sind nicht in der Lage, alles um Stuttgart, Leipzig oder Bratislava anzusiedeln." Trotz globaler Strukturen sollten die Lieferwege verkürzt werden und die letzten Schritte der Wertschöpfung so nah wie möglich am eigenen Werk liegen. Ohne Zusammenarbeit mit den Kommunen seien die infrastrukturellen Voraussetzungen aber nicht zu schaffen. "Hier steckt noch viel Arbeit drin", so der Porsche-Vorstand.

Vertrieb

Viel zu tun gibt es auch auf der Vertriebsebene. Bei Audi treibt Hildegard Wortmann als Mitglied des Vorstands die Transformation zum innovativen Mobilitätsanbieter voran. Auch hier beschleunige Covid-19 den digitalen Fortschritt. Denn die Verschmelzung der On- und Offline-Kanäle finde durch Corona deutlich schneller statt, wie die virtuelle Weltpremiere des Audi Q4 zeige, so Wortmann.

Ahead Digital-Kongress 2020, Hildegard Wortmann
Audi
„Die Herausforderung im Vertrieb wird darin liegen, die physische mit der digitalen Welt zu verbinden, ohne dabei die Nähe zum Kunden zu verlieren“ - Hildegard Wortmann, Mitglied des Vorstands der Audi AG für den Bereich Vertrieb und Marketing

Markus Kirchler, ebenfalls Partner und Member of the Board bei MHP, stimmt dem zu: "Wer jetzt nicht digitalisiert, bleibt auf der Strecke. Die Krise hat die Notwendigkeit einer radikalen Digitalisierung in der gesamten Wertschöpfungskette der Automobilindustrie deutlich gemacht." Bei digitalen Formaten sieht er allerdings noch Verbesserungspotenzial.

Die Akzeptanz der Kunden für solche digitalen Formate sei laut Wortmann gegeben. Das zeige vor allem der asiatische Markt. Es müsse dabei aber sichergestellt sein, nicht den direkten Kontakt zum Kunden zu verlieren: "Entscheidend wird sein, dem Kunden alle Möglichkeiten einer Customer Journey zu bieten. Dabei starke Partner zu haben, die auch persönlich und auch physisch mit dem Kunden in Kontakt sind, wird wichtig bleiben."

Hier kommt der Handel ins Spiel: Live-Beratungen, bei denen potenzielle Käufer durch die Datenbrille des Audi-Händlers via Augmented Reality ein Auto gezeigt bekommen, seien laut Wortmann ein guter Weg. Sie fordert deshalb zukünftig eine enge Zusammenarbeit mit ihren Partnern: "Ein Silodenken zwischen Handel und OEM darf es nicht geben. Es geht nur Hand in Hand, und ich sehe, die Bereitschaft dazu ist da."

Mitarbeiter

Eine Autoberatung von zu Hause aus – klingt spannend. Apropos "zu Hause": Die Coronakrise verändert auch den Arbeitsalltag der Mitarbeiter nachhaltig, findet SAP-Personalchef Cawa Younosi. Sein Ziel: die Zufriedenheit der Angestellten. Denn die überträgt sich nach seiner Erfahrung auch auf die Kunden. Gelingen könne das mit einer offenen und transparenten Kommunikation sowie innovativen Ansätzen. Younosi spricht hier von Online-Formaten, die seine rund 25 000 Mitarbeiter in Anspruch nehmen können.

Ahead Digital-Kongress 2020, Cawa Younosi
SAP
„Vom Homeoffice profitieren nicht nur die Mitarbeiter, sondern auch der Arbeitgeber zum Beispiel durch die Möglichkeit der Flächenoptimierung im Büro und letztendlich – wichtig – auch die Umwelt“ - Cawa Younosi, Personalchef beim Software-Unternehmen SAP in Deutschland

So gibt es unter anderem Schulungen im Bereich der Selbsthilfe, Seminare zum Thema Achtsamkeit und eSports-Turniere. Younosi macht klar: "Wir haben einen Marathon vor uns und keinen Sprint. Deshalb gilt es, dass alle Mitarbeiter physisch und mental diese Krise überstehen." Ein Arbeitgeber solle deshalb weniger steuern, sondern vielmehr durch Anreize und Angebote ein gewünschtes Verhalten der Mitarbeiter herbeiführen. Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt auch Andreas Barth, Partner und Member of the Board bei MHP: "Arbeitsleistung folgt nicht dem Diktat der Präsenz." Zudem habe die Krise das Vertrauen in das mobile Arbeiten geschafft. Er macht aber auch klar: "Ganz ohne Regeln wird es nicht gehen."

Blick nach vorn

Die Coronakrise trifft die Automobilbranche in einer Phase des Umbruchs zu neuen Antriebstechnologien und digitalen Angeboten hart. MHP-Chef Ralf Hofmann fasst die Kongressinhalte wie folgt zusammen: "Die Frage nach dem Innovationsschub ist zu differenzieren. Wenn wir ehrlich hinschauen – was wir eigentlich erlebt haben, war ein massiver Digitalisierungsschub, der auf kreative Weise in kürzester Zeit umgesetzt wurde." Digitale Transformation lautet also das Gebot der Stunde – auf Vertriebs-, Produktions- und auch zwischenmenschlicher Ebene. Die Beispiele der Branchenvorstände belegen: Der Anfang ist gemacht.

Ahead Digital-Kongress 2020, Ralf Hofmann
MHP
„Wir haben die Verantwortung, das, was wir jetzt gelernt haben, mitzunehmen und zu übertragen in eine normale Zeit. Damit es ein ‚better tomorrow‘ wird“ - Ralf Hofmann, Gründer, Gesellschafter und Vorsitzender der Geschäftsführung von MHP

Total digital: Kongress mal anders

Premiere für auto motor und sport und Partner MHP: Erstmals fand der Digital-Kongress AHEAD – A Digital Dialogue statt. Unter dem Motto "Wirtschaft nach Covid-19 – Die Krise als Innovationsschub" erklärten Branchenvorstände und -experten, wie es Unternehmen gelingen kann, die mit dem Coronavirus einhergehenden Herausforderungen in Chancen umzuwandeln. Coronabedingt fand das Format virtuell statt. Von einem TV-Studio in Ludwigsburg aus führte auto motor und sport-Chefredakteurin Birgit Priemer durch das Programm. Die Kongressredner wurden per Videoanruf zugeschaltet. Mehr als 800 Interessierte nutzten das Online-Angebot, zu dem sich die Teilnehmer bequem am eigenen Endgerät anmelden konnten.

Ahead Digital-Kongress 2020
Dino Eisele
Per Link zum Kongress: Das geht auch mit dem Smartphone. Voraussetzung ist lediglich ein Internetzugriff oder WLAN-Netzwerk.

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