Im Jahr 2017 führte Frankreich eine umfassende Reform des Zulassungssystems ein. Ziel war es, die Prozesse zu digitalisieren und zu beschleunigen. Die klassischen Zulassungsschalter in den Präfekturen wurden geschlossen, und private Anbieter erhielten Zugriff auf das zentrale Fahrzeugregister SIV.
Diese Datenbank enthält Informationen zu rund 69 Millionen Fahrzeugen. Doch die Reform hatte unerwartete Konsequenzen: Die Zugangsbarrieren für private Anbieter waren niedrig, was es auch unseriösen Firmen ermöglichte, Fahrzeuge zu registrieren oder Daten zu manipulieren.
Geisterfirmen und ihre Rolle
Ein zentraler Aspekt des Skandals sind sogenannte Geisterfirmen. Diese Unternehmen existieren oft nur auf dem Papier oder unter einer Briefkastenadresse. Dennoch erhielten sie Zugang zum SIV-System und konnten Fahrzeuge registrieren.
Ermittlungen ergaben, dass einige dieser Firmen innerhalb weniger Jahre Hunderttausende von Vorgängen bearbeiteten. Ein besonders auffälliger Fall dokumentiert 265.000 Einträge in nur drei Jahren. Die Folge: Fahrzeuge, deren tatsächliche Halter nicht mehr eindeutig identifiziert werden können.
Finanzielle und sicherheitstechnische Auswirkungen
Der finanzielle Schaden ist enorm. Zwischen 2022 und 2024 entgingen dem französischen Staat mehr als 550 Millionen Euro. Diese Summe umfasst nicht gezahlte Zulassungsgebühren und Bußgelder. Darüber hinaus wurden leistungsstarke Fahrzeuge in günstigere Steuerkategorien eingetragen, um Abgaben zu umgehen.
Auch die Verkehrssicherheit ist betroffen: Die Zahl schwerer Geschwindigkeitsüberschreitungen stieg zwischen 2016 und 2022 um 160 Prozent. Viele dieser Verstöße wurden von Fahrzeugen begangen, die auf nicht existierende Firmen registriert waren.
Kritik und Maßnahmen
Der französische Rechnungshof kritisiert die langsame Reaktion der Behörden. Erst 2020, drei Jahre nach der Reform, wurde eine Strategie zur Bekämpfung von Dokumenten- und Identitätsbetrug eingeführt. Kontrollen der zugelassenen Anbieter fanden nur selten statt – statistisch gesehen wurde ein Anbieter nur alle 33 Jahre überprüft. Erst 2025 beschloss das Innenministerium einen Maßnahmenplan, der unter anderem die Zahl der Anbieter mit Zugriff auf das System von 39.000 auf 27.000 reduzierte. Ein neues Zulassungssystem mit stärkeren Kontrollmechanismen ist in Planung.
Auswirkungen auf Deutschland
Der Skandal hat auch für Deutschland Relevanz. Fahrzeuge, die in Frankreich registriert sind, können problemlos in anderen EU-Ländern genutzt werden. Dies könnte dazu führen, dass auch deutsche Behörden Schwierigkeiten haben, Verkehrsverstöße oder Straftaten zuzuordnen. Zudem zeigt der Fall, wie wichtig strenge Kontrollen und sichere digitale Systeme sind, um Missbrauch zu verhindern.











