Die kurze Antwort lautet: Die Reserve ist für Versorgungsengpässe gedacht, nicht zur Dämpfung hoher Preise. Ob sie eingesetzt wird, hängt nicht vom Preisniveau ab, sondern davon, ob physische Lieferungen ausfallen.
Wie viel Benzin und Diesel tatsächlich eingelagert sind
Deutschland ist verpflichtet, Vorräte in Höhe von mindestens 90 Tagen der durchschnittlichen Nettoimporte vorzuhalten. Maßstab sind die Importmengen, nicht der reine Inlandsverbrauch.
Nach den zuletzt veröffentlichten Bestandszahlen lagerten rund 1.714.277 Tonnen Benzin sowie etwa 4.155.138 Tonnen Dieselkraftstoff in der strategischen Reserve. Hinzu kommen erhebliche Mengen Rohöl und leichtes Heizöl.
Eine Tonne Kraftstoff entspricht grob rund 1.200 Litern. Damit bewegt sich die Benzinreserve in einer Größenordnung von rund zwei Milliarden Litern. Beim Diesel liegt das Volumen deutlich höher.
Wie groß der tägliche Bedarf ist
Zum Vergleich: Deutschland verbraucht pro Tag rund 473.000 Barrel Benzin sowie etwa 947.000 Barrel Diesel und Heizöl zusammen. Ein Barrel entspricht 159 Litern. Das bedeutet in Litern umgerechnet:
- Benzin etwa 75 Millionen Liter pro Tag
- Diesel und Heizöl zusammen rund 150 Millionen Liter pro Tag
Diese Größenordnung verdeutlicht, wie hoch der tägliche Bedarf ist. Selbst große Reservemengen relativieren sich, wenn man sie ins Verhältnis zum laufenden Verbrauch setzt. Gleichzeitig zeigt der 90-Tage-Mechanismus, dass die strategische Reserve auf einen längerfristigen Importausfall ausgelegt ist, nicht auf einzelne Preisspitzen.
Wer über eine Freigabe entscheidet
Zuständig für die Verwaltung der Bestände ist der Erdölbevorratungsverband. Über eine Freigabe entscheidet die Bundesregierung, federführend das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz. In internationalen Krisen erfolgt eine Abstimmung mit der Internationalen Energieagentur.
Voraussetzung ist eine erhebliche Störung der Ölversorgung. Das kann der Fall sein, wenn Lieferketten unterbrochen sind, größere Fördermengen ausfallen oder Raffinerien nicht ausreichend beliefert werden. Steigende Preise allein erfüllen diese Voraussetzung nicht.
Aktuell ist die Passage faktisch blockiert. Iran hat angekündigt, Schiffe anzugreifen, die versuchen, die Meerenge zu durchfahren. Zahlreiche Reedereien haben den Transit aus Sicherheitsgründen eingestellt oder umgeleitet. Damit wird ein erheblicher Teil der globalen Rohölexporte zumindest vorübergehend unterbrochen. Die unmittelbare Folge sind steigende Rohölpreise und erhöhte Risikoaufschläge auf den internationalen Märkten. Auch Länder, die ihr Öl nicht direkt aus der Region beziehen, sind über den Weltmarktpreis betroffen.
Die Straße von Hormus ist eine zentrale Transportroute für Rohöl. Ein erheblicher Teil des weltweit gehandelten Öls passiert diese Meerenge. Die aktuelle Sperrung hat spürbare Auswirkungen auf den Weltmarkt und lässt die Rohölpreise deutlich steigen. Deutschland bezieht sein Rohöl jedoch aus unterschiedlichen Regionen, darunter Norwegen, die USA, Kasachstan, afrikanische Staaten und auch Länder im Nahen Osten. Ein Teil dieser Lieferungen passiert tatsächlich die Straße von Hormus, ein großer Teil jedoch nicht.
Die Blockade führt zwar zu Preisreaktionen. Aber erst, wenn signifikante Liefermengen ausfallen und Raffinerien nicht mehr ausreichend versorgt werden können, käme eine Freigabe der strategischen Reserve in Betracht. Vorher würden alternative Bezugsquellen, Umleitungen und kommerzielle Lagerbestände genutzt.
Wann zuletzt Reserven genutzt wurden
Im Jahr 2022 wurden im Zuge des russischen Angriffs auf die Ukraine koordinierte Freigaben innerhalb der Internationalen Energieagentur beschlossen. Hintergrund waren konkrete Risiken für Lieferketten und der Ausfall russischer Exporte. Ziel war die Stabilisierung der physischen Versorgung. Die strategische Reserve ist nicht als dauerhaftes Instrument zur Steuerung von Endverbraucherpreisen konzipiert.
Die derzeitige Situation ist von hohen Preisen und geopolitischer Unsicherheit geprägt. Nach aktueller Lage sind jedoch keine umfassenden physischen Lieferausfälle zu verzeichnen, die die gesetzlichen Voraussetzungen für eine Freigabe erfüllen würden.
Solange Importe über Seewege und Pipelines funktionieren und Raffinerien ausreichend Rohöl erhalten, bleibt die strategische Reserve ein Sicherheitsinstrument im Hintergrund.





