Brandenburger Automarken Collage Patrick Lang
Jetcar 2.5
IFA W50
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Brennabor 14 Bilder

Tesla ist nicht der erste Autobauer in Brandenburg

Diese Autohersteller kamen aus Brandenburg

Tesla baut ab 2021 in großem Stil Autos in Brandenburg. Die Amerikaner sind nicht der erste Autohersteller in dem Bundesland. Selbst Elektroautos aus Brandenburg gab es schon.

Wenn 2021 im Brandenburgischen Grünheide die ersten Teslas vom Band rollen, ist das ostdeutsche Bundesland ein erstzunehmender Auto-Produktionsstandort. Es gab allerdings schon vorher Autobau in Brandenburg – von einheimischen Firmen. In den 1920er-Jahren war der vielleicht bis heute bekannteste Brandenburger Autohersteller Brennabor der größte Pkw-Produzent Deutschlands. Besonders in diesem Jahrzehnt gab es in Deutschland eine äußerst aktive Automobilbau-Gründerszene – heute nennt man das Startup-Szene. Diese war zwar in Berlin am stärksten – insgesamt hat Berlin bisher über 150 Autohersteller hervorgebracht, aber Brandenburg ist auch dabei – mit elf Pkw-Herstellern und zwei Nutzfahrzeug-Produzenten, die wir hier kurz vorstellen.

Brennabor

„Ein Stück Blech, ein bisschen Rohr, fertig ist der Brennabor“ – in der Stadt Brandenburg an der Havel stellten die Brennabor-Werke nicht nur Fahrräder, Motorräder und Kinderwagen her, auch Pkw verließen die Werkhallen. Die Wurzeln des Unternehmens gehen auf das Jahr 1871 zurück, in dem die Brüder Adolf, Carl und Hermann Reichenstein ihre Korbmacherei so erweiterten, dass sie Kinderwagen herstellen konnten. 1880 kamen Fahrräder hinzu und in den 1930er-Jahren war Brennabor der größte Kinderwagen-Hersteller Europas. Seit 1903 entstanden in dem Werk auch Autos.

Brennabor
Uli Jooss-Kaiser
Ein Modell von Brennabor - der Hersteller war in den frühen 1920er-Jahren Deutschlands größter Autohersteller.

Von Anfang bis Mitte der 1920er-Jahre war Brennabor der größte deutsche Autohersteller – die Brandenburger hatten als einer der ersten deutschen Hersteller die Fließband-Produktion eingeführt. Die Autos reichten vom bis 1911 gebauten Typ A1 über das Oberklassemodell Juwel 8 mit Achtzylinder-Reihenmotor (1930 bis 1932) bis hin zum Typ F, der nur 1933 vom Band lief. Während des Zweiten Weltkriegs produzierten die Werke Rüstungsgüter und beschäftigten Zwangsarbeiter. 1945 endete die Unternehmensgeschichte Brennabors. Auf Befehl der sowjetischen Militärverwaltung erfolgte die Abwicklung und Demontage des im Krieg stark zerstörten Werks.

Brandenburger Traktorenwerke

Auf dem ehemaligen Brennabor-Werksgelände entstanden 1948 die Brandenburger Traktorenwerke. Diese stellten bis 1964 Rad-Traktoren wie den RS03 „Aktivist“ und Ketten-Traktoren wie den KS07 „Rübezahl“ her, ab 1957 fertigten die Arbeiter der Traktorenwerke auch den Elektrogabelstapler EFG 1000. Später firmierte die Firma als VEB Getriebewerk Brandenburg, das seit 1991 eine Tochter von ZF Friedrichshafen ist.

Brandenburger Traktorenwerke, Dieselschlepper Aktivist
Brandenburger Traktorenwerke
Die Brandenburger Traktorenwerke bauten unter anderem den Dieselschlepper Aktivist.

Grade Automobilwerke

Hans Grade hieß der Maschinenbauer und Flugpionier, der 1921 in Bork (heute Borkheide) den Kleinwagen-Hersteller Grade Automobilwerke gründete. Grade hatte sich vorher dem Flugzeugbau verschrieben, musste diesen aber im Zuge des Versailler Vertrages aufgeben. Also verlegte er sich auf den Autobau und stellte bereits im Jahr der Firmengründung auf der IAA in Berlin den offenen Zweisitzer Grade F1 mit zwölf PS aus einem Einzylinder-Zweitaktmotor vor. Letztes Modell war der viersitzige Grade F 4 A mit 24 PS aus einem Vierzylinder-Zweitaktmotor. Nach 2.000 bis 2.500 Fahrzeugen, die genaue Zahl ist nicht bekannt, endete die Produktion 1928.

Altmann Kraftfahrzeug-Werke

In einer sehr frühen Phase des Automobilbaus mischten für nur zwei Jahre die Altmann Kraftfahrzeug-Werke aus Brandenburg an der Havel mit. Gründer Adolf Altmann entwickelte und baute von 1905 bis 1907 Dampfautomobile, die im Vergleich zur Konkurrenz als fortschrittlich galten. Die mit Dreizylinder-Dampfmaschinen ausgerüsteten Altmann-Modelle hatten eine Vorrichtung zur Steuerung der Ventilöffnungszeiten und ein System zur Rückführung des Kondensats in den Dampfkessel – Dampfwagen-Weltmarktführer Stanley Motor aus dem US-Bundesstaat Massachusetts führte die Rückgewinnung beispielsweise erst 1915 ein. Außerdem baute Altmann ein Elektroauto, über das heute fast nichts mehr bekannt ist. Nach einem tödlichen Arbeitsunfall des Unternehmensgründers musste die Firma schließen.

Altmann, 1905
Altmann
Die Altmann Kraftfahrzeug-Werke aus Brandenburg an der Havel bauten bereits seit 1905 Autos.

Nathan-Wagen

Fritz Nathan gründete den Autohersteller Nathan Wagen 1923 in Potsdam. Vorher hatte er bereits Erfahrungen beim Berliner Autoproduzenten Lindcar gewonnen. Schon im Gründungsjahr stellte die Firma ihre ersten Automobile vom Typ Nawa her. Die kleinen Roadster hatten eine große Ähnlichkeit mit denen, die Fritz Nathan aus seiner Zeit bei Lindcar kannte. 1924 gründete Nathan zusammen mit einem Partner die Nowa-Werke – ebenfalls in Potsdam.

Nowa-Werke

Die Nowa-Werke gingen 1924 aus dem Autohersteller Nathan-Wagen hervor, deren Leiter Fritz Nathan auch die Leitung der neuen Werke übernahm. 1925 zeigte das Unternehmen auf der Berliner Automobilausstellung fünf Modelle des Typs Nawa. Die Motoren kamen von den Steudel-Werken aus dem sächsischen Kamenz, bei den Karosserien konnte der Kunde zwischen Varianten mit zwei oder vier Sitzen wählen. Nach der Produktion von zirka 200 Autos schlossen die Nowa-Werke Ende August 1926.

Corona-Werke

Die Corona-Werke aus Brandenburg an der Havel bauten bereits 1901 Autos – und zwar zunächst dreirädrige Kleinwagen. Ab 1904 gab es das Coronamobil, das einem dreirädrigen Motorrad ähnelte und einen von Fafnir aus Aachen zugelieferten 3,5-PS- oder 4,5-PS-Einzylinder-Motor hatte. Größere Automobile kamen 1905 hinzu. Deren stufenlose Reibrad-Antriebe baute Corona mit einer Lizenz des Nürnberger Fahrzeug-Unternehmens Maurer-Union. 1909 schloss Maurer-Union, womit auch Corona seine Automobilproduktion einstellte.

Corona-Werke, Coronamobil
Corona-Werke
Seit 1904 bauten die Corona-Werke das dreirädrige Coronamobil.

Kondor Fahrradwerke

Ein Einbruch bei der Fahrrad-Nachfrage führte bei den Kondor Fahrradwerken aus Brandenburg an der Havel 1899 zu dem Plan, Umsatzrückgänge mit der Produktion von Autos auszugleichen. Die Produktion von Kleinwagen begann 1900 – auf Automessen in Nürnberg und Leipzig bekamen die vorgestellten Fahrzeuge umgehend Preise. Testfahrer waren begeistert – so schwärmte ein Robert Solle aus Magdeburg am 1. August 1900 in einem Brief an die Kondor Fahrradwerke: „Nach beendigter Probefahrt des durch Ihre hiesige Vertretung gekauften 3 HP Motorwagens kann ich Ihnen mitteilen, dass der Wagen die Strecke von Brandenburg nach hier ohne die geringste Störung durchlief und ich bin ganz entzückt von der tadellosen, gleichmäßigen Funktion des Motors und von der überaus einfachen und leichten Handhabung des Betriebes und des Steuerungs-Mechanismuses.“­

Ein Kondor-Zweisitzer erregte durch einen zweiten Platz bei der Fernfahrt Berlin-Aachen Aufsehen – die Fahrt dauerte vom 30. August bis zum 2. September 1900. Aber zum einen waren die Kosten höher als der Gewinn, zum anderen blieb der Absatz trotz der Messe-Auszeichnungen und der werbeträchtigen Fernfahrt hinter den Erwartungen zurück. Deshalb saß die Gesellschaft Ende 1901 auf fast einer Millionen Mark Schulden und löste sich auf.

Kondor Fahrradwerke 3 HP
Kondor Fahrradwerke
Kompaktes Auto aus dem Jahr 1900: Der 3 HP von den Kondor Fahrradwerken aus Brandenburg an der Havel.

Jetcar

Das Jetcar ist ein stromliniengünstiges Kabinen-Auto aus dem aktuellen Jahrtausend. 2003 gründeten die Brüder Christian Wenger-Rosenau und Michael Wenger im nordbrandenburgischen Neuruppin die Jetcar Zukunftsfahrzeug GmbH, um energiesparende windschlüpfige Autos zu bauen. Das Modell Jetcar 2.5 gab es mit Benzin und Dieselmotor, später war auch eine elektrische Variante im Programm. Die Flitzer waren kein Schnäppchen – sie kosteten zwischen 48.000 und 80.000 Euro. Wie viele Jetcars in der Neuruppiner Manufaktur entstanden, ist nicht bekannt. Anscheinend lohnten sich die Geschäfte für Geschäftsführer Christian Wenger-Rosenau nicht mehr, am 07. Mai 2013 kam es zur Auflösung der Jetcar Zukunftsfahrzeug GmbH, seit dem 04. April 2014 ist die Gesellschaft liquidiert. Die Jetcar-Website ist allerdings noch online – zu kaufen gibt es die Autos aber seit 2013 nicht mehr. Unter der alten Jetcar-Adresse erreicht man inzwischen Wenger-Rosenaus Planungsbüro für Windkraftanlagen.

Jetcar 2.5
Jetcar Zukunftsfahrzeug GmbH
Das stromlinienförmige Jetcar 2.5 entstand in Handarbeit in Neuruppin.

Bootswerft Zeppelinhafen

Natürlich baute die Bootswerft Zeppelinhafen GmbH aus Potsdam vor allen Dingen Boote – aber die Werft bot seit ihrer Gründung im Jahr 1923 auch einfache Autos an. Das angebotene Fahrzeug hieß B.Z. und war ein sogenanntes Cyclecar, also kleines leichtes Auto mit Rädern, die denen von Fahrrädern ähnelten. Die Motoren stammten oft von Motorrädern – der B.Z. fuhr beispielsweise mit einem BMW-Zweizylinder-Boxermotor mit sechs PS. Der B.Z. war 2,9 Meter lang und wog dank seiner Aluminium-Karosserie nur 300 Kilogramm. Die Auflösung des Boots- und Autobauers erfolgt 1924, also bereits ein Jahr nach seiner Gründung.

Märkische Kraftfahrzeugfabrik Carl Knöllner

Die Märkische Kraftfahrzeugfabrik existierte von 1922 bis 1927 und stellte zwischen 1924 und 1925 in Ravensbrück eine geringe Anzahl dreirädriger Kleinwagen her, bei denen das einzelne Rad hinten angeordnet war. Die Modelle hießen Carolette und hatten zwei Sitze in Tandemanordnung. Als Antrieb dienten unter anderem 18-PS-Motoren von Helios Automobilbau aus Köln-Ehrenfeld. Das Auto brachte es auf ein Leergewicht von gerade mal 240 Kilogramm. Außerdem war ein vierrädriger Kleinwagen mit 12-PS-Motor im Angebot.

Tesla Model 3
Tesla
Das Model 3 produziert Tesla in seiner Gigafactory Berlin, die im Bundesland Brandenburg liegt.

Schütte-Lanz-Werke

Karl Lanz und Johann Schütte gründeten 1909 in Mannheim den Luftschiff-Hersteller Schütte-Lanz. Im Brandenburgischen Zeesen betrieb Schütte-Lanz ein Zweigwerk zur Produktion von Flugzeugen und Karosserien für Autos. Zwischen 1922 und 1924 baute Schütte-Lanz in Zeesen mit dem S.L. auch einen kompletten Personenwagen, der mit 14 PS motorisiert war. Währenddessen prozessierte Johann Schütte gegen den Reichsfiskus und gegen die Luftschiffbau Zeppelin GmbH, auf eine Entschädigung für die Nutzung seiner Luftschiff-Patente während des Ersten Weltkriegs. Der Prozess endete allerdings nicht in einer Entschädigungszahlung, sondern in einem für Schütte eher ungünstigen Vergleich. Neue Einnahmen durch den Bau von Luftschiffen waren nicht mehr möglich, da der Versailler Vertrag deutschen Herstellern die Luftschiff-Fertigung verbot. Schütte musste Konkurs anmelden und die Automobilproduktion einstellen. Mit deren Ende verschwand Schütte-Lanz wieder aus Zeesen. In Brühl bei Mannheim existierte die inzwischen unter anderem mit Sperrholzbau befasste Firma unter dem Namen Finnforest Schütte-Lanz noch bis Ende 2007.

Mercedes-Benz Ludwigsfelde GmbH

Bereits zwischen 1936 und 1945 baute die damalige Daimler-Benz Motoren GmbH im am Rand von Ludwigsfelde gelegenen Flugmotorenwerk Genshagen Flugzeug-Motoren. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs befahl die sowjetische Militärverwaltung die Demontage der Fertigungsanlagen und die Sprengung der Produktionshallen. 1952 gründete die DDR die Industriewerke Ludwigsfelde zur Herstellung von Schiffsdieseln und Motorrollern. 1965 nahmen dann der VEB IFA-Automobilwerke Ludwigsfelde seinen Betrieb auf und begann mit der Fertigung des legendären DDR-Lkws IFA W50, 1987 kam der weiterentwickelte L60 hinzu. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands übernahm Daimler mit seiner Tochter Mercedes-Benz Ludwigsfelde schrittweise den Nutzfahrzeughersteller und produzierte dort unter anderem zwischen 2001 und 2005 den Hochdachkombi Mercedes Vaneo (W 414). Aktuell läuft in Ludwigsfelde beispielsweise der Mercedes Sprinter vom Band.

Mercedes Vaneo
Daimler
Die Mercedes-Benz Ludwigsfelde GmbH baute den Hochdachkombi Vaneo von 2001 bis 2005 in Ludwigsfelde.

Fazit

Automobilbau gab es in Brandenburg schon lange vor Teslas Ankündigung, in Grünheide die „Gigafactory Berlin“ zu errichten. Es gab sogar Automarken, die ursprünglich aus Brandenburg kamen – mit Altmann und Jetcar hatten zwei bereits ein Elektroauto im Programm. Die ersten begannen bereits 1900 mit der Produktion, andere waren durch die Versailler Verträge zum Aufgeben ihrer Flugzeug- und Luftschiff-Herstellung gezwungen und sattelten auf den Automobilbau um. Wirtschaftlich erfolgreich waren die meisten nicht, die wenigsten hielten bis zur Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er-Jahre durch.

Wer den zweiten Weltkrieg überstand, hatte Pech mit der Lage: Die sowjetische Militärverwaltung ließ als Reparationsleistung Maschinen demontieren. Außerdem ordnete sie die Sprengung von Werken an, die an der Produktion von Rüstungsgütern, oft unter dem Einsatz von Zwangsarbeitern, beteiligt waren. Firmen, die sich nicht rechtzeitig in die Besatzungszonen der Westalliierten absetzen konnten, hatte einen ungleich schwierigeren Nachkriegs-Start. Zwar forderten auch die Westalliierten Reparationen, aber in einem deutlich geringeren Maße. Außerdem trat 1948 der Marshallplan in Kraft, der mit US-Krediten unter anderem den Wiederaufbau einer wettbewerbsfähigen Industrie in den westlichen Besatzungszonen und der späteren Bundesrepublik unterstützte.

In der Nachkriegszeit waren in Brandenburg vor allen Dingen Nutzfahrzeug-Hersteller erfolgreich. Mercedes baut in Ludwigsfelde aktuell Lkw. Sollte Tesla in seiner Brandenburger Gigafactory tatsächlich einen Ausstoß von 500.000 Fahrzeugen pro Jahr erreichen, wären die Amerikaner auf einen Schlag mit Abstand Brandenburgs größter Fahrzeugproduzent.

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