Mercedes VLE: Ein V-Klasse-Nachfolger als neue S-Klasse für China?

Mercedes VLE300 und VLE400 4Matic
Der V-Klasse-Nachfolger ist die bessere S-Klasse

ArtikeldatumVeröffentlicht am 10.03.2026
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In China hat die klassische Limousine als Statussymbol ausgedient: Statements setzt man dort mit Luxus überfrachteten Vans. Das zeigen auch die Zulassungszahlen der S-Klasse in Fernost. Damit Mercedes wieder vorne mitmischen kann, haben die Schwaben ihren einstigen Van und Transporter neu aufgelegt und alles dafür getan, dass der ehemalige Lieferwagen sein rumpeliges Handwerker-Image ablegt.

Das beginnt bereits beim Namen, denn die neue V-Klasse hört auf den Namen VLE und hat eine eigens gezeichnete Karosserieform bekommen. Die ist nicht ganz so kastig und soll sich so vom nachfolgenden Transporter Vito stärker abheben. Die Basis für beide liefert die modulare und skalierbare E-Architektur VAN.EA, die, wie der Name (EA = Electric Architecture) verrät, für den Einsatz von Elektroantrieben ausgelegt ist. Später will Mercedes über die nachträglich entwickelte VAN.CA (Combustion Architecture) Verbrenner-Modelle nachgereichen.

Abmessungen des V-Klasse-Nachfolgers

Bei der Länge geht Mercedes in die Vollen: 5,31 Meter misst der Van, den Mercedes am liebsten nur als Grand Limousine bezeichnet. Das sind 17 Zentimeter mehr als der Vorgänger (Baureihe 447), den Mercedes seit 2014 gebaut hat. Dazu passt auch der lange Radstand von 3,34 Metern (14 Zentimeter mehr als der Vorgänger). Höhe und Breite liegen etwa auf dem Niveau des Vorgängers mit 1,92 und 2,00 Meter. Für die Stirnfläche ergibt das rund 3,4 Quadratmeter. Der cW-Wert liegt bei beachtlichen 0,25, was sich positiv auf die Reichweite auswirkt. Eine noch längere Version wollen die Schwaben ebenfalls nachreichen. Hinweise auf den Längenzuwachs könnte der VLS geben, dessen Basisversion wohl rund 5,50 Meter messen soll.

Der Innenraum dankt es schon jetzt. Je nach Ausstattung bekommt man bis zu 4078 Liter Stauraum unter. Da das Leergewicht allerdings schon bei rund 3 Tonnen liegt (knapp 700 Kilo allein für die Batterie), sollte man eher auf den Transport von Leergut setzen oder aber Personen – und genau das ist erklärtermaßen das Ziel von Mercedes.

Neue Sitze für mehr Variabilität

Innen gibt sich der VLE als Verwandlungskünstler. Vom Zweisitzer bis zum Achtsitzer ist alles konfigurierbar. Ein echtes Highlight sind dabei die herausnehmbaren Einzelsitze, genauer: ihr sogenanntes Roll & Go-System, mit dem sich die Sitze nicht nur nach dem Ausbau entspannt durch die Garage schieben, sondern auch spielend leicht einbauen lassen (siehe Video). Zudem sind sie deutlich leichter als die des Vorgängers, was das den Umbau des Wagens zum kleinen Alltagsluxus macht.

Noch mehr Luxus verströmen die Grand Comfort-Sitze. Mit integrierter Ladeschale fürs Handy, Wadenauflage und Massagefunktion erinnern sie mehr an Sitze der First als an das Gestühl eines Transporters. Spätestens hier werden die S-Klasse-Ambitionen des VLE deutlich. Das Besondere ist allerdings die Verankerung im Boden: Auf elektrisch verstellbaren Schienen lassen sich die Sitze einzeln bewegen – und das sogar per App. Mercedes nennt das Sitzballett. Das sieht nicht nur adrett aus, sondern soll vor allem den Aus- und Einstieg sowie das Raumgefühl verbessern. Falls das noch nicht reicht, kommt der geräumige Fond mit einem üppigen Panoramadach, das von der B-Säule bis zum Heck reicht und zum Marktstart für alle Modelle Serie ist. Eine günstigere Stahldachvariante soll später nachgereicht werden.

Apropos Ein- und Ausstieg: Der VLE kommt immer mit zwei elektrischen Schiebetüren mit voll versenkbaren Seitenscheiben, was im Familienalltag und Shuttleverkehr ein echter Pluspunkt sein dürfte.

Infotainment und Displays

In Sachen Infotainment erkennt man ebenfalls, dass Mercedes den VLE im Pkw-Segment platzieren will. Neben der neuesten MB.OS-Version geht auch die übliche Display-Eskalation an den Start: Hinter dem Lenkrad gibt es einen 10,25 Zoll-Bildschirm und rechts daneben kommen optional bis zu zwei 14-Zoll-Touchscreens für Fahrer und Beifahrer aufs Armaturenbrett. Letzterer darf während der Fahrt streamen oder zocken, während das System per Kamera sicherstellt, dass der Fahrer nicht zu tief in den Spielfilm des Nachbarn schaut.

Noch mehr Screentime verspricht der Fond. Ein ausfahrbarer 31,3-Zoll-Panorama-Screen mit 8K-Auflösung klappt bei Bedarf aus dem Dachhimmel. Zusammen mit einem Burmester 3D-Soundsystem (22 Lautsprecher, Dolby Atmos) wird der Bus zum mobilen Kinosaal mit WLAN und HDMI-Schnittstelle. Für die Kommunikation sorgt ein MBUX Virtual Assistant, der dank ChatGPT- und Google-Gemini-Integration nun auch komplexere Gespräche führen können soll – falls man sich während der Fahrt mit seinem Auto über den Sinn des Lebens unterhalten möchte. Wer die Fahrten produktiver nutzen will, kann das Display und die darin integrierte Webcam für Teams-Meetings nutzen – bei Bedarf sogar mehrere gleichzeitig, falls die Passagiere in der zweiten Reihe parallel unterschiedliche Verpflichtungen haben.

Auch bei den Assistenten wird deutlich, wie wichtig Mercedes der Wunsch war, aus der doch eher robusten V-Klasse eine waschechte Pkw-Konfiguration zu zimmern. Denn Funktionen wie der Einparkassistent arbeiten auf Pkw-Niveau: vorwärts, rückwärts, seitwärts einparken? Alles kein Problem! Auswahl der Parklücke auf dem Display? Ein Klick genügt und der VLE zirkelt in die vorgegebene Parkbucht und richtet sich dabei nicht nur an den anderen Autos aus, sondern tatsächlich an den Parkplatzmarkierungen. Automatisches Ausparken aus der engen Lücke oder Zurücksetzen in einer engen Gasse? Ebenfalls möglich – und das bis zu 150 Meter.

Mercedes VLE mit Luftfahrwerk und Hinterachslenkung

Technisch ist damit aber lange nicht Schluss. Auf Wunsch gibt es den VLE mit Luftfederung, die das Niveau um bis zu 40 mm variieren kann. Damit lässt es sich nicht nur bequemer einsteigen, sondern weniger Höhe beim Fahren vergrößert auch die elektrische Reichweite. Hierzu nutzt das System Kartendaten von Google Maps und senkt das Fahrzeug bei passender Strecke ab, um den Luftwiderstand zu verringern.

Ein echter Alltagshelfer in dieser Fahrzeugklasse ist die Hinterachslenkung. Sie drückt den Wendekreis des 5,31 Meter langen Vans auf das Niveau einer Kompakt-Limousine, indem sie die Hinterräder um bis zu 7,3 Grad einlenkt. Bordstein zu Bordstein schreibt Mercedes dem Fahrzeug 10,9 Meter ins Datenblatt, sodass selbst Tiefgaragen und verwinkelte Innenstädte nicht zum Endgegner werden.

415 PS, 2,5t Anhängelast & 700 km Reichweite

Zum Start tritt der VLE 300 mit Frontantrieb und 200 kW (272 PS) an. Wer mehr Kraft benötigt, muss auf den VLE 400 4Matic warten: Der Allradler leistet 305 kW (415 PS) und wuchtet den Koloss in 6,5 Sekunden auf Tempo 100. Der Topspeed liegt bei 180 km/h. Wie beim CLA setzt der Van auf permanenterregte Synchronmaschinen (PSM), wobei sich die vordere beim 4Matic ebenfalls abkoppeln lässt, um Energie zu sparen.

Der Strom kommt bei beiden aus einer NMC-Batterie mit 115 kWh (netto). Der VLE300 kommt so auf über 700 Kilometer Normreichweite, der Allradantrieb kostet rund 40 Kilometer Reichweite. Im nächsten Jahr folgt eine günstigere Variante mit 80-kWh-LFP-Akku für den VLE 250 und VLE 350, die dürfte dann rund 500 Kilometer weit kommen.

Im Anhängerbetrieb kommt der VLE freilich nicht ganz so weit, erwähnenswert ist aber, dass der Van als VLE300 bis zu 1000 Kilo Anhängelast wegsteckt und als VLE400 4Matic sogar bis zu 2,5 Tonnen. Selbst Ausfahrten mit dem Pferdeanhänger oder Wohnwagen steht also nichts im Weg.

Denn auch beim Laden ist der VLE ein echtes Upgrade zum Vorgänger EQV. Durch die 800-Volt-Architektur kommt der VLE mit NMC-Akku auf bis zu 315 kW Ladeleistung. Für den Ladehub von 10 auf 80 Prozent SoC benötigt er unter Idealbedingungen rund 25 Minuten. Nach 10 Minuten an der Schnellladesäule steigt die Reichweite laut Datenblatt um bis zu 248 km. Wer zu Hause laden will oder an öffentlichen AC-Ladern freut sich über den serienmäßigen 22-kW-Onboard-Charger.

Markstart und Preise

All die Technik hat allerdings ihren Preis. Zum Marktstart im Sommer werden für den VLE300 in der Basis mindestens 80.000 Euro fällig. Den VLE 400 mit Allradantrieb gibt es etwas später ab rund 94.000 Euro. Insgesamt ist das ein amtlicher Preisanstieg zur bisherigen V-Klasse, die es derzeit ab rund 65.000 Euro gibt. Laut Mercedes-Vans-Chef Thomas Klein hat Mercedes das aber im Blick. "Der VLE300 wird nicht die Basis bleiben. Als Einstieg reichen wir den VLE250 mit LFP-Akku und etwas weniger Reichweite nach. Der wird dann bei knapp 68.000 Euro und damit auf dem Niveau der aktuellen Basis-V-Klasse liegen."

Fazit