Mercedes Vision AVTR Mitfahrt Daniel Maurer/Mercedes-Benz AG;
Mercedes Vision AVTR Mitfahrt
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Mercedes Vision AVTR Mitfahrt 19 Bilder

Mitfahrt Mercedes Vision AVTR (2020)

Ist das Kunst oder fährt das weg?

Ein Auto aus einem Science-Fiction-Film. Kann das gut gehen? Ja – wenn man sich daran gewöhnt, dass das Ding völlig anders fährt, als gedacht. Aber der Reihe nach.

Wie das aussieht, wenn sich ein sehr etablierter Premium-Autohersteller mit einer sehr ambitionierten Hollywood-Produktion zusammentut, weiß ich seit der Weltpremiere des Mercedes Vision AVTR auf der CES 2019. Wie sowas fährt, wusste ich bis heute nicht. Weil eben selten fährt, was so aussieht, als sei es direkt aus einem Science-Fiction-Film geplumpst. Aber so kann man sich täuschen. Denn der Vision AVTR fährt sehr wohl. Allerdings nur auf einer abgesperrten Strecke und mit maximal 30 km/h. Was die Sache aber auf keinen Fall entspannter macht. Denn was das "Auto” auf der Straße macht, muss man mögen. Die Sache mit dem fehlenden Lenkrad – geschenkt. Ich saß auch schon in vollautonomen Kleinbus-Würfeln. Da gewöhnt man sich dran.

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Daniel Maurer/Mercedes-Benz AG;
Das Joypad ersetzt im Vision AVTR das Lenkrad. Nachdem die Hand aufgelegt wurde, immitiert das Fahrzeug den Herzschlag des Fahrers.

Den Herzschlag in der Hand

Der Vision AVTR fährt aber nicht autonom, auch wenn er es in der Theorie, bzw. ferner Zukunft kann. Hier und heute wird die Studie im S-Klasse-Format über ein zentrales Bedienelement zwischen den beiden Vordersitzen gesteuert. Das so genannte Joypad erinnert an eine umgedrehte Tupperdose und fühlt sich auch ziemlich genauso an. Sehr gewöhnungsbedürftig: Beim Erstkontakt mit dem Fahrer (der kann links oder rechts sitzen), immitiert das Ding pulsierend deinen Herzschlag. Das passt zur Idee der AVATAR-Filme, in der sich die strahlend blauen Mitglieder des Volks der Na’vi symbiotisch mit allerlei Organischem zusammentun können, will aber einfach nicht zur sehr irdischen Kulisse des Fahrsicherheitszentrums am Baden Airpark passen.

Auto oder Tier? Gute Frage

Dafür ist das Licht in dem ehemaligen Flugzeughangar ganz nett, der dem Science-Fiction-Benz für heute als Basis dient. Im schummrigen Nichts der XXL-Blechgarage kommt die sehr extravagante Beleuchtung des 5,5 Meter langen Vision AVTR ziemlich gut zur Geltung. 20.000 LED sorgen dafür, dass du im Dunkeln garantiert nicht an deinem Auto vorbeiläufst. Wobei der Daimler mit den Hollywood-Wurzeln sich nicht einfach an- oder ausknipst, sondern auf seinen künftigen Insassen reagiert. Sobald du in seine Nähe kommst, signalisiert dir ein leichtes LED-Glimmen, dass dich irgend ein Stück der automobilen Intelligenz bereits auf dem Radar hat. Bei jedem weiteren Meter verstärkt sich der Effekt, bis dann zum Schluss das ganz Auto leuchtet wie eine Lavalampe auf Ecstasy. Und weil das den Mercedes-Designern und ihren Hollywood-Kumpels offensichtlich noch nicht Drama genug war, gibt’s am Heck des 2,4 Meter breiten Riesen-Gleiters noch 33 einzeln beleuchtete, hexagonale "Flaps”, die sich mit einem großartigen Servo-Surren zu ihrem Gast hin ausrichten. Die Mini-Spoiler sind in alle Richtungen beweglich und können ganz profan den Abtrieb des Fahrzeug vergrößern, dienen aber eben auch der Kommunikation mit der Umgebung. Wie ein Tier, das die Ohren aufstellt oder sein Fell sträubt, wird der Fahrer von den zusätzlichen Flügelklappen begrüßt. Ich widerstehe der Versuchung, die aufgestellten und zu mir hin geneigten Sechsecke glattzustreicheln. Vielleicht habe ich Angst, etwas kaputtzumachen. Vielleicht fürchte ich mich aber auch einfach davor, dass das Ding dabei anfängt zu schnurren.

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Science-Fiction-Kino: Acht Beamer ersetzen nicht nur die Heizung, sie verwandeln das Cockpit in eine HD-Leinwand.

Wer vorne sitzt, kann fahren

Dann lieber raus aus der Schummrigkeit und ab auf die Piste. Die beiden riesigen Plexiglas-Türen schwingen nach schräg-oben weg und geben den Weg auf die beiden sehr weißen und sehr komfortablen Liegestühle. In der Theorie sind das Fahrer- und Beifahrersitz, wobei man sich weder in der automobilen Zukunft, noch bei den Na’vi mit derlei Banalitäten beschäftigt. Wer vorne sitzt, hat den besten Blick auf Landschaft und Einrichtung, die sich im Grunde auf eine schwebende weiße Mittelkonsole samt Armaturenträger beschränkt, die beide durch den Innenraum wachsen. Dieses so genannten "One Bow"-Design stammt im Kern von den Flugechsen, mit denen die blauen Na’vi in Avatar unterwegs sind und soll natürlich möglichst lebendig wirken. Natürlich ist der gesamte Innenraum vegan eingerichtet, die Beplankung des Bodens besteht aus einem speziellen Holz namens Karuun auf Rattan-Basis. Der wächst sehr schnell und wird in Indonesien von Hand geerntet. Die Sitze sind mit einer Mikrofaser bezogen, die komplett auf aus recycelten Plastikflaschen besteht.

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Statt über Displays oder Sprache, werden die Fahrzeugfunktionen per Geste ausgelöst. Die entsprechenden Funktionen projiziert ein Beamer auf die Handfläche.

Die Hand als Display

Was man mit so vielen leeren Flächen in einem Cockpit anfangen kann, zeigt sich, wenn die Light-Show dem Passagier von der Karosserie in den Innenraum folgt. Dann das Cockpit zum Kino. Hochauflösende Beamer projizieren mystisch-bunten Hollywood-Kitsch auf Mittelkonsole und Armaturenträger. Genug davon? Dann kurz die Hand heben und schon schmeißt die integrierte Gestensteuerung den nächsten Beamer an. Der projiziert das Logo des aktuellen Programms auf die Handfläche. Ein Wischer in der Luft wechselt die Szene, die geschlossen Faust startet das Programm. Hat was. Echt jetzt.

Ausgefallen, aber intuitiv

Ich würde jetzt trotzdem gerne fahren. Sprachsteuerung? Gibt’s nicht. Wer los will, braucht das bereits erwähnte Joypad zwischen den Vordersitzen. Hand drauf, schon fährt die Tupperschüssel ein Stück nach oben, surrt und vibriert zur Begrüßung, dann pulsiert sie im Takt meines Herzschlags. Nichts in meinem Autofahrer-Hirn will ernsthaft daran glauben, dass man damit ein Auto steuern kann. Kann man aber. Und zwar gar nicht mal so schlecht. Weil’s erstaunlich intuitiv funktioniert: Im Grunde immitiert die umgedrehte Plastikschüssel den Blick von oben aufs Auto. Wer Hand und Joypad nach vorne drückt, beschleunigt. Hand nach hinten: bremsen. Hand nach links neigen: Linkskurve. Hand nach rechts neigen: Rechtskurve. Und ja, das ist in der Praxis exakt so simpel, wie es sich anhört.

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4 Einzelstücke: Weil kein klassischer Reifenhersteller die beinahe kugelförmigen "Bubble Wheels" bauen wollte, haben die Material-Experten bei Mercedes die Walzen selbst angerührt.

Riesen-Räder mit wenig Komfort

Wir schnurren langsam aus dem Hangar und scheppern unsanft über die Kante, die den Übergang zur Straße markiert. Ja, so fühlt sich das an, wenn du auf riesigen Gummikugeln durch die Gegend fährst, die zwar wahnsinnig beeindruckend aussehen, aber wahnsinnig wenig Federungskomfort bieten. Geschenkt. Ehrlich gesagt sind sie Mercedes froh, die gewaltigen Walzen überhaupt hinbekommen zu haben. Anfragen bei den üblichen Reifen-Herstellern verliefen ergebnislos, erst die hauseigenen Materialentwickler konnten helfen.

Krebsgang? Nix für Normalos

Also vergessen wir mal den rustikalen Abrollkomfort und freuen uns darüber, ganz ohne Lenkrad saubere Kurvenradien fahren zu können. Egal wie weit die Idee mit so einer Lenkrad-Alternative auf der Mittelkonsole auch in der Zukunft liegen mag – daran kannst du dich gewöhnen. An den so genannten Krebsgang nicht. Weil im Vision AVTR vier radnahe Elektromotoren verbaut sind und auch die Hinterachse frei lenkbar ist, geht’s eben nicht nur vorwärts, rückwärts, links und rechts, sondern auch um ungefähr 30 Grad seitwärts. Gesteuert wird die Aktion ebenfalls übers Joypad, das dazu nach links oder rechts verdreht wird. Und weil sich klassische Kurvenfahrt und Krebsgang frei miteinander kombinieren lassen, entstehen abenteuerliche Fahrmanöver. Heißt: spätestens beim ersten Krebsgang-Drift bist du heilfroh, dass das Einzelstück maximal 30 km/h schafft. Weil sich dein auf klassische Kurven konditionierter Gleichgewichts-Sinn schlicht weigert, auf diese Art und Weise um eine Kurve zu … ja was eigentlich? Fahren? Schieben? Driften? Nichts davon. Und eigentlich ist es auch egal. Es fühlt sich kaputt an. Der Mercedes-Ingenieur, der zur Sicherheit mit ihm Auto sitzt, grinst derweil verschlagen in seine Corona-Maske und legt allergrößten Wert darauf, dir jedes Prozent der Krebsgang-Fähigkeit zu vermitteln. Sadist!

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33 sechseckige Mini-Spoiler, so genannte "Flaps", haben nicht nur Einfluss auf die Aerodynamik des Vision AVTR, so dienen auch der Kommunikation mit der Umgebung.

Visionär oder überflüssig?

Die Revanche kommt, als es um Details zum Antrieb geht. Alles Handarbeit. Vier insgesamt 350 kW starke Elektromotoren. Klassische Lithium-Ionen-Akkus statt einer komplett neuen Batterietechnologie, die auf graphenbasierter organischer Zellchemie basieren und völlig frei von seltenen Erden und Metallen sein sollte. Die kompostierbare Batterie eine Luftnummer? Ganz sicher nicht. Sie braucht nur noch mindestens 10 Jahre, bis sie auch nur annähernd in ein Auto passt.

Deshalb fährt der Vision AVTR eben vergleichsweise banalelektrisch. Aber er fährt. Und hat tatsächlich die eine oder andere Idee an Bord, die sie bei Daimler für die nächsten Auto-Generationen im Blick haben. Die Interaktion zwischen Fahrer und Fahrzeug, zum Beispiel. Oder die Frage, wie man künstliche Intelligenz ins Auto bekommt, ohne Fahrer und Passagiere mit der schieren Leistungsfähigkeit solcher maximalschlauen Maschinen zu überfordern. Das kann man natürlich verrückt nennen. Überflüssig. Mutig. Visionär. Oder Science-Fiction. Spielt alles keine Rolle. Was zählt, ist die Begeisterung für Technologie. Ohne die sieht es nämlich düster aus, für die automobile Zukunft.

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Sollte der Vision AVTR als Serienauto zurückkehren?
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Bitte nicht. Viel zu gewagt!

Fazit

Was lernen wir aus einem Fahrzeug wie dem Vision AVTR? Auf jeden Fall nicht, wie die nächste S-Klasse, der nächste CLS oder sonst ein Serienmodell aussehen wird. Und auch nicht, wann Autos ganz ohne Lenkrad auf die Straße kommen. Dafür aber, wie wichtig es ist, heute schon ans Übermorgen zu denken. Weil der Blick ganz weit voraus hilft, eingefahrene Pfade zu verlassen. Antworten auf Fragen zu finden, die heute noch kaum gestellt werden. Was davon irgendwann den Weg in die Serie findet? Werden wir sehen, Wenn ich mir was wünschen darf: Der Krebsgang bitte nicht.

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