Es war die 22. Runde beim Grand Prix von Japan. Das Feld schien sich gerade sortiert zu haben. Im Mittelfeld hatte sich ein langer Zug aus mehreren Autos gebildet. Ollie Bearman, der nach einem Problem in der Qualifikation nur von Startplatz 18 losfahren musste, versuchte sich so schnell wie möglich vorzuarbeiten. Das nächste Auto in seinem Weg war der Alpine von Franco Colapinto.
Bei der Anfahrt auf die Spoon-Kurve drückte der Haas-Pilot den Boost-Knopf. Auf der Innenseite wollte er sich am Argentinier mit dem Energie-Vorteil vorbeidrücken. Das optimierte Batterie-Management sieht in der Anfahrt auf Kurve 13 eigentlich vor, dass die Speicher geladen werden. Bearman versuchte seinen Vordermann mit der Aktion zu überraschen.
Das Manöver schien zu gelingen. Colapinto verlor Geschwindigkeit, während der Haas hinter ihm die komplette Energie einsetzte und mit deutlich mehr Tempo angerast kam. Bearman entschied sich, links an seinem Gegner vorbeizufahren. Doch plötzlich zuckte der Alpine von der Ideallinie ebenfalls einen Tick nach links, um seinem Hintermann das Überholen zu erschweren.
Einschlag mit 50G
Bearman wurde von der Reaktion komplett überrascht. Der Tempoüberschuss war so hoch, dass auch ein Notfall-Bremsmanöver nichts mehr gebracht hätte. Der junge Engländer versuchte die Kollision durch eine Ausweichbewegung nach links zu verhindern. Dabei kam er von der Strecke ab. Auf der Wiese gab es bei der hohen Geschwindigkeit kein Halten mehr.
Der Pilot verlor sofort die Kontrolle und war ab diesem Zeitpunkt nur noch Passagier. Sein Auto drehte sich ein halbes Mal um die eigene Achse, trudelte über die Piste zurück und schlug auf der anderen Seite heftig in die Reifenstapel ein. Die Haas-Ingenieure registrierten eine negative Verzögerung von 50G in den Telemetriedaten. Das Auto wurde bei dem seitlichen Crash komplett zerstört.
Nach dem Aussteigen musste Bearman von den Streckenposten abgestützt werden. Sein rechtes Bein hatte offenbar etwas abbekommen. Humpelnd stieg er in das Medical Car. Von da ging es in das Streckenhospital. Nachdem dem Röntgen konnten die Ärzte zum Glück Entwarnung geben. Frakturen wurden nicht festgestellt. Mit einer Stauchung im Knie kam der Unfallpilot noch glimpflich davon.

Beim Angriff auf Colapinto entgleiste der Haas von Ollie Bearman heftig.
Sicherheitsdebatte in der Formel 1
Eine Strafe für Colapinto gab es für die Aktion nicht. Der Argentinier befand sich noch nicht in der Bremsphase, als er die Spur wechselte. Und er war seinem Verfolger auch nicht direkt vor die Nase gefahren. Trotzdem konnte Bearman den Unfall nicht mehr verhindern. Der Speed-Unterschied war einfach zu groß.
Der Crash dürfte dafür sorgen, dass in der Formel 1 noch einmal über die Sicherheit mit der neuen Auto-Generation diskutiert wird. Im Suzuka-Rennen gab es einige Situationen, in denen ein angreifender Fahrer mit deutlich mehr Tempo angeflogen kam. Wenn der Vordermann beim Aufladen seiner Batterien nicht in den Rückspiegel schaut und mitspielt, kann es immer wieder zu brenzlichen Situationen kommen.
McLaren-Teamchef Andrea Stella hatte schon bei den Testfahrten gewarnt, dass der hohe Tempo-Überschuss durch das unterschiedliche Energie-Management bei der Anfahrt auf Kurven heftige Unfälle provozieren könnte. Damals entschieden sich die Formel-1-Verantwortlichen allerdings gegen vorschnelle Regeländerungen, um das Problem zu entschärfen. Diese Debatte dürfte jetzt sicherlich noch einmal neu aufgenommen werden.












