Der deutlich erhöhte Elektroanteil von nahezu 50 Prozent an der Gesamtleistung der neuen Formel-1-Autos bereitet Teams und Fahrern Sorgen. Nach den ersten Testrunden in Barcelona Ende Januar und in Bahrain (11. bis 13. Februar) kristallisieren sich mehrere konkrete Problemfelder heraus.
Besonders kritisch sind die Rennstarts. Um Ladedruck aufzubauen, müssen die Fahrer die Drehzahlen vor der Ampel über mehrere Sekunden hochjagen. Kleine Fehler beim Timing können zu einem Fehlstart führen. Oder das Auto fährt gar nicht erst los und schaltet in den Anti-Stall-Modus. Beim Probestart am Ende der letzten Session am Freitag blieb die Hälfte der Autos einfach stehen, als die Lichter der Ampel ausgingen.
Mehrere Teamchefs, darunter Andrea Stella von McLaren und Ayao Komatsu von Haas, haben deshalb bereits Änderungen am Startablauf gefordert. Eine Möglichkeit wäre es zum Beispiel, die Start-Sequenz der fünf Lichter in die Länge zu ziehen, damit alle Piloten, auch die Fahrer ganz hinten in der Startaufstellung, genug Zeit haben, die komplizierte Prozedur zum Ladedruck-Aufbau rechtzeitig abzuschließen.

Andrea Stella sieht gleich mehrere Problemstellen, die man noch vor dem Saisonstart beseitigen sollte.
Gefahr durch Lift-and-Coast
Stella fordert, dass sich die Verantwortlichen noch vor dem Saisonauftakt in Melbourne auf Änderungen am Reglement einigen. Die einzige Möglichkeit für Last-Minute-Anpassungen wäre die Sitzung der Formel-1-Kommission, in der die Teams zusammen mit der FIA und Rechteinhaber FOM die nötigen Mehrheiten für neue Regelvorschläge bilden können. Das nächste Meeting ist für kommenden Mittwoch (18.2.) in Bahrain geplant.
Das Thema Rennstarts stand in der Vergangenheit schon mehrmals auf der Agenda. Ferrari soll frühzeitig vor Problemen durch den langwierigen Ladedruck-Aufbau gewarnt haben. Weil sich an den Regeln nichts geändert hat, sollen die Italiener angeblich mit einem kleineren Turbo, der schneller hochspult, reagiert haben.
Die Frage lautet, ob Ferrari an Bord ist, wenn jetzt die anderen plötzlich neue Regeln wollen. Stella appellierte an alle Kollegen, dass das Thema Sicherheit über jedem Wettbewerbsinteresse stehen sollte. Die Szenen von den vielen verpatzten Startübungen in Bahrain sollten bei allen Beteiligten die Warnglocken klingeln lassen.

Bei den Startübungen in Bahrain hakte es noch.
Gefahr durch Lift-and-Coast
Auch das frühzeitige Verlangsamen der Autos noch vor den Bremszonen am Ende der Geraden birgt laut Stella ein Gefahrenpotenzial. Wenn das vorausfahrende Auto plötzlich vom Gas geht und der Hintermann noch voll beschleunigt, kann es zu Auffahrunfällen führen. Der Pilot im vorderen Auto kann diese Situationen zum Teil gar nicht vermeiden, weil die Software das Energie-Management automatisch steuert.
Für Stella gibt es noch einen dritten Punkt, der Anlass zur Sorge gibt. Der gelernte Ingenieur berichtet, dass seine Piloten bei den Testfahrten auch bei großem Pace-Vorteil Probleme hatten, mit den neuen Autos Überholmanöver durchzuziehen. Das DRS ist Geschichte. Die aktive Aerodynamik erlaubt nun allen Autos auf bestimmten Geraden das Flachstellen von Front- und Heckflügeln. Verfolger und Vordermann haben damit einen nahezu identischen Luftwiderstand und eine identische Leistung. Überholen wird zur Geduldsprobe.
Der eingeführte Boost-Modus kann das DRS-Defizit bislang nicht kompensieren, da oft schlicht die Energie fehlt. Deshalb wird darüber diskutiert, an welchen Stellschrauben man drehen könnte. Eine Möglichkeit wäre, die maximale elektrische Leistung im Rennen von derzeit 350 kW zu reduzieren. Damit würden die Batterien länger halten und gleichzeitig würde es den Boost-Modus wirksamer machen. Allerdings würde damit die Pace der Autos noch schlechter werden, wenn nicht gleichzeitig die Verbrenner-Power erhöht wird.












