Die Teams und Motorenhersteller haben sich bereits positioniert: Audi, Ferrari, Honda und Red Bull stehen auf der einen Seite. Sie haben sich verbündet, um den Verdichtungstrick von Mercedes so schnell wie möglich wieder verschwinden zu lassen. Dem Silberpfeil-Team soll es angeblich gelungen sein, die Kompression im Betrieb auf ein Verhältnis von 18:1 zu steigern.
Erlaubt ist im neuen Reglement eigentlich nur ein Wert von 16:1. Vorher gab es keine Beschränkung. Doch die Messung erfolgt unter statischen Bedingungen bei moderaten Temperaturen. Erhitzt sich der Motor, dehnen sich einige Komponenten überdurchschnittlich stark aus, wodurch sich die Verdichtung über den Grenzwert erhöht. Das Ergebnis ist eine effizientere Verbrennung und mehr Leistung. Von 15 bis 20 PS ist die Rede.
Weil der Trick mehrere Zehntel an Rundenzeit bringen soll, laufen die Gegner Sturm. Mit vier zu eins hat die Fraktion eine sogenannte Super-Mehrheit zusammen. Sie könnten damit auch gegen den Widerstand von Mercedes eine kurzfristige Regeländerung zum Saisonstart durchdrücken. Allerdings müssen auch die Formel 1 und die FIA zustimmen.
Erste offizielle FIA-Reaktion
Bisher hatte sich der Weltverband weitestgehend aus der öffentlichen Diskussion rausgehalten. Doch kurz vor dem Start in die erste offizielle Testwoche in Bahrain (11. bis 13. Februar) hat die Überwachungsbehörde ein Interview mit Technikchef Nikolas Tombazis auf dem hauseigenen YouTube-Kanal veröffentlicht.
Darin erklärte der Ingenieur zunächst, warum man im Gegensatz zum Vorjahr überhaupt einen Grenzwert festgelegt hat: "Wir wollten, dass die neuen Hersteller auf einem fairen Level mitkämpfen können. Sonst hätte die Gefahr bestanden, dass sie direkt mit einem Rückstand gestartet wären. Mit dem Budgetdeckel wäre es dann sehr schwer, diesen Rückstand wieder aufzuholen. Die Herausforderung ist so schon groß genug. Deshalb wollten wir in bestimmten Bereichen eine Vereinfachung und auch eine Kostenreduzierung erreichen."
Dass die Regeln mit dem beschriebenen Messverfahren eine Lücke aufweisen, wurde den Schiedsrichtern erst jetzt bewusst: "Einige haben offenbar Möglichkeiten gefunden, die Verdichtung zu steigern, wenn sich der Motor unter Last erhitzt", gibt Tombazis zu. "Wir haben intern viel darüber gesprochen, wie wir das regeln sollen. Ich habe die Absicht, dass wir bis zum Start in Melbourne eine Lösung finden. Wir wollen keinen Streit. Wir wollen, dass der Wettkampf auf der Strecke ausgetragen wird und nicht vor Gericht oder dem Raum der Stewards."

Nikolas Tombazis verteidigt das lückenhafte Reglement.
Keine Meisterschaft der Regelinterpretation
Dass diese Grauzone überhaupt entstanden ist, sei kein Grund für Kritik, sondern völlig normal: "Natürlich ist es immer unser Ziel, dass alles eindeutig geregelt wird. Aber wenn sich die Regeln so stark ändern, gibt es immer viele Punkte, die man nicht vorhersehen kann", verteidigt sich Tombazis.
In puncto Manpower ist der Weltverband den Rennställen deutlich unterlegen: "Sie haben mehrere tausende Ingenieure. Da ist es klar, dass sie manchmal etwas finden, an das bei uns keiner gedacht hat. Ich möchte damit nur sagen, dass es bei neuen Regeln immer eine statistische Wahrscheinlichkeit gibt, dass bestimmte Bereiche zu Diskussionen führen."
Allerdings will sich die FIA mit der Situation nicht einfach abfinden. "Wir wollen mit Nachdruck eine Meisterschaft erschaffen, bei der es zum Wettkampf zwischen den besten Fahrern, den besten Ingenieuren und den besten Teams kommt. Wir wollen keine Meisterschaft um die cleverste Regelinterpretation."
Muss Mercedes zurückrüsten?
Die Frage lautet, wie die FIA die Kuh so vom Eis bekommt, damit sich am Ende keiner als Verlierer fühlt. Laut Teamchef Toto Wolff hatte Mercedes in den letzten Jahren stets eine transparente Kommunikation mit dem Weltverband geführt, wenn es um die eigene Entwicklung ging. Die Ingenieure des Teams werden sich auch das Messverfahren mehrfach bestätigt haben lassen.
Entsprechend viel Geld und Entwicklungsarbeit sind dann in das Ausnutzen der Lücke im Reglement geflossen. Wenn die FIA dem Treiben jetzt wenige Wochen vor dem Saisonstart einen Riegel vorschieben würde, könnte man den Ärger von Mercedes nachvollziehen. Zumal der Umbau der Antriebseinheit bei den langen Vorlaufzeiten in der Produktion und durch die aufwändigen Prüfstandsläufe keine triviale Angelegenheit ist.
Außerdem wären mit Mercedes und den Kunden McLaren, Williams und Alpine gleich vier Teams betroffen, sollte man die Power Unit künstlich kastrieren. Auf der anderen Seite wäre es natürlich auch nicht wünschenswert, wenn die anderen sieben Teams von Beginn an chancenlos wären und Mercedes, ähnlich wie schon 2014, alleine an der Spitze Kreise um die Konkurrenz dreht. Es wird also nicht einfach, einen Kompromiss zu finden, mit dem alle leben können.












