Es ist tatsächlich wie im Film. Als Nico Hülkenberg in der großen Steilkurve den sich drehenden Gabriel Bortoleto sah, verlangsamte seine Wahrnehmung. "Bei diesem Speed erscheint alles ein bisschen im Zeitlupentempo. Man weiß nicht genau, ob er jetzt nach unten oder oben rutscht. Mir war nur klar, dass ich um ihn herumkommen muss", berichtete der 39-Jährige mit immer noch aufgerissenen Augen. "Zudem waren ja da die Trümmer und der Rauch von Max Verstappens Unfall davor. Ich habe verzögert und so lange wie möglich für die Entscheidung gewartet. Es ist so gerade gut gegangen. Viel mehr als ein Blatt Papier hätte nicht gepasst."
Beide Szenen lieferten den dramatischen Auftakt des vorerst letzten Niederlande-GP. Nach einem Schauer kurz vor Rennstart präsentierte sich die Strecke wieder größtenteils abgetrocknet, nur die steile Zielkurve hielt noch Feuchtigkeit während der ersten Runde. Ihr prominentestes Opfer sollte der Lokalmatador Max Verstappen gewesen sein, der hart einschlug. Doch auch andere haderten massiv – am plakativsten Gabriel Bortoleto. Der Brasilianer wagte sich zwar nicht so tief herunter wie der Red-Bull-Rivale. Aber sein Heck brach dennoch dramatisch aus. Das erste Wunder sollte das Drehen weg von der Mauer gewesen sein, das zweite Hülkenbergs besonnenes Ausweichen im dichten Rauch.
Erste Vermutungen, dass beide Dreher miteinander verbunden waren, bestätigte Bortoleto nach dem Rennen. "Als ich den Rauch von Max sah, habe ich eine kleine Lenkänderung gemacht, die mich das Auto verlieren ließ." Trotz strategischer Gegenmaßnahmen fand sein Rennen nicht mehr in die Spur, was nur den 13. Platz bedeutete. Generell ließ das Wochenende Bortoleto enttäuscht zurück. "Schon am Start hatten wir einige Probleme. Immerhin fielen die Pace und das Fahrverhalten der ersten Tage positiv aus.

Undurchsichtiger Rauch: Im Hintergrund steckt Gabriel Bortoleto bereits mitten in seinem Dreher, Nico Hülkenberg ist dahinter nicht mehr zu erkennen.
Audis jüngstes Erfolgsrezept
Nach dem Schreckmoment zogen Audi und Hülkenberg eine mutige Strategie durch. Bis zum letzten Renndrittel blieb der Deutsche auf der weichsten Mischung, was ihm bei etlichen Zweikämpfen passende Waffen gab. Gleichzeitig drohten die langsameren harten Reifen im Endspurt. Sie sollte am achten Rang – Best of the Rest – nichts mehr ändern. Renndirektor Allan McNish lobte: "Nach dem Restart hat sich Nico durch fantastische Manöver vom zwölften Platz aus vorgekämpft. Ab dem achten Platz sicherten wir uns gegen Pierre Gasly ab." Audi konnte hierbei eine neu gewonnene Stärke nutzen. "Unser Auto hat ein Performance-Level erreicht, mit dem wir aktiv im Rennen gestalten können."
Dass Schützling Hülkenberg jetzt zweimal hintereinander Punkte holen konnte, sollte McNish grundsätzlich nicht überraschen. Jedoch begeisterte ihn die kampfeshungrige Weise, auf die er den Knoten platzen ließ. Speziell in Zandvoort musste der Emmericher außerdem einen kurzfristigen Motorwechsel nach dem verkorksten Sprint mental wegstecken. McNish sieht dank der jüngsten Punkte auch sonst wachsendes Selbstvertrauen im Team. "Überall zieht mehr Selbstverständlichkeit ein. Das erkennt man bei den letzten Boxenstopps. Langsam bildet sich ein echtes Team heraus."
"Trotzdem sollten wir den guten Run aktuell nicht überbewerten. Das nächste Rennen in Monza wird unsere Herausforderungen wieder mehr zum Vorschein kommen lassen", warnt der Renndirektor. Einen Punkt klammerte der Schotte aus: Audi hatte jüngst auch einfach mehr Glück. Nico Hülkenberg wollte es sich mit diesem nicht verscherzen und lehnte zu große Lobpreisungen nach der Rettungstat ab. "Da war auch ein bisschen Glück dabei, es ist nicht alles Können."





