Den US-Amerikanern werden etliche Eigenschaften zugeschrieben. Während die einen sie für ihre relaxte Ader bewundern, sehen andere darin nur pure Ignoranz. Was viele für eine Offenheit gegenüber Neuem halten, watschen andere als Naivität ab. Im Falle von Mick Schumacher zeigen sie sich aber bislang ausschließlich von ihrer besten Seite. Jeder, den man im Fahrerlager von St. Petersburg nach dem Neuling befragte, äußerte sich angetan.
Ein regelmäßiges Lob galt der Demut des Deutschen. Scheinbar hatten nicht wenige ein verwöhntes Formel-1-Bürschchen befürchtet. Doch der Sohn des siebenmaligen Weltmeisters fand zügig Anschluss. Das perfekte Beispiel bot den Beobachtern der Trackwalk. Anstatt sich abzukapseln, versammelte Mick seine Crew und fuhr sie höchstpersönlich auf einem für die USA typischen Mini-Transporter mit langer, flacher Ladefläche um den Kurs – Lacher hinsichtlich der klischeehaft ungleichen Gewichtsverteilung der Truppe inklusive.
Schumacher reiste natürlich nicht nur für die sonnige Laune in die USA. Sportlich türmen sich nämlich etliche Hürden auf, die er so schnell wie möglich überspringen will. Ein hochrangiger Ingenieur machte sich diesbezüglich gar keine Sorgen. Er pries die smarte Methodik des Ex-Formel-1-Fahrers: "Mick stellt die richtigen Fragen und korrigiert sofort die Anfängerfehler." Bobby Rahal, für dessen RLL-Team Schumacher antritt, hatte eine klare Botschaft für seinen Schützling. "Er soll Spaß haben, und dann kommt der Erfolg quasi von allein."
Heimische Häme statt Hype
Harter Cut in die Heimat: Dort wurde schon vor dem Debüt am vergangenen Wochenende scharf geschossen, sogar innerhalb der eigenen Familie. Onkel Ralf warf nicht nur eine "Nutzen-und-Risiko-Frage" auf, sondern attestierte dem Neffen auch einen "unnötigen Schritt". Außerdem wäre die Tür zur F1 jetzt geschlossen. Diese Schelte erntete von den Amerikanern hauptsächlich Ignoranz, was in diesem Fall sogar mal angebracht war.
Die teils hämischen oder effekthascherischen Reaktionen auf das missratene Qualifying sowie das unverschuldete Renn-Aus nach nur wenigen Kurven hatten die Europäer ebenfalls exklusiv für sich. Im IndyCar-Fahrerlager zeigte man lieber Empathie. Denn die Rückschläge unterstrichen, wie komplex die US-Serie mit ihrer hohen Wettbewerbsdichte und ihren Charakter-Autos ist. Selbst Altstars erwischen regelmäßig in der Quali Verkehr und starten hinten. Und ähnlich wie Mick wurden genügend danach im Getümmel abgeräumt.
Der deutsche Youngster sieht seine Wachstumsschmerzen derweil pragmatisch. Schumacher konzentriert sich auf die nötigen Lehren und hat eine einfache Lösung gegen das Chaos am Ende des Feldes: künftig höher qualifizieren. Fingers crossed! "Wir haben dennoch wichtiges Wissen gesammelt, das wir auch zum Ovalrennen nächstes Wochenende in Phoenix mitnehmen können."

Am Samstag (7.3.) bestreitet Mick Schumacher sein Ovaldebüt auf dem Phoenix Raceway. Dort konnte der Newcomer im Februar zwei Testtage absolvieren.
Zwischen Lernkurve und Anspruch
Sein Debüt auf dem kompakten Rund in Arizona könnte ähnlich schiefgehen. Denn dort sprechen noch mehr Vorzeichen gegen Schumacher. Er ist der einzige Fahrer im Feld, dem Ovalläufe völlig fremd sind. Selbst die anderen Rookies kennen die Unterdisziplin aus ihrer Zeit in der Nachwuchsliga Indy NXT. Außerdem hat der Phoenix Raceway, welcher nach längerer Pause sein Comeback feiert, einen speziellen Charakter. Neben einem asymmetrischen Layout unterscheiden sich die Kurven bei der Überhöhung.
Auch die Statistik meint es schlecht mit Mick. Die allermeisten Oval-Novizen bekamen ordentlich auf die Nase. Ausnahmen bestätigen die Regel. Beispielsweise holte der aktuelle Tabellenzweite Scott McLaughlin (Penske) beim Debüt einen historischen zweiten Rang. Angesichts dieses Kontexts winken seine neuen Fahrerkollegen direkt ab. Ihr Tipp: Alles aufsaugen, nicht unnötig den Helden spielen.
Die Überschriften in Europa sind aber sicher schon vorgetextet. Sollte es wirklich eine brotlose Erfahrung werden, wird man Mick sehr viel "Haben wir dir doch gesagt" einschenken. Alternativ hat das Menü auch noch "Höre lieber damit auf, bevor du dir wehtust" im Angebot.
Glücklicherweise wird Mick Schumacher weit weg davon sein und stattdessen hilfreiches Feedback – hoffentlich sogar Lob für eine im Kontext gute Platzierung – erhalten. Ja, irgendwann müssen die Ergebnisse sicher kommen. Da kann Teamchef Bobby Rahal noch so sehr Spaß und Familienspirit propagieren. Schumacher hat als perfekt ausgebildeter Formel-Racer einfach zu viel drauf, um nun in der IndyCar kleine Brötchen zu backen. Wer sein neues Gesicht am vergangenen Wochenende gesehen hat, teilt sicher den Eindruck, dass es eine Wann- statt einer Ob-Frage ist.





