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50. Todestag von Jochen Rindt: Der gefallene Held

50. Todestag von Jochen Rindt Der gefallene Held

In der Saison 1970 schrieb Jochen Rindt mit fünf Siegen das Sommermärchen des deutschsprachigen Motorsports. Vor genau 50 Jahren stürzte der strahlende Held in Monza zu Tode. Er wird trotzdem noch Weltmeister. Michael Schmidt blickt noch einmal zurück.

Es ist einer jener Momente, von denen man noch genau weiß, wo man war, als es passierte. Ich habe den Tod von Jochen Rindt am Radio erfahren, gleich zu Beginn der Sendung "Heute im Stadion". Die hatte eigentlich nur etwas mit Fußball zu tun. Deshalb war es schon mal verdächtig, dass gleich am Anfang ein Bericht aus Monza angekündigt wurde. Was heißt da Bericht? Es waren zwei Sätze. Jochen Rindt sei beim Training zum GP Italien verunglückt und kurz darauf gestorben, hieß es lapidar. Während im Radio ansatzlos in irgendein Bundesligastadion geschaltet wurde, saß ich benommen da und ging von einer Falschmeldung aus.

Der angehende Weltmeister Rindt sollte tödlich verunglückt sein, in diesem überragenden Lotus 72, den er nicht einmal ans Limit bringen musste, um damit zu gewinnen? Unmöglich. Was wussten die Radiofritzen schon vom Motorsport? Doch es war leider wahr, wie später alle Nachrichten bestätigten.

Die ARD organisierte sogar eine Liveschalte in die Parabolica, bei der der Korrespondent geschlagene fünf Minuten von den tragischen Ereignissen des Tages erzählte, ohne dass sich die Kameraperspektive einmal geändert hätte. Die Bilder zeigten Zuschauer, die über die Strecke wanderten, um die Unfallstelle zu suchen. Es machte fast den Eindruck einer Wallfahrt. So war das damals.

Mit Jochen Rindt war ein Idol gestorben, einer, der mehr war als nur ein Rennfahrer. Während die Deutschen zaghaft daran zu erinnern versuchten, dass er doch in Mainz geboren wurde, vereinnahmte Österreich seinen Helden voll und ganz. Der 28-jährige Wahl-Grazer gab der Alpennation eine neue Identität und stand kurz vor der Heiligsprechung, als er im Sommer einen Grand Prix nach dem anderen gewann.

Die ganze Saison gab Stoff für einen Hollywood-Film her – allerdings ohne Happy End. Das hing nicht nur mit Rindt, sondern auch seinen Gegnern zusammen. Zuerst der 44-jährige Jack Brabham, der angekündigt hatte, seine letzte Saison zu fahren. Schon optisch waren die beiden ein ungleiches Paar. Hier die jugendliche Pop-Ikone, dort der Altmeister, der aussah wie ein Buchhalter.

In der zweiten Saisonhälfte schob sich Jacky Ickx ins Bild. Drei Jahre jünger als Rindt, aber geistig noch verhaftet in der alten Welt. Während Rindt mit Jackie Stewart um mehr Sicherheit im Rennsport kämpfte, vertrat Ickx die Meinung, Sicherheit sei etwas für Angsthasen.

Jack Brabham legte noch einmal alle Kraft in seinen Traum, zum vierten Mal Weltmeister zu werden. Mit einem Sieg beim Saisonauftakt in Kyalami ging es gleich standesgemäß los. Um ein Haar hätte der Australier auch noch in Monte Carlo und Brands Hatch gewonnen. Beide Male spielte er unfreiwillig den tragischen Helden. Er verlor den Sieg jeweils in der letzten Kurve der letzten Runde. In Monte Carlo, weil er sich mit dem aufholenden Rindt im Rücken verbremste und in die Strohballen rutschte. In Brands Hatch, weil ihm auf den letzten 500 Metern das Benzin ausgegangen war.

Den Rest des Jahres pflasterten Ausfälle und Unfälle Brabhams Weg, darunter ein besorgniserregender Überschlag bei Testfahrten in Zandvoort. Der Australier verstand es als den letzten Wink des Schicksals, die Karriere zu beenden.

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Foto aus einer vergangenen Zeit: Jochen Rindt mit Lotus-Teamchef Colin Chapman und einer Zigarette in der Monza-Box.

Pakt mit dem Teufel

Jacky Ickx hatte bis zum GP Deutschland gerade mal vier WM-Punkte auf seinem Konto, gegen 36 von Rindt. Vier Defekte und ein Feuerunfall in Jarama, den der Belgier mit leichten Verbrennungen überlebte, warfen den Ferrari-Piloten früh in der Saison beinahe aussichtslos zurück. In der zweiten Halbzeit feierte Ickx drei Siege und einen zweiten Platz.

Ausgerechnet das unbeschriebene Blatt Emerson Fittipaldi besiegelte mit einem Sensationssieg in Watkins Glen den WM-Titel für seinen toten Teamkollegen. Es war eine Parallele zu 1968, als Graham Hill den Lotus-Rennstall mit seinem Titel von dem Trauma des Clark-Unfalls befreite.

Rindt und Lotus war eine Zweckehe. Colin Chapmans Wunschpilot war 1969 von Brabham zu Lotus gewechselt im Wissen, dass er damit einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hatte. Sein Freund Bernie Ecclestone hatte ihn gewarnt: "Ich sagte zu Jochen: Wenn du zu Lotus gehst, hast du eine gute Chance Weltmeister zu werden und eine genauso gute Chance zu sterben. Außerdem kannst du bei Lotus mehr verdienen."

Ecclestone trat nicht nur als Vertragsunterhändler auf. Er musste auch vermitteln, wenn Chapman und Rindt sich wieder mal zerstritten hatten. Die tödlichen Unfälle von Bruce McLaren und Piers Courage drückten in der Saison 1970 aufs Gemüt. Nachdem Rindts Freund Courage in Zandvoort verbrannt war, sah Ecclestone seinem Geschäftspartner an, dass er sich nicht mehr wohl in seiner Haut fühlte. Bernies pragmatischer Ansatz: "Wenn du zurücktreten willst, tu es jetzt. Die Zweifel waren schnell verflogen. Eine Stunde später redete Jochen schon wieder von den nächsten Rennen."

Der Lotus 72 war für Rindt zunächst eine "Scheißkiste", in die er erst wieder einstieg, als sie Chapman durch Fahrwerksänderungen zähmte. Sein damaliger Mechaniker Herbie Blash erinnert sich: "Als Jochen das erste Mal den Lotus 72 fuhr, hat er ihn gehasst. Er hatte so viel Anti-Dive, dass er das Auto beim Bremsen nicht in die Kurve reinbrachte. Schritt für Schritt haben wir das dem Auto ausgetrieben. Als er dann in Zandvoort damit gewonnen hat, hat er es geliebt. Es war ein sehr spezielles Auto mit seiner Keilform, den Kühlern an der Seite, den Drehstabfedern, den innenliegenden Bremsen vorne und hinten, mit einem System, das den Sprit hin und her pumpte um das Auto besser auszubalancieren. Von Aerodynamik verstanden wir noch nicht viel. Es war ein Albtraum, an dem Auto zu arbeiten."

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Seinen letzten Sieg feierte Rindt gut einen Monat vor dem Monza-Wochenende beim "Heimspiel" in Hockenheim.

Fünf Siege in 84 Tagen

Das Sommermärchen mit fünf Siegen in 84 Tagen ging am 5. September im Abschlusstraining zum GP Italien in der Parabolica zu Ende. "Plötzlich war alles still", blickt Blash 50 Jahre zurück. "Alle Autos kamen an die Box. Wir wussten, dass etwas passiert sein musste. Ich glaube, Jackie Stewart hat vor unserer Box angehalten und gerufen: ‚It’s Jochen‘. Mein Kollege Eddy Dennis lief in die Parabolica. Als er zurückkam, hat er nur gesagt: ‚Es sieht wirklich schlimm aus‘. Ab da habe ich alles nur noch wie durch einen Nebel wahrgenommen."

"Bernie kam mit Jochens Helm zurück. Chapman ist sofort verschwunden. Er wusste, was ihm blühte. Das Auto wäre beschlagnahmt und er verhaftet worden. Colin sagte zu uns nur noch: ‚Schmeißt alles in den Transporter und haut so schnell wie möglich ab. Nur raus aus Italien.‘ Dann war er weg. Er hat es Bernie überlassen, alles zu regeln, was zu regeln war. Bernie sagte mir, ich solle das Wrack in eine Garage in den Boxen einsperren. Meine Kollegen machten sich aus dem Staub. Ich nahm Jochens Auto, habe seine Sachen aus dem Hotel geräumt und bin damit zu ihm nach Hause in die Schweiz gefahren."

Der Unfall selbst ist ausreichend dokumentiert. Rindt bog beim Anbremsen der Parabolica abrupt nach links ab. Offenbar spürte er, dass etwas nicht in Ordnung war. Er löste zwei Mal die Bremse und fing das Auto beide Male ab. Der Lotus hatte den letztmöglichen Verzögerungspunkt schon überschritten, als der Fahrer voll in die Eisen stieg.

Die messerdünne Nase des Autos schob sich samt linker Vorderachse unter die zu hoch angebrachte Leitplanke und rutschte daran zehn Meter entlang, bis sie auf einen massiven Befestigungspfosten traf. Dabei wurde der gesamte Vorderbau des Wunderautos abgerissen. Der Torso des Lotus 72C mit dem tief ins Cockpit gerutschten Fahrer tobte sich im Kiesbett der Parabolica aus.

Emerson Fittipaldi - Lotus - GP USA 1970
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Beim vorletzten Rennen in Watkins Glen sorgte Teamkollege Emerson Fittipaldi dafür, dass Rindt posthum Weltmeister wurde.

Rindt starb noch am Unfallort an seinen schweren Brust- und Wirbelverletzungen. Die Aorta und die Luftröhre wurden durchtrennt. Der angehende Weltmeister hatte sich am Gurtschloss und am Lenkrad die tödlichen Verletzungen zugefügt. Aus Angst, bei einem Feuerunfall nicht schnell genug aus dem Auto zu kommen, legte der Österreicher aus Prinzip die Oberschenkelgurte nicht an. Deshalb tauchte er beim Aufprall unter den Gurten durch.

Der Verdacht konzentrierte sich sofort auf die hohl gebohrten vorderen Bremswellen. Es galt schnell als sicher, dass die rechte Welle kurz nach dem Beginn des Bremsvorganges brach. Dadurch musste das Auto nach links gerissen werden.

Laut Teammanager Peter Warr könnte der Unfall auch durch die extreme Bremskraftverteilung, die unterschiedliche Bereifung mit harter Mischung links und weicher rechts und das Abmontieren sämtlicher Flügel hervorgerufen worden sein. Doch es war nicht das erste Mal, dass die Bremswelle brach. John Miles erlebte am Österreichring den Schreck seines Lebens, als er in der Bremszone der Zielkurve unvermittelt abflog.

Es kann auch als Schuldeingeständnis gewertet werden, dass Lotus für den GP USA Wellen verwendete, die aus dem Vollen gefräst waren. Schon für das nächste Rennen in Mexiko baute Lotus auf die hohlen Rohre zurück. Die Ingenieure hatten nach dem Rennen in Watkins Glen festgestellt, dass sich Rohre ohne Bohrung beim Bremsen nicht verdrehten und hohe Kräfte auf das Auto und das Fahrwerk übertrugen. Mit der Gefahr von Aufhängungsbrüchen.

Jochen Rindt machte das nicht mehr lebendig. Er bekam eine Art Staatsbegräbnis in Graz. Seine Witwe Nina nahm im Dezember den WM-Pokal bei der FIA-Ehrung in Empfang. In der Galerie zeigen wir noch einmal Bilder von jenem verhängnisvollen Tag in Monza vor 50 Jahren.

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