Nach über 60 Jahren ist der Motorenlärm offiziell zurück in der Schweiz. Das jahrzehntelange Verbot von Rundstreckenrennen ist gefallen. Was über Jahrzehnte als unumstößliches Gesetz galt, wurde nun aus dem Straßenverkehrsgesetz gestrichen. Damit endet eine Ära der motorsportlichen Abgeschiedenheit, die ihre Wurzeln in einer der dunkelsten Stunden des Rennsports hatte.
Die Katastrophe beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans im Jahr 1955 war der direkte Auslöser für diese drastische Entscheidung. Bei diesem Unfall kollidierte der Mercedes-Benz 300 SLR des Franzosen Pierre Levegh mit dem Austin-Healey von Lance Macklin und schleuderte in die Zuschauertribüne.
Vorausgegangen war ein Bremsmanöver von Mike Hawthorn in seinem Jaguar, das die fatale Kettenreaktion einleitete. Da die Autos damals kaum Sicherheitsvorkehrungen hatten und Leveghs Wagen aus leicht brennbarem Magnesium bestand, war die Auswirkung verheerend. Pierre Levegh und 83 Zuschauer starben, während über 100 Menschen teils schwer verletzt wurden. Die Bilder von Trümmerteilen, die wie Geschosse durch die Menge flogen, schockierten die Welt so sehr, dass die Schweiz kurz darauf reagierte. 1958 wurde das Verbot von Rundstreckenrennen offiziell in das Straßenverkehrsgesetz aufgenommen, weil man solche Massenunfälle auf Schweizer Boden unbedingt verhindern wollte.
Schweiz mit großer Motorsport-Tradition
Die Motorsport-Welt stand unter Schock. Vier Grands Prix der Formel 1 fielen der Katastrophe zum Opfer. Andere Nationen zwangen die Veranstalter zu besseren Sicherheitsstandards, andernfalls wären Rundstreckenrennen auch dort gestrichen worden. Das ändert sich ab dem Juli 2026. Dann tritt die neue Verordnung in Kraft.
Trotz des Verbots gab es für Motorsport-Fans in der Schweiz weiterhin einige Möglichkeiten. Das Gesetz untersagte nämlich nur Rennen, bei denen mehrere Fahrzeuge gleichzeitig auf einem Rundkurs um Positionen kämpften. Alles, was nicht unter diese Definition fiel, war weiterhin erlaubt.
Das ist der Grund, warum die Schweiz trotz des Verbots eine riesige Motorsport-Szene behielt. Bergrennen wurden zum Volkssport, weil dort jeder Fahrer einzeln gegen die Zeit den Berg hochjagt. Auch Rallyes, Slalom-Wettbewerbe und Motocross-Rennen blieben erlaubt, da dort kein direkter Rad-an-Rad-Kampf auf einer Rundstrecke stattfand. Die Schweizer Rennfahrer mussten für Rundstreckenrennen zwar ins Ausland ausweichen, konnten aber zu Hause in diesen Spezialdisziplinen vor großem Publikum antreten.

Bergrennen wurden wegen des Rundstreckenverbots Teil des Schweizer Motorsports.
Ausnahme für die Formel E
Dieses Verbot hielt sich über 60 Jahre lang hartnäckig im Gesetz. Erst die Formel E brachte Bewegung in die Sache. Da Elektroautos als sauber und zukunftsorientiert galten, lockerte der Bundesrat die Regeln zuerst nur für diese Technologie. In den Jahren 2018 und 2019 gastierte die E-Serie in Zürich und in Bern auf temporären Stadtkursen. Das führte schließlich zu einer Debatte im Parlament.
Die Politiker erkannten, dass sich die Sicherheitstechnik seit der Katastrophe von 1955 massiv verbessert hat und ein pauschales Verbot nicht mehr zeitgemäß ist. Der Bundesrat hat deshalb beschlossen, das Verbot im Straßenverkehrsgesetz komplett zu streichen. Damit endet eine Ära, die aus einer Schockreaktion auf einen der furchtbarsten Unfälle des Motorsports entstanden war.





