Kommentar: Ferrari hat beim Luce (vielleicht) alles richtig gemacht

Kommentar zum ersten Ferrari mit Elektroantrieb
Hat Ferrari beim Luce doch alles richtig gemacht?

ArtikeldatumVeröffentlicht am 31.05.2026
Als Favorit speichern

Zahlreiche Negativ-Reaktionen legen zwar nahe, dass der neue Ferrari Luce kein Erfolg wird. Aber die meisten Beobachter und vor allem auch Fans der Marke stoßen sich nicht am E-Antrieb, sondern am Design. Ex-Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo würde den Luce sogar am liebsten ohne das Marken-Logo mit dem springenden Pferd verkauft sehen. Das einzig Positive an der Luce-Optik aus seiner Sicht: "Immerhin ist es ein Auto, das die Chinesen nicht kopieren werden."

Über Geschmack lässt sich streiten – relevanter könnte allerdings die Reaktion der Investoren sein: Die Aktien des Sportwagenbauers brachen am Tag nach der Vorstellung am Pfingstmontag um fast sechs Prozent ein.

Leistung und Performance sind bei Sportwagen nicht alles

Tatsächlich zeigte sich bei anderen Marken schon vorher, dass die Käufer von Luxussportwagen nur schwer vom E-Antrieb zu begeistern sind, auch wenn der mit nie dagewesenen Leistungs- und Beschleunigungswerten punktet: 2.000 PS und weniger als 2,5 Sekunden bis 100 km/h sowie atemberaubende Fahrdynamik dank Torque-Vectoring mit bis zu vier Motoren.

Aber für einen Supersportwagen sprechen ohnehin wenig rationale Gründe und die Produkteigenschaften in Zahlen nehmen die Kunden nicht allein für den einen oder anderen ein. Rein emotionale Aversion gegen den E-Antrieb wird aber vermutlich die wenigsten Interessenten vom Kauf eines neuen Super-Spielzeugs abhalten.

Und hier wird es interessant: Denn das hieße, dass Supersportwagen auch mit E-Antrieb erfolgreich sein könnten – wie gesagt: Die Polarisierung beim Luce haben nicht 800 Volt statt V12 ausgelöst.

Verbrenner sind reizvoll, weil sie am Ende sind

Wie immer muss der Wurm dem Fisch und nicht dem Angler schmecken. Warum kaufen Menschen Super-Luxus-Sportwagen für mehrere 100.000 Euro? Sie kaufen Exklusivität, etwas Einzigartiges, Seltenes, das sich zu sammeln lohnt. Verbrenner-Sportwagen bieten das, gerade weil es sie nicht mehr ewig geben dürfte. Die Vintage-Faszination aufwendiger Verbrenner ähnlich der für mechanische Uhren kommt hinzu.

Bei E-Autos hingegen kommt aktuell jede Woche etwas Neues, das erheblich besser ist: Mehr Reichweite, mehr Leistung, mehr Motoren, Technologiesprünge sind hier noch möglich – das kann bei Verbrennern nicht passieren, die Technik ist ausentwickelt. Beim Luce ist der Austausch der Batterie gegen eine neuere eingeplant – eine eingebaute Upgrade-Möglichkeit quasi, die das Risiko minimiert, dass der neue E-Ferrari schnell überholt wirkt.

Und der Luce? Spricht offensichtlich Kunden nicht an, die von Ferraris mit kreischenden Vielzylindern und stilsicherem Blechkleid ohne Bruch der Konventionen fasziniert sind. Doch das will er offenbar auch gar nicht.

Mehr Alltagstauglichkeit, öfter Show off

Aber vielleicht erreicht er neue, ganz andere Kunden. Jüngere, die nicht mit Verbrennern sozialisiert sind, denen der laute Auftritt mit Krach zu altmodisch und offensiv ist, die aber die Marke mögen. Die das Spiel der digitalen Instrumente mit Analog-Optik mögen, im Stil des Hauses gestaltet vom Ex-Apple-Designer.

Und die fünf Sitze, den größten Kofferraum aller Ferraris bislang sowie den problemlosen, kinderleicht zu bewegenden E-Antrieb gern pragmatisch mitnehmen, weil sie das Auto benutzen wollen. Auch, weil sie damit viel öfter im Alltag zeigen können, dass sie sich einen modernen Ferrari für 550.000 Euro leisten können, der sich sogar von den aktuellen klassischen Modellen abhebt und teurer ist als ein 12Cilindri.

Was sonst wäre ein neuer Ferrari?

Wenn das das Kalkül war, bleibt es mutig, aber alternativlos: Welches neue Verbrennermodell für Ferrari hätte man sich vorstellen können, das die Bezeichnung "neu" verdient hätte? Und was ist eine Marke ohne neue Modelle? Wie hätte die Börse darauf reagiert? Kurzfristig vielleicht weniger negativ, aber Euphorie ist ohne Innovation auch schwer vorstellbar. Ferrari-Investoren antizipieren und kalkulieren die Reaktion der bisherigen Zielgruppe, also der Fans. Wenn der Luce Erfolg hat, preisen sie das sicher ebenfalls ein. Wenn der Erfolg ausbleibt, hat Ferrari seine Verbrenner weiter im Programm und muss die Entwicklungskosten für den E-Antrieb nicht gleich zurückkriegen. 60 Patente hat Ferrari im Zuge dessen angemeldet. Irgendwann wird sich der Aufwand auszahlen.