Die neue Formel 1 ist mit viel Vorschusslorbeeren gestartet. Die Autos sehen aggressiver aus, sind kleiner und leichter. Sie sollen damit auf der Strecke agiler werden und mehr Action bieten. Die neue Aerodynamik soll das Überholen erleichtern. Und mit der Umstellung der Power-Units auf fast 50 Prozent Elektro-Energie im Antrieb und CO₂-neutralem Sprit soll das ganze auch noch nachhaltig funktionieren.
Versprochen wurde den Fans nicht weniger als die eierlegende Wollmilchsau. Doch nach den ersten Testrunden in Barcelona scheint die Fassade an den Kanten leicht zu bröckeln. Es war zwar nur der erste Shakedown. Und noch ist nicht ganz sicher, was die Fans beim Saisonstart in Melbourne erwartet. Doch die ersten Erfahrungen der Piloten beim Testbeginn mit den neuen Autos, werfen zumindest ein paar Fragen auf.
So berichtete Esteban Ocon zum Beispiel von gewöhnungsbedürftigen Qualifying-Simulationen, die sein Haas-Team in Barcelona abgespult hat. Dass mit den neuen Hybrid-Motoren in den Rennen künftig mehr Lift-and-Cost angesagt ist, konnte man schon erwarten. Doch dass die Piloten auch im Qualifying gezwungen werden, vom Gas zu gehen, dürfte einige Fans überraschen.

Die Haas-Piloten mussten auf ihren Quali-Runs schon vor der Bremszone lupfen.
Quali fühlt sich komisch an
"Auf Quali-Runs müssen wir Lift-and-Coast betreiben", berichtet der Franzose. "Das fühlte sich am Anfang erstmal komisch an. Das haben wir aber schon vorher im Simulator geübt. Nach einer Runde hatte ich das drin. Mittlerweile ist es eher komisch, es nicht zu machen. Wir nutzen Lift-and-Coast so häufig, dass man sich mit dem Fahrstil schnell daran gewöhnt."
Die Fahrer mögen sich schnell daran gewöhnen. Es bleibt aber die Frage, ob auch die Fans die neue Formel-1-Realität akzeptieren. Traditionalisten werden anmerken, dass die Quali-Sessions ja gerade deshalb so spektakulär sind, weil auf einer Runde alles bis zum Limit ausgereizt wird. Dass die Fahrer nun gezwungen werden, schon vor den Bremszonen zu lupfen, um elektrische Energie zu sparen bzw. zu rekuperieren, dürfte zumindest für Irritationen sorgen.
"Würde man voll auf dem Gas bleiben, müsste man am Ende der Geraden voll die Handbremse ziehen. Mit Lift-and-Coast ist das nicht so schlimm. Es fühlt sich sogar schneller an, wenn man vorher vom Gas geht. Und es fühlt sich mittlerweile natürlich an, weil es die schnellste Art und Weise ist. Aber klar, es ist ganz anders, als normal", versucht Ocon das Vorgehen zu Erklären.

Esteban Ocon hat sich schnell an die neue Fahrweise gewöhnt. Gilt das auch für die Fans?
Ist das noch Formel 1?
Aus Reihen der Fans wird unweigerlich die Frage aufkommen, ob das wirklich noch die Formel 1 ist. "Wenn Ihr in anderen Kategorien schnellere Autos findet, lasst es mich wissen!", kontert Ocon die Bedenken. "Als Fahrer müssen wir immer unsere Werkzeuge optimieren, um so schnell wie möglich zu fahren. Und wenn das die schnellste Art ist, dann werden wir das so machen. Im Auto ist es keine komplizierte Sache."
Die Fans müssen sich wohl damit abfinden, dass Lift-and-Coast zur neuen Formel 1 dazu gehört – auch im Qualifying: "Wenn man im Go-Kart anfängt, bekommt man natürlich nicht gesagt, dass man vom Gas gehen soll. Aber es hat mir immer noch Spaß gemacht und es ist immer noch ein Formel-1-Auto", berichtet Ocon. "Vielleicht ist es auch nicht die schnellste Art und Weise auf allen Strecken. Das müssen wir mal abwarten. Aber bei uns war es zumindest in Barcelona so."












