Das hat die Formel 1 am meisten gefürchtet. Ein Team geht haushoch überlegen in die neue Saison. So wie 2014 zu Beginn der ersten Hybrid-Ära. Damals wie heute verprügelte Mercedes die Konkurrenz. George Russell und Andrea Kimi Antonelli stellten in der Qualifikation zum GP Australien (7.3.) ihre Silberpfeile scheinbar mühelos in die erste Startreihe. Dabei saß Antonelli in einem Auto, das drei Stunden davor noch ein Totalschaden war. Alle Hände halfen mit, den Mercedes mit der Startnummer 12 nach einem 170-km/h-Crash in Kurve 2 bis zur Qualifikation wieder zusammenzuflicken. An eine Optimierung des Setups war nicht zu denken.
So war George Russell der alleinige Maßstab für die Konkurrenz. "Er ist in einer anderen Welt gefahren", staunte Ferrari-Teamchef Frédéric Vasseur. Die Zeitvorsprünge des Engländers unterstrichen diesen Eindruck. Russell war 0,785 Sekunden schneller als Red Bull, 0,809 Sekunden als Ferrari und 0,862 Sekunden als McLaren. Es ist ein geringer Trost, dass es im Verfolgerfeld so eng zugeht wie im letzten Jahr. "Dafür kann man dem Russell jetzt schon zum Titel gratulieren", machte sich im Fahrerlager Frust breit.

Andrea Kimi Antonelli schrottete den Mercedes im dritten Training, schaffte es in der Quali aber auf Rang zwei.
Red Bull hält Rückstand für aufholbar
Auf die Frage, warum die Silberpfeile so überlegen sind, hatte jeder seine eigene Antwort. McLaren schiebt es auf das Energie-Management, bei dem man dem Werksteam noch weit hinterherläuft. Ferrari auf den Mercedes-Motor, der mit mehr Verdichtung betrieben wird als alle anderen Aggregate. Red Bull verliert nach eigener Aussage seine Zeit gleichmäßig über den Kurs verteilt. Isack Hadjar überraschte in seinem ersten Rennen für Red Bull Freund und Feind immerhin mit der drittschnellsten Quali-Zeit.
Red-Bull-Technikchef Pierre Waché hat sich trotz des deutlichen Zeitabstands seinen Optimismus bewahrt: "Die Schlacht ist noch nicht geschlagen. Der Rückstand ist aufholbar." Der Franzose geht bei seiner These davon aus, dass Max Verstappen nur drei Zehntel auf die Bestzeit verloren hätte. Doch der Niederländer steckte schon 300 Meter nach Beginn seiner ersten Qualifikation im Kiesbett der ersten Kurve Er wurde ein Opfer der neuen Technik. Red Bulls Energie-Management war offenbar auf zu starkes Rekuperieren auf der Bremse programmiert. Dabei blockierten die Hinterräder. Waché sieht den größten Aufholbedarf interessanterweise nicht beim Motor. "Wir haben mehr Spielraum beim Chassis."
Ferrari verliert mehr Zeit beim Motor
Ferrari sieht seinen Nachteil beim Motor. "In den Kurven waren wir teilweise schneller als die Mercedes", analysierte Vasseur. Der Mercedes-V6-Turbo ist nach Ansicht seiner Gegner überlegen, weil er mit mehr Verdichtung gefahren wird als die anderen Triebwerke. Die Konkurrenz rechnet mit einem Verlust von bis zu 15 PS. Deshalb zwang man die FIA, die Kompression ab dem 1. Juni in kaltem und heißem Zustand zu messen. Was keinen großen Unterschied ausmachen wird, weil Mercedes die erlaubte Verdichtung von 16:1 weiter erreichen wird, die Gegner aber nicht. Red Bull verliert vermutlich am wenigsten und hält sich deshalb auch in seinem Aktionismus zurück.
Wer mit dem Motor im Rückstand ist, hat aber noch eine andere Möglichkeit, aufzuholen. Die FIA wird nach sechs Rennen untersuchen, welchen Anteil die einzelnen Motoren am Zeitverlust haben. Übersteigt das eine bestimmte Grenze, dürfen die Hersteller nachrüsten. Es gibt mehr Prüfstandszeit und Befreiungen beim anrechenbaren Budget.
Ferrari wurde unter Wert geschlagen. Über weite Strecken der Trainingstage machten die roten Autos eine gute Figur. Und als Lewis Hamilton im Q1 auf Medium-Reifen die zweitschnellste Zeit markierte, da rechnete man fest mit Ferrari als großem Mercedes-Kontrahenten. Dann aber haderte Vasseur wieder einmal mit der Reifenvorbereitung. "Wir haben mal eine, mal zwei Aufwärmrunden probiert, es im entscheidenden Moment aber nicht richtig getroffen. Da war mehr drin."

McLaren schiebt in Melbourne Frust. Das Weltmeister-Team muss beim Energie-Management zulegen.
McLaren in der Lernphase
McLaren kann dem Motor nicht die Schuld geben. Der Titelverteidiger hat wie das Werksteam einen Mercedes-V6-Turbo im Heck. Er muss in seiner Spezifikation und bei den Kennfeldern identisch sein. Die Kunden sind aber frei, wie sie die Parameter beim Energie-Management setzen. Teamchef Andrea Stella nimmt sich deshalb in die Pflicht. "Wir haben noch Defizite dabei, wie wir den Motor und die Energie nutzen, damit am Ende die bestmögliche Rundenzeit dabei herauskommt. Hätten wir den Motor besser genutzt, wären die Plätze drei und vier möglich gewesen."
McLaren befinde sich da noch in einer Lernphase, sagt Stella, und schaut sich über die GPS-Messungen ganz genau an, wie und wo Mercedes seine Energie speichert und abruft. Das ist nicht ganz so banal, wie es sich anhört. "Es gibt drei Arten, wie man seine Batterie laden kann. Auf der Bremse, mit Super Clipping beim Segeln und wenn der Fahrer den Fuß vom Gas nimmt. Der Speed am Kurvenausgang zeigt uns, wie viel Leistung die einzelnen Teams beim Beschleunigen abrufen."
Stella räumt ein, dass der Werksrennstall beim Betrieb seines Motors mit einem Wissensvorsprung in die Saison geht. Er hat bei der Konzeption der Antriebseinheit natürlich bereits im Hinterkopf gehabt, wie die Energie am besten einzusetzen ist. "Uns steht ein steiler Lernprozess bevor, um es genauso gut zu machen. Das trifft auch auf die Fahrer zu, die einen großen Einfluss auf die Energieverwaltung haben." Der Italiener gibt aber auch zu: "Mercedes war im Großteil der Kurven schneller als wir." Das erste große Upgrade lässt noch auf sich warten. Der Einsatz hängt davon ab, ob die Rennen in Bahrain und Saudi-Arabien gestrichen werden oder nicht.
Russell an allen Messpunkten langsam
Der Unterschiedsfaktor bleibt das Energie-Management. Das zeigen auch die Speedmessungen. George Russell zählte an den vier Messpunkten bestenfalls zum Mittelfeld. Auf dem Zielstrich lag er mit 301,3 km/h nur auf Platz 15. Liam Lawson im Racing Bulls war dort um 17 km/h schneller. Auch Red Bull, Ferrari und McLaren hängten den Mercedes auf der Ziellinie ab. Am Ende der Zielgerade war Russell mit 297,9 km/h nur Zwölfter. Wieder hinter Ferrari und Red Bull, dafür knapp vor McLaren. Das spricht dafür, dass Russells Mercedes früher ins Super Clipping ging. Die Lektion daraus. Mercedes war die Zielgerade offenbar nicht so wichtig.
Auf der ersten Sektorgrenze kurz vor Kurve 4 erreichte Russell einen Speed von 273,4 km/h. Das war der achte Platz. Isack Hadjar flog um 15 km/h schneller über die Induktionsschleife. Auch Lewis Hamilton war an der Stelle schneller. Trotzdem machte Russell die meiste Zeit zwischen den Kurven 4 und 6 gut. Mercedes dosierte offensichtlich seine Power an anderen Stellen.
Das wurde auch an der zweiten Sektorgrenze auf der Gegengerade deutlich. Russell kam mit 287,8 km/h nicht über Rang 14 hinaus. Von den direkten Gegnern war nur Oscar Piastri noch langsamer. Lewis Hamilton nahm seinem Ex-Teamkollegen 15 km/h ab. Hadjar war nur einen Hauch besser. Die Momentaufnahmen vermitteln den falschen Eindruck, denn Russell gewann alle Sektoren, wenn auch nur knapp. Die Konkurrenz war weit von dieser Konstanz entfernt. In Sektor 1 kam Ferrari dem Mercedes mit 0,181 Sekunden Rückstand am nächsten. In Sektor 2 war es Red Bull mit nur 0,028 Sekunden Abstand. McLaren trumpfte als zweitschnellstes Auto im Sektor 3 auf. Piastri fehlten im Abschnitt mit den meisten Kurven 0,152 Sekunden auf Russell.












