Wie steht es um den Nachwuchs? Jugendförderung des Motorsports kämpft weiter

Jugendförderung des Motorsports kämpft weiter
Wie steht es um den Nachwuchs?

ArtikeldatumVeröffentlicht am 02.01.2026
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Ausgerechnet ein alter Römer sorgt sich um den deutschen Nachwuchs. Als Motorsport aktuell Emanuele Pirro, Präsident der FIA-Formel-Kommission, beim Macau Grand Prix auf die dort fehlenden Formel-Talente der Bundesrepublik ansprach, trübte sich sein sonst lebhafter Blick schlagartig.

Der 63-jährige Le-Mans-Held, der bei seinem vorherigen Job für McLaren nach Talenten gesucht hatte, erzählte: "Ich habe einen großen Teil meines Lebens entweder direkt in Deutschland oder in Diensten deutscher Marken verbracht. Ich fuhr etliche Jahre BMW-Renner und kann auf über 20 Jahre mit Audi zurückblicken. Mein Respekt für den deutschen Rennsport ist also riesig. Obendrauf kommt, dass die deutschen Organisatoren extrem viel für den Nachwuchssport per se getan haben. Ich denke da an die Formel-3-EM. Ich wäre also sehr happy, erneut eine deutsche Formel 4 zu sehen. Es braucht wieder einen Nationalhelden – und der muss in so einem Umfeld entstehen können."

Dem Ziel stimmt zweifelsohne auch der ADAC zu. Europas größter Autoclub richtete bis Ende 2022 genau diese Meisterschaft aus. Schaut man auf ihre Ergebnisliste, findet man etliche Stars der Gegenwart. Zum Beispiel holte Kimi Antonelli den Abschieds-titel, im Jahr zuvor jubelte ein gewisser Oliver Bearman.

Keine deutsche Nachwuchsschule

Rein daran gemessen, ist es völlig unverständlich, warum Good Old Germany keine Monoposto-Nachwuchsschule mehr hat. Schaut man genauer auf die unmelancholische, betriebswirtschaftliche Seite des Sports, wird fix klar, dass es kein kruder Zufall der Geschichte ist. In den letzten Jahren hat sich die Suche nach dem nächsten Hamilton, Verstappen oder Norris stark konzentriert. Angesichts der Millionenbeträge, deren ersten Hunderttausender im Kart fällig werden können, zählt ausschließlich der beste, schnellste Weg.

Und dieser führt auf der untersten Single-Seater-Stufe statt über Deutschland über Spanien, Italien oder Frankreich. Bevor dann mit der Formula Regional, F3 und F2 das abschließende Aussieben startet. Doch schon der Kartsport zeigt sich extrem engmaschig. War es vor einigen Jahren noch mit riesigem Willen möglich, sich im kleinen Familienkreis durchzukämpfen, verlangt der Racing-Kindergarten heute ein hohes Level an Professionalität – verbunden mit dem passenden dicken Geldbeutel.

Kartsport mit F1-Mindset

Um die Einstiegsszene hat sich mittlerweile ein Support-System entwickelt, das durch zahlreiche Testmöglichkeiten und stark ausgereiztes Material dem Zufall keine Chance überlassen will. Beispielsweise wurde aus den vorher oft penibel bewahrten Chassis die Vorstufe von Wegwerfware. Bei den sogenannten Super-Teams werden gar Gestelle speziell auf verschiedene Wetter-Szenarien vorab getunt und als Back-up zurückgelegt.

Diese Eskalation hat verständliche Gründe. Viele Akademien der Formel-1-Truppen setzen bei ihrer Arbeit ganz früh an. Wer beim Kart schon all in geht, kann sich – in der Theorie – den teuren Ochsenweg der ersten Formel-Sprossen ersparen und direkt bei einem der Programme landen. Sie bleiben das goldene Ticket der Jugendförderung. Neben finanzieller Unterstützung erhalten die Stipendiaten massiv Know-how und je nach Stufe ihrer Entwicklung Zeit im Simulator. Fahrer außerhalb des illustren Kreises haben es da deutlich schwerer.

Wie Leonardo Fornaroli – Formel-3-Meister der Saison 2024 und nun vorzeitiger Champion der zweiten Liga – beweist, kann man auch ohne eine Akademie glänzen. Aller Voraussicht nach wird sein Doppelschlag nicht von der F1 goutiert, er fiel bei einem namhaften Team durch eine Sim-Session. Zudem halten diese lieber ihren Youngstern die Treue. Ein gutes Beispiel ist Red Bulls Arvid Lindblad, der eine sehr solide Saison fuhr, aber kein richtiger Titelanwärter gewesen ist.

Formel 3 2024 - Tim Tramnitz - Red-Bull-Junior - MP Motorsport
xpb

Money talks, talent helps

Der Hamburger Tim Tramnitz hat die Fallstricke des Junior-Rennsports aus etlichen Perspektiven erlebt. Er berichtet: "Geld ist der alles entscheidende Faktor. Bereits im Kartsport sieht man, wie andere Piloten dank des Familienvermögens oder starker wirtschaftlicher Kontakte Dutzende Testtage abspulen. Während man selbst glücklich sein muss, auf eine Handvoll zu kommen. Vom Start weg fährt man im Aufhol-Modus. Dieses Ungleiche ist eine bittere Lektion für einen noch sehr jungen Fahrer."

Dazu kommt der riesige Wert von Kontakten. Diese hat man entweder als ein Sprössling des Sports. Ein perfekter aktueller Beweis ist hier Kimi Antonelli, dessen Vater ein Rennteam betreibt und so die Gefahren des Systems versteht. Oder man besitzt die entsprechenden Finanzen, um sich die Gewissheit zu kaufen, dass der eigene Nachwuchs nicht von windigen Geschäftsmännern ausgenommen wird. Für diesen Fall kann Lando Norris als Beispiel herhalten. Der natürlich auch entsprechendes Talent mitgebracht hat.

Was macht man nun ohne eine Familientruppe oder (laut der "Sunday Times") 200+ Millionen Pfund? Zunächst mal gute Nerven haben. Und dann bei Programmen wie dem Motorsport Team Germany vorsprechen. Das Projekt der ADAC Stiftung Sport und des DMSB, zusammen mit vielen weiteren Unterstützern aus dem Sport und der Autoindustrie, will diese Lücken überbrücken. Junge Fahrerinnen und Fahrer – auch aus dem hier wegen der speziellen Umstände ausgeklammerten, aber nicht ignorierten Motorradbereich sowie Disziplinen wie Rallye – bekommen ehrliche Unterstützung.

Kimi Antonelli - Mercedes - Formel 1 - GP Brasilien 2025
Sam Bagnall via Getty Images

Vorbilder und Schrecken

Das Portfolio an Hilfe zeigt sich vielfältig. Nach einer erfolgreichen Sichtung liefern die uneigennützigen Experten Wissen aus zahlreichen Bereichen. Das fängt bei Klassikern wie Ernährung, Antidoping und Medien-Training an. Wird ergänzt um extrem relevante BWL-Kenntnisse mit dem Ziel der Sponsor-Akquise. Und findet seinen spezifischen Höhepunkt in Technikschulungen. Der gelernte Ingenieur und Vorsitzende der ADAC Stiftung Sport, Wolfgang Dürheimer, beschreibt: "Da kommt zum Beispiel ein Abgesandter von der Porsche-Fahrwerkstechnik und erklärt den Automobilisten, wie man so ein Fahrwerk einstellt."

Vorbildhafte Systeme gibt es schon länger in Frankreich und Italien. Ihre Erfolge zeigen sich nicht nur in der aktuellen F1-Aufstellung, sondern auch an den Siegerlisten der Juniorserien. Beispielsweise hat die Grande Nation in Macau massiv abgeräumt. Das deutsche Gegenstück kann sich einiges abschauen.

Bei der FIA zog ebenfalls die Erkenntnis ein, dass der Status quo nicht nachhaltig ist. Emanuele Pirro resümierte: "Die Kosten müssen sinken. Natürlich sehen die Grids im Jugendsport aktuell sehr gut aus, aber vieles beruht auf privatem Geld. Die FIA arbeitet an Maßnahmen wie Testlimits und Kompensationen."

Fazit