Werksbesuch bei Lamborghini

So entstehen Aventador und Huracán

Lamborghini - Fabrik - Produktion - Sant'Agata Bolognese Foto: Charlie Magee/Lamborghini 27 Bilder

Im kleinen Sant’Agata Bolognese formen sie aus Rohkarossen, V10- und V12-Motoren Sportwagen mit mehr als 600 PS. Wir haben Lamborghini besucht – und uns den Produktionsprozess von Huracán und Aventador angeschaut.

Die große Uhr tickt. Noch 80 Minuten. Ein paar Meter weiter baumelt ein V12-Aggregat inklusive Siebengang-ISR-Getriebe an einem gelben Trapez aus Stahlträgern. Zwei Ketten verbinden es mit zwei Kranschlitten an einem Schienensystem, das sich wie das Streckennetz der deutschen Bahn über die Decke zieht. Die Träger, die maximal 750 Kilogramm aushalten, kriechen etwa fünf Zentimeter pro Sekunde voran und verlieren dabei langsam an Höhe.

Lamborghini - Fabrik - Produktion - Sant'Agata Bolognese
Video aus der Lambo-Fabrik 20 Sek.

V12 in den Aventador gepflanzt

Unten warten eine bereits grün-lackierte Karosserie und zwei Mechaniker. Die zwei Männer tragen kurzes Haar, Bart, und ein schwarzes Poloshirt mit Italien-Flagge auf dem linken Ärmel und einem Lamborghini-Logo auf der linken Vorderseite. Auf der Rückseite zieht sich der Schriftzug „Produzione Lamborghini“ von Schulterblatt zu Schulterblatt.

Wir sind in Sant’Agata Bolognese, einer kleinen Gemeinde in der Emilia Romagna, wo Lamborghini seine Autos zusammenbaut. Im aktuellen Produktionsprozess sind das die verschiedenen Ausprägungen von Huracán und Aventador. Und wir erleben gerade live, wie zwei der etwa 1.300 Lamborghini-Mitarbeiter einen V12 in einen Aventador pflanzen.

Mit Handschuhen packen sie an der „Linea Aventador“ den Antriebsstrang an und führen ihn mit dem Getriebe voran langsam an seine Einbauposition. Das ISR-Getriebe (Independent Shift Rod) schiebt sich unter die Mittelkonsole, später wird es der Fahrer bei jedem automatisierten Gangwechsel klacken hören, und der V12 nimmt seine Mittelmotor-Position ein. Es ist eine Operation am offenen Herzen. Krümmer, Auspuff, Nebenaggregate schränken den verfügbaren Platz zwischen Karosserie und Antriebsstrang an manchen Stellen auf eine Fingerbreite ein.

87 Minuten für einen Aventador, 40 für den Huracán

Jeden Tag stellt Lamborghini in seiner Fabrik im Schnitt 5,25 Aventador her. Der Fertigungsprozess dauert exakt 87 Minuten pro Supersportwagen. Darum die tickende Uhr, die von der Decke mit dem Schienensystem hängt. Der Unterschied zur Bahn: Bei Lamborghini haben sie keine Verspätung. Der italienische Hersteller hat jeden Arbeitsschritt genau getaktet. Ist die Uhr abgelaufen, bewegen sich die späteren Supersportler auf Schienen weiter.

Lamborghini setzt seine Modelle auf zwei Produktionslinien zusammen. Auf einer die verschiedenen Aventador-Versionen, auf der anderen den Huracán. Das Einstiegsmodell bauen sie in Sant’Agata Bolognese elf Mal pro Tag in etwa 25 Arbeitsschritten und jeweils 40 Minuten. Klar, dass dafür die lackierte Karosserie und der zusammengebaute Antriebsstrang schon parat stehen müssen. Im letzten Jahr verkaufte Lamborghini 3.245 seiner Supersportwagen – Rekord.

Die Fabrik in Sant’Agata Bolognese ließ Ferruccio Lamborghini Anfang der 1960er Jahre errichten. Ein Stück geziegelter Fußboden – vielleicht ein Quadratmeter – erinnert an den Ursprung der heute modernen Fabrik. „Pavimiento originale del 1963“, beschilderte es Lamborghini. 53 Jahre später ist der Fußboden weiß und grau, über ihn ziehen sich graue, gelbe, blaue, rote und grüne Linien als Markierungen. Das gesamte Werksgelände mit Produktionsstätte, Verwaltungsgebäude, Designstudio und Co. misst heute etwa 100.000 Quadratmeter. Das entspricht 14 Mal dem Spielfeld in der Allianz Arena.

In der Produktionshalle piepst, surrt, hämmert es an jeder Ecke. Inmitten der Fabrik sitzt die „Linea Motori“. Hier arbeiten sie an den Herzstücken eines jeden Lamborghini. Seit dem Ende des Lamborghini Jalpa 350 im Jahr 1988 sind das nur noch V10- und V12-Triebwerke. Bis 2018 der Urus den V8 bei Lamborghini wiederbeleben wird. Der dann womöglich schnellste SUV der Welt soll die Absatzzahlen verdoppeln. So lautet zumindest der Plan.

Erste Testkilometer rund um Sant'Agata Bolognese

In der Selleria – zu Deutsch Sattlerei – hängen Lederlappen nebeneinander. Zum Beispiel „Fine Nappa“ in Schwarz, „Semi Anila“ in Braun oder „Alcantara“ in Rot. Entsprechend riecht es dort. „Wir überprüfen jedes Stück auf Ungereimtheiten. Meistens durch Frauen, weil sie einfach feinfühliger sind als Männer“, erzählt Francesco, der uns durch die Fabrik führt. Er zeigt auf weiße Kreise und Striche, die auf die Materialien gezeichnet sind – dort müssen die Frauen später entlang schneiden und nähen, damit die Stoffe auf Armaturenträger oder Sitze passen. „Die Überreste werden von einer Firma abgeholt, die sie wiederverwertet. Oder wir nutzen sie für unser Merchandising-Produkte.“

Während ein Fabrikarbeiter mit zwei Anhängern an uns vorbeibraust, erklärt uns Francesco die letzten Arbeitsschritte. „Zum Schluss kontrollieren wir jedes Detail unter einer Lichtanlage. Damit die Verarbeitung auch ja sauber genug ist. Dann füllen wir Öl und Benzin ein, und der Motor wird erstmals angelassen. Natürlich überprüfen wir in diesem Schritt auch die Elektronik.“ Was folgt ist die erste Testfahrt rund um Sant’Agata Bolognese.

In unserer Fotoshow zeigen wir Ihnen, wie Lamborghini Aventador und Huracán herstellt.

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